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Der Fall James Levine Die Geschichte eines verdrängten Skandals

Wenn ein berühmter Dirigent 75 wird, gibt es ein festgelegtes Ritual. Orchester, mit denen der Jubilar zusammengearbeitet hat, reißen sich um Auftritte in möglichst großer Nähe zum runden Geburtstag. Plattenlabels werfen Boxen mit den schönsten CDs des Künstlers auf den Markt. Und Journalisten schreiben und senden Porträts. Im Fall von James Levine, der am Samstag 75 Jahre alt wird, und der von den 70er Jahren bis zum vergangenen Dezember einer der teuersten Dirigenten der Welt war, herrscht beredtes Schweigen. Das ist keine Lösung - sagt BR-KLASSIK-Redakteur Bernhard Neuhoff. Ein Kommentar.

James Levine dirigiert 2006 das Boston Symphony Orchestra im Konzerthaus Tanglewood in Lenox. | Bildquelle: ©picture-alliance/dpa

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Nach Feiern zumute ist keiner der vielen Institutionen, die sich einst um James Levine rissen, darunter die Wiener und Münchner Philharmoniker. Der Grund: Levine wird beschuldigt, junge Musiker sexuell belästigt zu haben. Die frühesten bekannten Vorwürfe reichen bis in die 60er Jahre zurück. Mittlerweile hat die Metropolitan Opera, wo er ab Mitte der 70er Jahre Musikdirektor war, den Fall untersuchen lassen, Verträge gekündigt und ihn auf Schadensersatz verklagt. Levine wehrt sich juristisch. Das Symptomatische an dem Fall: Gerüchte hatte es immer gegeben. Brancheninsider sagen: Jeder wusste es. Die Grüne Fraktion im Münchner Stadtrat hatte sogar gefordert, ein polizeiliches Führungszeugnis einzuholen, bevor Levine Chefdirigent der Philharmoniker wurde. Doch die Bedenken wurden beiseite gewischt: So ein großer Künstler war, zumindest offiziell, über jeden Verdacht erhaben. Und nun?

Musikkritiker sind selten investigative Journalisten

Als ich 1999 begann, als Musikjournalist zu arbeiten, stand Levines Antrittskonzert bei den Münchner Philharmonikern kurz bevor. Das erste, was ein älterer Kollege sagte, als ich auf Levine kam, hat mich damals schockiert: "Jetzt holen die diesen Kinderschänder!", rief er. Ich fragte verwirrt, was er damit sagen wolle. Ja, ob ich denn nicht wisse, was alle wüssten… Was macht man mit so einem verstörenden Gerücht? Natürlich gar nichts. Schließlich gilt die Unschuldsvermutung. Wir Musikkritiker sind selten investigative Journalisten, wir reden lieber über das Tempo bei Mozart. Das ist prinzipiell nicht verkehrt. Das Problem ist nur: Wir sind damit Teil eines Betriebs, in dem Stars einen fast übermenschlichen Nimbus haben. Und damit auch unverhältnismäßige Macht.

Levines Sturz ist tief. Gut möglich, dass er die MET, die er einst musikalisch so weit nach vorn gebracht hat, mit in den Abgrund zieht. Sollten sich die Sponsoren abwenden, könnte dies das weltberühmte Opernhaus in den Ruin treiben. Höhere Gerechtigkeit? Dass die Verantwortlichen der MET in all den Jahren nichts mitbekommen haben, ist schwer vorstellbar. Schließlich gab es interne Untersuchungen – die ergebnislos abgebrochen wurden. Weil es offenbar nicht wahr sein durfte.

Die Besetzungscouch ist weder ehrwürdig noch unantastbar

Aus den Geschichten der Opfer ergibt sich ein einfaches Muster: Wenn sie die Wahrheit sagen – was angesichts der großen Zahl der aussagenden Männer leider wahrscheinlich ist -, dann stellte ihnen Levine Karriereförderung gegen Sex in Aussicht. Die Besetzungscouch sei nun mal so alt wie das Theater, meinte kürzlich die große Christa Ludwig achselzuckend. Da mag sie traurigerweise recht haben. Doch das macht die Besetzungscouch weder ehrwürdig noch unantastbar.

Das Machtgefälle muss kleiner werden

Fälle wie der von James Levine sind eben kein unvermeidliches Schicksal. Ein paar Lehren liegen auf der Hand. Die wichtigste: Macht braucht Kontrolle. Intendanten und Dirigenten (es sind ja fast immer nur Männer) erfüllen eine Aufgabe. Sängerinnen, Ballett-Tänzer und Praktikantinnen auch. Alle haben Anspruch auf Respekt. Das Machtgefälle muss kleiner werden. Sängerinnen und Sänger, die sich allzu oft wehrlos und ausgeliefert fühlen, könnten lernen, solidarisch zu sein. Sie brauchen schlicht so etwas wie eine Gewerkschaft. Die Orchestermusiker machen es seit Jahrzehnten vor und müssen sich viel weniger gefallen lassen. Das könnte schon bei Kleinigkeiten losgehen. Viele Dirigenten werden immer noch ehrfürchtig mit "Maestro" angeredet. Das ist anachronistisch. Vor allen Dingen braucht die gesamte Klassikwelt dringend mehr Frauen in Machtpositionen. Bald wird man sich um berühmte Dirigentinnen reißen. Noch mögen viele Namen relativ unbekannt sein. Tolle Dirigentinnen aus Hochmut nicht jetzt schon einzuladen, ist so gesehen nicht nur ungerecht, sondern auch kurzsichtig.

Überholter Mythos von der moralisch besseren Klassikwelt

Auch wir Musikjournalisten sollten dazulernen: Neben feinsinnigen Betrachtungen zum Tempo bei Mozart gibt es auch weniger Erfreuliches zu berichten – wir müssen besser nachfragen. Und zu guter Letzt sollten wir uns von einem rührseligen Mythos verabschieden. Die klassische Musik bleibt für mich die faszinierendste Form des menschlichen Ausdrucks. Aber das heißt keineswegs, dass sie automatisch moralisch bessere Menschen aus denen macht, die sich mit ihr beschäftigen. Es ist an der Zeit, diesen hartnäckigen und im Grunde überheblichen Mythos zu begraben. Das nimmt der Musik nichts von ihrer Schönheit, das ist einfach nur realistisch und ehrlich.

Kommentare (1)

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Mittwoch, 27.Juni, 12:44 Uhr

Scholz

James Levine

Eine subtil analysierende und präzise Stellungnahme zum Thema Levine! Merci!

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