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Pianist Igor Levit: Notenblätter für Corona-Nothilfefonds "Wir lassen euch nicht alleine"

Es war ein pianistischer Marathon: Im ersten Lockdown im Mai 2020 führte Igor Levit das Stück "Vexations" von Erik Satie auf. Digital übertragen, über 15 Stunden lang. Nun wurden die 840 Notenblätter einzeln über das Internet verkauft und gingen weg wie warme Semmeln. Der Erlös der Notenblätter soll nun Musiker in der Pandemie unterstützen. Gleichzeitig wirft er der Politik vor, die Kulturbranche im Stich zu lassen.

Blick von oben auf Igor Levit, der am Flügel sitzt und Vexations von Erik Satie spielt | Bildquelle: Boris Fromageot

Bildquelle: Boris Fromageot

Pianist Igor Levit kann die Tränen nicht unterdrücken, als nach 12 Stunden bereits, alle 840 Notenblätter der "Vexations" neue Eigentümer gefunden hatten. "Ich weiß nicht, wie ich euch allen danken kann. Mir fehlen die Worte," schreibt Levit auf Twitter: "Und ja. Ich weine gerade. Vor Glück und Dankbarkeit. Ihr seid einfach unglaublich toll."

Es ist irre. Und ich bin wirklich sprachlos und glücklich und sehr, sehr, sehr, sehr dankbar.
Igor Levit im BR-KLASSIK-Interview

Solidarität mit den Musikern

Die Blätter wurden einzen im Internet verkauft. Jedes Blatt kostete 100 Euro. Innerhalb nur eines halben Tages kamen so 84.000 Euro zusammen. Das Geld geht je zur Hälfte an FREO - Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V. und den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung. In einer ersten Versteigerung des kompletten Notensatzes waren bereits 25.000 Euro für den guten Zweck gesammelt worden. Und auch im Interview mit BR-KLASSIK ist Levit noch ganz gerührt.

Was für eine unfassbare Solidarität der Menschen da draußen mit Musikerinnen und Musikern.
Igor Levit im BR-KLASSIK-Interview

Levit freut sich über den Erlös für die Künstler und die Solidarität, gerade In der jetzigen Situation, in der die Veranstaltungssäle geschlossen blieben. "Das war mein Hauptgedanke und wahrscheinlich der schönste Gedanke heute Morgen, als ich aufgewacht bin und merkte, zwölf Stunden nach Ankündigung ist im Grunde alles weg", so der Pianist: "Was für eine unfassbare Solidarität der Menschen da draußen mit Musikerinnen und Musikern. Und was für ein Gefühl. Wir lassen euch nicht alleine." Soldidarität und Wehrhaftigkeit: Mit dieser Erfahrung sei in ihm nun etwas aufgebrochen, betont Levit. Und kündigt an, dass dies nicht die letzte Aktion dieser Art bleiben werde.

Kulturbranche braucht eine Perspektive und Unterstützung

Der Pandemie müsse man mit Demut und Respekt begegnen, so Levit. Wer das nicht tue, begehe einen gravierenden Fehler. "Es sterben zu viele Menschen und da muss man sich verantwortlich verhalten. Wenn jedoch keine Veranstaltungen stattfinden könnten, dann bräuchten die Künstler Unterstützung." Das jedoch funktioniere nicht, kritisiert Igor Levit: "Die meisten Musikerinnen und Musiker fallen durch alle Gitter und Netze." Angekündigte Hilfen seien häufig der Rede nicht wert. Und manch einer, der hinter den Kulissen arbeite, könne noch nicht einmal Hilfen beantragen.

Politiker ignorieren Lebensrealität der Künstler

Die Lebensrealität der Künstler sei noch nicht bei den Politikern angekommen, bedauert Levit: "Das macht ungeheuer wütend." Die aktuelle Politik bezeichnet der Pianist als "unglücklich", auch, wenn es um das Thema Impfen gehe. In der Beschlussvorlage für die anstehenden Beratungen bekäme die Kultur erst viel zu spät eine Öffnungsperspektive, bei einer stabilen Inszidenz von 35.

Wechselbad der Gefühle

"Mein Hauptvorwurf an die Politik ist, was zwischen den Zeilen steht. Zwischen den Zeilen wird suggeriert, Kultur ist Gefahr, und zwar gesundheitliche Gefahr." Levit empfindet das als niederschmetternd, insbesondere auch deshalb, da die allermeisten der Branche finanziell alleinegelassen würden, wie er im BR-KLASSIK-Interview betont. Wut, Verzweiflung und Bestürzung: Das sind die Empfindungen Levits aktuell, während ihn gleichzeitig die Solidaritätswelle im Zusammenhang mit dem Verkauf der Notenblätter zutiefst bewege.

Levits Aufführung der "Vexations" Ende Mai 2020

Das Werk "Vexations" besteht nur aus einem einzigen Notenblatt, das 840 Mal wiederholt werden soll. Levit ließ für die Aufführung das Notenblatt 840 mal drucken, auf durchnummerierte Blätter. Um sich nicht zu verzählen und am Ende genau die 840 zu erreichen, legte er nach jeder Wiederholung ein Blatt nach dem anderen auf den Boden. "Vexations" ist übrigens französisch und bedeutet Quälerei.  

Sendung: "Allegro" am 03. März 2021 ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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