BR-KLASSIK

Inhalt

BR-Symphonieorchester in der Elbphilharmonie Auf akustischer Tuchfühlung

Am 20. Mai gaben Mariss Jansons und das BR-Symphonieorchester ihr Debüt in einem der spektakulärsten Gebäude der Welt. Längst hat sich die Elbphilharmonie in der öffentlichen Wahrnehmung vom Skandalbau zum Wunderwerk gewandelt. Über die Akustik wird allerdings kontrovers diskutiert. Viele schwärmen, einige Kritiker sind enttäuscht. Umso neugieriger waren die Musiker aus München. Was man aus der Elbphilharmonie für den neuen Münchner Konzertsaal lernen kann? Bernhard Neuhoff hat das BR-Symphonieorchester bei seiner Erkundungsfahrt begleitet.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu Gast in der Elbphilharmonie in Hamburg | Bildquelle: © Peter Meisel

Bildquelle: © Peter Meisel

Bis ich oben bin, dauert's. Eine dicke Menschentraube drängelt vor dem Eingang - wer die Aussichtsplattform besuchen will, braucht ein kostenloses Ticket. Anders lässt sich der Ansturm gar nicht bewältigen. Gerechnet hatte man mit 1,2 Millionen Besuchern im ersten Jahr. Schon jetzt sind es mehr als zwei Millionen, es werden wohl vier. Explodiert sind nicht nur die Baukosten, exponentiell übertroffen wurde auch der erwartete Publikumserfolg. Wegen des Elphi-Hypes hat man eilig 3.000 zusätzliche Abos aus dem Boden gestampft. Es gab 15.000 Bewerber. Der Schwarzmarkt boomt. Um allen eine Chance zu geben, werden Tickets nun auch im Losverfahren vergeben.

Dieser Saal ist ein Präzisionsinstrument. Er beschönigt nichts.
Christoph Lieben-Seutter, Intendant Elbphilharmonie

Glasklarer Klang bis in die höchsten Sitzreihen

Auf der Plaza schaut Ralf Springmann, Hornist im Symphonieorchester, über Stadt und Hafen. Die überwältigende Schönheit der Architektur macht ihn euphorisch. Aber die Akustik… Kollegen, die hier schon gespielt haben, erzählen nicht nur Gutes: "Es soll wie HD beim Fernsehen sein, hochauflösend. Wenn man jedes Hüsteln hört, ist das nicht unproblematisch. Ich bin gespannt!" Eine halbe Stunde später: Während der Einspielprobe steige ich langsam von Rang zu Rang, immer höher hinauf in die steilen Hanglagen der sogenannten Weinbergform. Als ich ganz oben bin, da, wo die Plätze bei exzellenter Sicht meist nur zehn oder zwölf Euro kosten, spielt Konzertmeister Anton Barachovsky gerade ein zartes Solo. Ganz nah klingt das hier oben, fast greifbar. Spontan muss ich an das antike Theater von Epidauros denken, wo man noch auf der höchsten Sitzreihe ein auf der Bühne geflüstertes Wort versteht.

Overkill an klanglicher information?

Aber will man das eigentlich? Diese Hyper-Transparenz, diesen Overkill an klanglicher Information? Pressetermin bei Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter: "Dieser Saal ist ein Präzisionsinstrument. Er beschönigt nichts. Dafür bringt er gute Ware optimal zur Geltung", so der Intendant. Klanglich unter die Lupe genommen zu werden, müsse man sich leisten können. "Es hängt schon sehr von den Dirigenten ab, ob die ein Gespür haben für Saalakustik. Es gibt welche, die gehen rein und musizieren einfach. Und es gibt welche, die spitzen die Ohren und sagen: Aha, so klingt das hier!"

Es wird viel experimentiert

Noch immer werde mit der Aufstellung experimentiert. Bässe rechts oder links? Wie hoch welches Podium? Akustiker Yasuhisa Toyota sei bei jedem wichtigen Konzert im Saal - auch an diesem Abend, erzählt Lieben-Seutter mit Wiener Humor: "Toyota sagt, es braucht Zeit, bis ein Saal eingespielt ist. Das rüttelt sich zamm sozusagen. Da müssen die Schrauben in der Bühnenkonstruktion noch festrosten, um die Vibrationen besser zu vermitteln. Das ist ein bissl die Mär, die man auch aus andern Sälen hört, dass es zwei Jahre dauert, bis ein Saal klingt, wie er klingen soll."

Permanent ausverkauft

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu Gast in der Elbphilharmonie in Hamburg | Bildquelle: © Peter Meisel Das BR-Symphonieorchester in der Elbphilharamonie | Bildquelle: © Peter Meisel So ist das mit der Akustik - niemand weiß, wo die Wahrnehmung aufhört und der Mythos anfängt. Dann lieber Zahlen. Wie es aussieht, wird sich 2018 die Summe der verkauften Konzertkarten in Hamburg gegenüber dem Vorjahr verdreifachen. Denn nicht nur die Elbphilharmonie ist permanent ausverkauft. Viel überraschender noch: Auch die alte Laeiszhalle sei voll geblieben, sagt der für beide Säle zuständige Intendant. "Wir haben grob überschlagen, dass sich innerhalb von zwei Jahren das Aufkommen von Konzertkarten verdreifacht hat. Wir hatten etwa 400.000 Karten in der Laeiszhalle und rechnen in der nächsten Saison in beiden Häusern mit bis zu 1,2 Millionen."

Anregungen für München?

Kann München das nachmachen? Und was soll die Landeshauptstadt von Hamburg lernen? Lieben-Seutter, von jahrelangem Streit gestählt, rät mit einem gewissen Sarkasmus: "Nicht sparen! Ein phantastisches Gebäude ist es schlussendlich gerade deswegen geworden, weil das Projektmanagement relativ schwach war. Es gab zwar furchtbaren Streit ums Geld bis hin zu Baustopp und Neuverhandlungen. Aber es ist nie einer gekommen, der gesagt hat: Jetzt lasst was weg! Oder: Macht eine billigere Fassade!"

Es sieht wunderbar aus und die Akustik ist sehr gut.
Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters

Instrumentale Pracht bei Ravels "La Valse"

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu Gast in der Elbphilharmonie in Hamburg | Bildquelle: © Peter Meisel Mariss Jansons leitete das Debütkonzert des BR-Symphonieorchesters in der Elbphilharmonie. | Bildquelle: © Peter Meisel Als kurz darauf das Konzert beginnt, ist hören und staunen dasselbe. Ravels "La Valse" hatte ich zwei Tage zuvor im Gasteig gehört, Block G. Der pianissimo-Beginn war dort ein mattes Grummeln, irgendetwas Tiefes, weit weg. Hier in der Elbphilharmonie entdeckt das Ohr lustvoll, was da eigentlich komponiert ist: Beim Tremolo sind die Bässe geteilt - ah, zwei Pulte spielen Pizzicato! Der Preis für die Genauigkeit im Klang ist seine Kühle. Homogen und emotional muss das Orchester selbst sein, die Akustik erledigt das nicht für die Musiker. Dafür funkelt die instrumentale Pracht von Ravels Orchestrierung trennscharf in allen Details. Und die kaum hörbaren Klarinettentöne in den Orchesterliedern von Thomas Larcher kommen wirklich aus dem Nichts - und haben doch magische Präsenz. Umso rauschender der Beifall für Mariss Jansons und das Symphonieorchester nach der Zugabe. Die Leute stehen von den Sitzen auf.

Gnadenlose Transparenz als Herausforderung

Nach dem Konzert unterhalten sich die Orchestermusiker hinter der Bühne über ihre Eindrücke. Sehr angetan, aber nicht durchweg begeistert. Bratschistin Christine Hörr sieht die gnadenlose Transparenz der Elbphilharmonie als Herausforderung, die zu Höchstleistungen erzieht. Doch für den neuen Münchner Saal wünscht sie sich mehr Wärme im Klang. Solche Stimmen hört man öfter aus dem Symphonieorchester.

Mariss Jansons gratuliert Hamburg

Mariss Jansons versteht die Elbphilharmonie nur bedingt als Modell für den neuen Konzertsaal: "Natürlich passt dieser Saal nicht für München. Schon allein, weil wir nicht so viel Platz haben." Was keineswegs seinen Respekt mindert vor dem, was hier gelungen ist: "Sehr eindrucksvoll! Es sieht wunderbar aus und die Akustik ist sehr gut. Ich bin sehr zufrieden. Natürlich habe ich ein paar Kommentare, aber im Grunde genommen möchte ich Hamburg gratulieren."

Sendung: "Leporello" am 22. Mai 2017, 16.05 auf BR-KLASSIK.

    AV-Player