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Buchtipp Noemi Deitz: "Helen Buchholtz"

Erstaunlich selbstbestimmt wirkt die luxemburgische Komponistin Helen Buchholtz. Geboren 1877 stellte sie früh klar, dass sie sich weder durch Hochzeit noch Geschlecht einschränken lassen wird. Erstaunlich ist aber auch, dass sie zu Lebzeiten kaum eine ihrer fast 200 Kompositionen veröffentlichte. Seit aber diese Werke Ende des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden, wächst ihre Bekanntheit kontinuierlich. "Helen Buchholtz - Komponieren zwischen zwei Welten" heißt eine Monografie, die Musikwissenschaftlerin Noemi Deitz nun zu Buchholtz' Leben veröffentlicht hat.

Cover des Buchs Noemi Deitz: "Helen Buchholtz" | Bildquelle: Böhlau Verlag Köln

Bildquelle: Böhlau Verlag Köln

Eine Bedingung stellt Helen Buchholtz vor ihrer Hochzeit: Sie werde Bernhard Geiger nur heiraten, wenn er auf Kinder verzichte und ihr genug Freiraum zum Komponieren lasse. 36 Jahre alt ist Helen Buchholtz zu diesem Zeitpunkt. Für eine Frau im Jahr 1914 ist das für die Hochzeit ziemlich alt. Doch Buchholtz ahnt wohl, wie die Ehe ihre Freiheit einschränken könnte. Und sie ist selbstbewusst genug, sich schon im Vorfeld dagegen zu stellen.

Wenig Wissen über Helen Buchholtz' Leben

Helen Buchholtz hat wenig von sich selbst hinterlassen. Keine Tagebücher, kaum Briefe. Ein "autobiografisches Leben", wie Noemi Deitz es ausdrückt, existiert nicht. Trotzdem hat die Musikwissenschaftlerin nun die erste Monografie über die luxemburgische Komponistin geschrieben. Dass man heute überhaupt von Buchholtz' Kompositionen weiß, verdankt die Nachwelt übrigens einem glücklichen Zufall.

Buchholtz' Neffe fand Noten

Buchholtz' Neffe François Ettinger fand Ende des 20. Jahrhunderts in einem Koffer um die 200 Notenmanuskripte. Werke fast aller Gattungen: Lieder,, Chorstücke, Klavierwerke oder Sinfonisches. Und so gehört Buchholtz zwar heute zu den bekanntesten Komponierenden ihres Landes. Über ihre Intention, warum und für wen sie schrieb, über ihren Willen, ihren Antrieb aber ist relativ wenig bekannt.

Biografie und Musikanalyse

Die Komponistin Helen Buchholtz, Foto von 1905 | Bildquelle: Charles Bernhoeft Die Komponistin Helen Buchholtz | Bildquelle: Charles Bernhoeft Gleichzeitig ist ihre Musik Zeugnis. Buchholtz erhielt als Tochter aus gutbürgerlichem Hause vermutlich eine musikalische Ausbildung. Ein professionelles Musikstudium jedoch absolvierte sie nie. Deitz wechselt in ihrem Buch biografische Passagen und musikalische Analysen ab. Sie zeigt die Bezüge in Buchholtz' Kompositionen zur Romantik, vergleicht die Musik mit Brahms und Schubert. Beschreibt dann Bucholtz' Hochzeit, ihren neuen Wohnort Wiesbaden. Akkurat mit genauen Quellenangaben und einer ständigen Reflexion des eigenen Schreibens.

Keine launige Abendlektüre

Deitz Monografie zu Bucholtz basiert auf ihrer Dissertation. Sie zeichnet hier also kein Leben nach, sie forscht. Es ist ein wissenschaftliches Werk. So besteht nie die Gefahr, dass Bucholtz‘ Leben um einer guten Dramaturgie Willen künstlich aufgeblasen oder dramatisiert wird. Andererseits ist dieses Buch aber auch das Gegenteil einer launigen Abendlektüre. Und doch: Ein Eindruck von Buchholtz als Mensch entsteht.

Sie liebte Extravaganzen, etwa das Haar bodenlang zu tragen, lange Fingernägel zu tragen trotz Klavierspielen!
Buchholtz' Neffe François Ettinger

"Sie liebte Extravaganzen, etwa das Haar bodenlang zu tragen, lange Fingernägel zu tragen trotz Klavierspielen!" So berichtet es der Neffe François Ettinger. Seine Erzählungen machen Buchholtz als Mensch greifbar und begreifbar. Ettinger war zum Zeitpunkt seiner Beobachtungen ein Kleinkind.

Es gibt noch viel zu entdecken

Erst als alter Mann berichtet er von seiner plötzlich berühmt gewordenen Tante. Seine Erinnerung an Buchholtz ist also emotional und in Phantasie verschleiert. Die Aufarbeitung von Deitz hingegen ist wissenschaftlich und trocken. Und dazwischen? Klingt mit der Musik das, was Buchholtz als Ureigenes der Nachwelt hinterlassen hat. Und da gibt es noch viel zu entdecken.

Infos zum Buch

Noemi Deitz
"Helen Buchholtz"
Komponieren zwischen zwei Welten

Aus der Reihe: Europäische Komponistinnen (Band 11)
Böhlau Verlag Köln
424 Seiten, gebunden, mit 81 zum Teil farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-412-52964-2
49,00 Euro

Sendung: "Allegro" am 24. April 2024 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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