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CD - "The Secret Fauré" Orchesterlieder und -Suiten von Gabriel Fauré

Der englische Dirigent Ivor Bolton war es, der dem Bayerischen Staatsorchester beigebracht hat, wie man Barockopern spielt. Auch das Münchner Publikum ließ sich anstecken von seiner Begeisterung für Händel. Doch Bolton kann auch Romantik. Das beweist er mit seiner neuesten CD, und die ist einem unterschätzten Komponisten gewidmet: dem Franzosen Gabriel Fauré.

Der CD-Tipp zum Anhören:

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Musik für Sommerabende: melancholisch, sinnlich und farbig. Gabriel Fauré hat nie einen Hit gelandet, der ähnlich eingeschlagen wäre wie der "Karneval der Tiere" seines Lehrers Camille Saint-Saëns oder der "Bolero" seines Schülers Maurice Ravel. Faurés bekanntestes Stück ist wohl die Sicilienne aus der Bühnenmusik zu "Pelléas et Mélisande". Schließlich stecken darin viele Qualitäten, die Faurés Musik unverwechselbar machen: eingängige Melodien, raffinierte Harmonik und diskreter Charme.

Inspiriert und unterhaltsam

Dass Fauré heute im Konzertleben vergleichsweise wenig präsent ist, liegt vor allem daran, dass er nur wenige groß besetzte Orchesterwerke geschrieben hat.  Umso reizvoller ist sind die Repertoire-Entdeckungen auf dieser CD. Das Album "The Secret Fauré" mit dem Symphonieorchester Basel enthält nämlich nicht nur die relativ bekannte Musik zu "Pelléas et Mélisande", sondern lüftet auch ein paar echte Geheimnisse. Da wäre etwa die Schauspielmusik zu Shakespeares Komödie "Shylock": ein Gelegenheitswerk, wie man so sagt. Aber was für eins! Angenehm zu hören, klug gemacht, inspiriert und unterhaltsam.

Guter Frauenchor

Emotional noch etwas tiefer geht die Schauspielmusik zu Alexandre Dumas‘ Drama "Caligula". Eigentlich gibt es keinen wirklichen Grund, dass diese Musik nicht öfter auf den Programmen steht. Außer, dass sie eben unbekannt ist. Allerdings braucht man einen wirklich guten Frauenchor, wie er Ivor Bolton mit der weiblichen Hälfte des Balthasar-Neumann-Chores zur Verfügung steht.

Überdosis "Tristan"?

Dass Fauré zwischenzeitlich vom Wagner-Fieber angesteckt war, hört man der Ouvertüre zu seiner Oper "Pénélope" an. Der "Wagnerismus" grassierte wie ein Bazillus unter den französischen Komponisten der Belle Epoque. Fauré war sogar eigens nach Bayreuth gepilgert, um die Musik seines deutschen Idols unter Idealbedingungen zu hören. Nach einer gewissen Überdosis "Tristan" klingt denn auch diese Ouvertüre. Das einzige Stück auf der CD, das an lauen Sommerabenden auf dem Balkon zu nachbarlichen Protesten führen könnte.

Wunderbare Leichtigkeit

Für mich die schönste Entdeckung sind die für Orchester bearbeiteten Lieder, gesungen von der fantastischen Sopranistin Olga Peretyatko. Hier zeigt sich Fauré von seiner inspiriertesten Seite. Kleine Besetzungen waren ihm ja am liebsten. Doch auch in den Orchester-Bearbeitungen, die teils von ihm selbst, teils von Schülern stammen, entfaltet diese Musik ihren intimen, unwiderstehlichen Reiz. Olga Peretyatko bringt ihren warm klingenden Sopran mit wunderbarer Leichtigkeit zum Leuchten. Und Ivor Bolton erweist sich als überaus klangsensibler Dirigent, der dem Symphonieorchester Basel samtene Farben entlockt. "The Secret Fauré" – eine lohnende Entdeckung.

"The Secret Fauré"

Gabriel Fauré:
"Caligula" op. 52 (Konzertversion für Frauenchor & Orchester)
Prelude zu "Penelope"
"Shylock" op. 57 (Konzertversion für Tenor & Orchester)
"Pelléas et Mélisande"-Suite op. 80
Diverse Orchesterlieder

Olga Peretyatko (Sopran)
Benjamin Bruns (Tenor)
Symphonieorchester Basel
Balthasar-Neumann-Chor
Leitung: Ivor Bolton

Label: Sony Classical

Sendung: "Leporello" am 25. Mai 2018, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK