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Kritik - "Orlando" an der Wiener Staatsoper Gnadenlos gut gemeint

Zum ersten Mal wird in der Wiener Staatsoper das abendfüllende Werk einer Komponistin gespielt. Und passenderweise hat sich die österreichische Komponistin Olga Neuwirth für ihre neue Oper einen feministischen Stoff ausgesucht: Die Handlung basiert auf dem Romanklassiker "Orlando" von Virginia Woolf. Am Sonntag wurde "Orlando" uraufgeführt - mit Kate Lindsay in der Hauptrolle und in den opulenten Kostümen des Modelabels Comme des Garçons.

Olga Neuwirth: Orlando, Szenenfoto der Uraufführung an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Der Roman ist ein großes Vergnügen: Virginia Woolfs "Orlando" ist eine hintersinnige Satire auf die Geschlechterrollen. Die Geschichte ist ziemlich abgedreht, wird aber leichtfüßig erzählt: Orlando ist ein englischer Adliger, der in der Renaissance geboren wird, nicht stirbt und im Jahr 1928, als der Roman erschien, erst 36 Jahre alt ist. Der außerdem Gedichte schreibt und sich – und darauf zielt die Story – in eine Frau verwandelt, ohne dass er dadurch eine andere Person wird. Nur seine Umwelt nimmt ihn auf einmal ganz anders wahr, nachdem er sich in eine sie verwandelt hat. Der kleine Unterschied hat große Folgen, nicht zuletzt für die Wirkungsmöglichkeiten als Autor oder Autorin - aber dieser Unterschied liegt eigentlich nicht im Geschlecht, sondern im Echo der Gesellschaft. Das eben weitgehend ausblieb und auch heute noch anders ausfällt, wenn Frauen schreiben.

Aktueller Stoff

Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth im Rahmen eines Pressegesprächs anl. eines Auftragswerks für die Wiener Staatsoper in Wien. | Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com Komponistin Olga Neuwirth | Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com Woolfs "Orlando" ist eine treffsichere Kampfansage an alle Mechanismen, welche die weibliche Stimme zum Schweigen bringen. Und diese Mechanismen gibt es noch immer, so grundlegend sich die Gesellschaft seit den 20er Jahren auch gewandelt hat. Wie aktuell der Stoff ist, ergibt sich allein schon aus der eigentlich völlig irren Tatsache, dass diese Oper tatsächlich das allererste Werk einer Komponistin ist, das in den heiligen Hallen der Wiener Staatsoper je erklungen ist. Dass sich Olga Neuwirth von diesem Stoff faszinieren ließ, ist also leicht nachvollziehbar: Klar, diese Figur lädt zur Identifikation ein. Und dass Neuwirth als virtuose Klangerfinderin alle Mittel souverän beherrscht, die aus Musiktheater eine intellektuell und sinnlich aufregende Überwältigungskunst machen könnten, steht außer Zweifel. Nur geht das nicht ohne tragfähiges Libretto.

Regie bremst aus

Olga Neuwirth: Orlando, Szenenfoto der Uraufführung an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn Romane auf die Bühne zu bringen, ist ja im Sprechtheater wie in der Oper seit etwa 20 Jahren eine Übung, deren offenkundige Schwierigkeit nichts an ihrer allgemeinen Beliebtheit ändern konnte. In Wien geht sie so gründlich schief, dass man angesichts der fantastischen Möglichkeiten, über die Komponistin, Ensemble, Dirigent und Orchester eigentlich verfügen, nur verzweifelt den Kopf schütteln kann. Solange Olga Neuwirth, die das englische Textbuch gemeinsam mit der Dramatikerin Catherine Filloux verfasst hat, mehr oder weniger eng der Romanvorlage von Virginia Woolf folgt, könnte das tragfähiges Musiktheater sein. Jedenfalls in einer szenisch geschickteren Umsetzung. Leider ist die Regie von Polly Graham von einer erstaunlichen Statik und Unbeholfenheit.

Üppige Stoffmassen

Jedes Schülertheater spielt dieses planlose Aufstellen und Abtreten mühelos an die Wand. Den oratorienhaften Eindruck verstärkt, dass der Chor auf Ipads von Noten absingt. Wenn Orlando mit seiner oder - je nachdem - seinem Geliebten redet, schauen beide prinzipiell ins Publikum, statt miteinander zu interagieren. Sehenswert sind allein die phantastischen, opulenten Kostüme, die das Nobel-Modelabel Comme des Garçons entworfen hat. Leider drohen die Figuren hinter den üppigen Stoffmassen zu verschwinden.

Überwältigende Klangfantasie

Olga Neuwirth: Orlando, Szenenfoto der Uraufführung an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn In Gang gehalten wird die Handlung durch eine Erzählerin, der exzellent sprechenden Anna Clementi. Gut, ein epischer Bilderbogen könnte das immerhin sein, eine Art feministisches Geschichtspanorama. Wirklich großartig ist die Musik von Olga Neuwirth. Schier überwältigend ist ihre Klangfantasie. Das Orchester gurgelt und sirrt, die Klänge rotieren und gleiten, die historischen Zeiten schieben sich ineinander: Da werden Renaissance-Madrigale von Glissando-Strudeln überspült, verstimmte Cembalos liegen über Kreuz mit aparten Geräuschwerkzeugen von der Autobremse bis zum Donnerblech.

Redundante Klischees

Olga Neuwirth: Orlando, Szenenfoto der Uraufführung an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn Doch sobald die Oper Virginia Woolfs Roman weiterschreibt, sinkt ihr Stern unaufhaltsam. Fast die gesamte zweite Hälfte verlängert die Handlung, die bei Woolf im Jahr 1928 endet, bis in die Gegenwart. Jetzt ist es aus mit Ironie und Hintersinn, der letzte Rest von Handlung und dramatischen Situationen wird einer gnadenlos gut gemeinten Politrevue geopfert. Die nichts auslässt. Vom Holocaust holpern die Videoprojektionen über Hiroshima und 1968 in die Gegenwart. Alles wird angetippt: Konsumkritik, Gender, Populismus, Klimawandel - plakativ und ambivalenzfrei runtergebrochen auf erbarmungslos klappernde Klischees. Die Guten, die Genderfluiden und Klimabewussten appellieren an uns, die Zuschauer, die wir so gar nicht betroffen sind, und sie versichern uns, dass sie trotzig weitermachen werden, auch wenn die Kräfte des Bösen sie zum Schweigen bringen wollen. Das ist so gut gemeint, dass es wehtut. Und vor allem lang, redundant und spannungslos.

Dramaturgen gesucht

Und das ist ein Jammer, denn Kate Lindsay in der Hauptrolle singt ebenso großartig wie der Counter Eric Jurenas als Schutzengel, während Dirigent Matthias Pintscher das Riesenensemble mit bewundernswerter Souveränität durch die Klanggewitter lotst. Und man fragt sich ratlos: Wie konnte das passieren? Gibt es denn nicht kluge Leute an Staatsopern, deren Job es ist, tolle Komponistinnen mit tollen Textdichterinnen zusammenzubringen? Die kritisch Feedback geben, Kürzungsvorschläge machen, spiegeln und notfalls bremsen, wenn sich ein Produktionsteam verzettelt? Doch, die gibt es. Man nennt sie Dramaturginnen und Dramaturgen. Und Intendant. Haben sie sich nicht durchsetzen können? Oder fanden sie das gut?

Neuwirths "Orlando" in Wien

Aufführungstermine und Informationen zum Kartenverkauf auf der Webseite der Wiener Staatsoper.

Sendung: "Leporello" am 09. Dezember 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Mittwoch, 11.Dezember, 11:37 Uhr

Alexander Somek

Sehr zutreffend

Eine sehr wohlwollende Kritik, die sich zurecht vor dem musikalischen Können der Komponistin verbeugt, und die Schwächen des zweiten Teil genau auf den Punkt bringt. Danke.

Dienstag, 10.Dezember, 09:53 Uhr

Friederike von Stein

Regie und Dramaturgie

... leider war diese Uraufführung kein Musiktheater, sondern bestenfalls eine Klanginstallation, die in unserer Staatsoper nichts verloren hat. Angekündigt waren ja als Regisseurin die Karoline Gruber zusammen mit ihrem Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach, die an der Staatsoper bereits einen faszinierenden "Spieler" auf die Bühne gebracht haben - warum die nun nicht das Stück gemacht haben, sondern kurzfristig ersetzt wurden, weiß man leider nicht. Der Ersatz hat leider versagt: Der zweite Teil war so peinlich unreflektiert in den Aktualisierungen , das hätte man verhindern müssen. Die Figuren blieben blasse Behauptung ohne psychologische Tiefe - da hätte Frau Neuwirth schon Hilfe beim schwachen Libretto gebraucht. Schade - eine aufwendig vertane Chance!

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