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Album der Woche – Clara Schumann und Fanny Mendelssohn Kammermusik mit dem Nash Ensemble

Clara Schumann und Fanny Mendelssohn sind die beiden bekanntesten Komponistinnen der Romantik – in den Konzertprogrammen tauchen ihre Namen aber viel zu selten auf. Um ihre Musik bekannter zu machen, springen immerhin CD-Produzenten in die Bresche. Kammermusik der beiden liegt jetzt neu vor, eingespielt vom Londoner Nash Ensemble. Seit seiner Gründung 1964 hat sich dieses Ensemble immer wieder verjüngt, benannt ist es nach den prachtvollen Londoner Terrassen des königlichen Architekten John Nash. Und dank eines großen Musiker-Pools sind je nach Repertoire variable Besetzungen möglich.

Der CD-Tipp zum Anhören:

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Ein melancholischer Schleier liegt über dem Klaviertrio von Clara Schumann. Die Mitglieder des Nash Ensembles singen auf ihren Instrumenten und lassen ihre wehmütige Melodie zart aufblühen. Obwohl das elegische Stück auch dramatische Momente kennt, hatte Clara Schumann selbst keine hohe Meinung von ihrem Klaviertrio – ihr Urteil kommt einer Selbstbezichtigung gleich: "Freilich bleibt es immer Frauenzimmerarbeit, bei der es immer an der Kraft und hie und da an der Empfindung fehlt."

Formlos? Von wegen!

Ein im 19. Jahrhundert gängiger Vorwurf lautete, Kompositionen von Frauen seien "formlos". Geradezu fassungslos zeigte sich der Geiger Joseph Joachim über die kunstvolle Fuge im Finale von Clara Schumanns Klaviertrio – er konnte kaum glauben, Zitat – "eine Frau könne so etwas componieren, so ernst und tüchtig …"

Kurz und bündig

Dieses Album wird lieben, wer …
… die Kammermusik zweier romantischer Komponistinnen kennenlernen will, die im Gegensatz zu den Werken ihres Mannes bzw. Bruders sträflich vernachlässigt wird.

Dieses Album ist ein Hörgenuss, weil …
… das Londoner Nash Ensemble diese Raritäten auf höchstem Niveau interpretiert, mit Spielfreude und Klangsinn.

Dieses Album lädt zum Grübeln ein, warum …
… es Komponistinnen im Konzertbetrieb immer noch so schwer haben.

Die Angst der Genies vor weiblicher Konkurrenz

Auch Felix Mendelssohn zeigte sich von dem Stück beeindruckt. Seine Schwester Fanny, die später den Namen ihres Mannes Hensel annahm, war zwar selbstbewusster als Clara Schumann – aber irgendwann hat auch sie resigniert und nur noch für die Schublade komponiert: "Was ist übrigens daran gelegen?", resignierte sie. "Kräht ja doch kein Hahn danach und tanzt niemand nach meiner Pfeife."

Wie Robert Schumann fürchtete auch Felix Mendelssohn die Konkurrenz einer komponierenden Frau in der eigenen Familie. Zu Recht – denn in Fannys Klaviertrio bricht sich ein starkes Ausdrucksbedürfnis Bahn. Fanny Mendelssohns Überschwang spielt das Nash Ensemble ebenso aus wie ihr melodisches Talent. Das kommt vor allem im langsamen Satz zur Geltung, der an die "Lieder ohne Worte" ihres Bruders Felix erinnert. Ein Highlight des Albums ist außerdem Fanny Mendelssohns einziges Streichquartett. Ein besonderes Kabinettstück ist ihr mit dem schroffen Scherzo gelungen.

Kammermusik vom Feinsten

Einspielungen solcher Raritäten machen nur Sinn, wenn auch die Qualität stimmt. Und dafür stehen die Mitglieder des Nash Ensembles mit ihrer Brillanz und Eleganz, ihrer Leidenschaft und ihrem Klangsinn. Das ist Kammermusik vom Feinsten – bitte mehr davon!

Infos zur CD

Clara Schumann:
Klaviertrio g-Moll op. 17

Fanny Hensel, geb. Mendelssohn:
Klaviertrio d-Moll op. 11
Streichquartett Es-Dur

The Nash Ensemble of London:
Stephanie Gonley (Violine)
Jonathan Stone (Violine)
Lawrence Power (Viola)
Adrian Brendel (Violoncello)
Simon Crawford-Phillips (Klavier)

Label: Hyperion

Sendung: "Piazza" am 25. Juli 2020, 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK