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CD - "Sonata – Reminiscenza" Anna Zassimova spielt russische Klaviermusik

Der engagierte Einsatz für wenig bekannte Klavierwerke ihrer russischen Heimat hat Anna Zassimova schon viel Lob und Anerkennung eingebracht. Die in Moskau geborene und heute in Karlsruhe lebende Pianistin wurde bereits im Alter von fünf Jahren an die renommierte Gnessin-Musikakademie aufgenommen. Ein DAAD-Stipendium führte sie an die Karlsruher Musikhochschule, wo sie nicht nur ihr Klavier- und Kammermusikstudium mit Auszeichnung abschloss, sondern auch mit einer Studie über den Komponisten George Catoire promovierte. Catoire ist auch auf ihrer aktuellen Veröffentlichung wieder vertreten.

Der CD-Tipp zum Anhören:

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Anna Zassimova gestaltet die emotional fragile und harmonisch raffinierte "Fin de Siecle"-Musik Georges Catoires mit großer Einfühlung und feinen Nuancierungen. In einer Erstaufnahme stellt sie Catoires "Morceaux" op. 6 vor, delikat-poetische Kleinodien für Klavier. Hingebungsvoll und detailversessen nimmt die Pianistin sich auch der "Etude sur le Carré magique sonore" des russischen Musikpioniers Ivan Wyschnegradsky an. Dieser wurde besonders für seine mikrotonalen Kompositionen bekannt, die jüngere Kollegen wie Olivier Messiaen oder Pierre Boulez zu ähnlichen Werken in dieser Richtung inspirierten. Die von Anna Zassimova ausgewählte Etüde ist allerdings eine der wenigen Kompositionen Wyschnegradskys, die für konventionell gestimmtes Klavier geschrieben ist. In ihrer hochchromatisch und frei ausschweifenden Harmonik erweist sich der Komponist gleichwohl als musikalischer Neuerer in der Nachfolge Alexander Skrjabins.

Ausdrucksstarke Phrasierung und vielfarbiger Klavierklang

Als Mischung aus den verstaubten Archiven Chopins und der Sonne van Goghs beschrieb der Schriftsteller Boris Pasternak einmal die Musik seines Landsmanns Alexander Skrjabin. Dieser war nicht nur ein erfolgreicher Pianist und Komponist einer Musik, die Grenzen überschreitet. Er entwickelte sich zugleich zu einem Mystiker und Propheten, der die Welt mit seiner Kunst in einen Zustand ekstatischer Verwandlung versetzen wollte. Seine zwischen träumerischer Sehnsucht und rauschhaften Ausbrüchen schwankende Tonsprache stellt auch in frühen Werken, wie der von Anna Zassimova eingespielten Dritten Klaviersonate, hohe Anforderungen an die Interpretation. Die Pianistin wird diesen sowohl technisch als auch musikalisch voll gerecht. Mit ihrer ausdrucksstarken Phrasierung und ihrem vielfarbigen Klavierklang lässt sie schon die besondere Expressivität des späteren Skrjabin-Stils aufglühen. Fazit: Anna Zassimovas "Sonata Reminiscenza"-Album ist, sowohl in puncto Werkauswahl als auch was die mitreißende Interpretation betrifft, rundum empfehlenswert.

Anna Zassimova: "Sonata – Reminiscenza"

Peter Catoire: Nr. 1 aus Deux Meditations
Georges Catoire: Reverie, Contraste & Paysage aus den Quatre Morceaux op. 6
Nikolaj Medtner: Sonata Reminiscenza op. 38 Nr. 1
Alexander Skrjabin: Klaviersonate Nr. 3 fis-Moll
Vladimir Rebikov: Walzer "Jolka" op. 21 aus "The Christmas Tree"
Wassily Kalinnikov: Elegie
Anatoli Liadow: Präludien op. 11 Nr. 1 & op. 40 Nr. 3
Ivan Wyschnegradski: Etude sur le "Carre magique sonore" op. 40
Anna Zassimova (Klavier)
Label: Hänssler Classic

Sendung: "Leporello" am 11. September 2018, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK