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Kritik Tanzfilm "Yuli" Von Havannas Straßen auf die Ballettbühne

Der junge Carlos Acosta - genannt Yuli - wächst in einer ärmlichen Familie in Kuba auf. Er will eigentlich lieber Fußballer werden, sein Vater sieht in der Ballettausbildung aber eine Chance: das Land zu verlassen. Yuli verlässt Kuba. Er tanzt auf den berühmtesten Ballettbühnen der Welt, wird erster Solist beim Royal Ballet in London. Doch immer wieder packt ihn die Sehnsucht nach seiner Heimat, nach Kuba. Regisseurin Icíar Bollaín zeichnet seine Karriere nach.

Tänzer Carlos Acosta im Szenenbild des Tanzfilms "Yuli" | Bildquelle: © Piffl Medien

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Die Filmkritik zum Anhören

„Du willst also Tänzer werden?“, fragt die Direktorin der Ballettschule in Havanna. „Nein, will ich nicht“, antwortet Yuli. „Doch, er will.“, widerspricht Vater Pedro. Aber eigentlich will Carlos Acosta - genannt Yuli - Fußballer werden. Wie Pélé. Außerdem will er Turnschuhe. Und nicht dieses „schwule“ Zeug, das man als Tänzer tragen muss.

Yuli und sein Vater Pedro sitzen nebeneinander. | Bildquelle: © Piffl Medien Bildquelle: © Piffl Medien

Mit zehn Jahren wird Yuli von seinem Vater in Havannas berühmte Ballettschule geschleppt. Nicht, weil der Vater etwas fürs Tanzen übrig hätte. Er sieht darin eine Chance: Der Sohn soll es mal besser haben. Und nicht auf ein selbstgezimmertes Floß angewiesen sein, wenn er seine trostlose Heimat verlassen will.

Von einem trostlosen Havanna ist im Film nichts zu sehen. Gleich zu Beginn fährt die Kamera mit uns durch eine lichtdurchflutete, sommerwarme Metropole. Und auch sonst macht dieser Film alles, um unsere Erwartungen immer wieder zu durchbrechen.

Eine Kindheit in Havanna

Yuli hat eine liebevolle Mutter und verständnisvolle Lehrer. Sein außergewöhnliches Talent wird erkannt. Aber vor Kitsch und zu viel Gefühligkeit bewahrt uns die sympathische Renitenz des Zehnjährigen, der einfach nur Kind sein möchte. Yuli will sich mit Nachbarskindern auf der Straße im Breakdance messen, im Weiher schwimmen und in den Himmel schauen.

Immer wieder zieht es den jungen Yuli bei seinen Ausflügen zu einer geheimnisvollen Ruine – es ist ausgerechnet die reale, von Fidel Castro in den frühen 1960er Jahren begonnene und nie fertiggestellte Kunsthochschule. Dort sollte auch das Ballett einziehen. Ganz allein erkundet Yuli den leerstehenden Kuppelbau und dessen Akustik – es sind magische Filmmomente ohne Worte.

Sensationelles Debüt von Edilson Manuel Olbera

Der junge Carlos Acosta, genannt Yuli, ist glücklich. | Bildquelle: © Piffl Medien Bildquelle: © Piffl Medien

An diesen trägen Sommernachmittagen ist Yuli allein, aber glücklich. Edilson Manuel Olbera gibt in der Rolle des jungen Yuli ein sensationelles Debüt – in seinem Trotz, seinem Witz und seiner Unbeschwertheit. Und mit dieser zarten Trauer eines Kindes, das schon zu viel vom Leben weiß. Immer wieder büxt er aus dem Ballettunterricht aus – bis ihn sein Vater ins Internat steckt. Dort leidet er. Die Jalousien, durch die er in den Hof schaut, wirken wie Gitterstäbe eines Gefängnisses.

Wie tanzt man Einsamkeit? Oder Freundschaft? Oder Verzweiflung? Dieser Film zeigt es uns: Zehn außergewöhnliche Choreographien gliedern die Biografie von Carlos Acosta bis ins Erwachsenenalter. Es sind seine eigenen Choreographien, getanzt von seiner eigenen kubanischen Truppe. Und auch er selbst ist immer wieder dabei. Ein vertanztes Leben, atemberaubende Schlaglichter, faszinierend stimmig verwoben mit der Spielhandlung. Und die ist alles andere als vorhersehbar.

Diese Einsamkeit hab ich mein ganzes Leben gefühlt. Sogar heute als Erwachsener ist sie noch da. Die Einsamkeit verlässt dich nie.
Carlos Acosta

Mehr als eine Biografie in Bildern

Pausenlos, ohne Vorwarnung, wirft uns die Regisseurin Icíar Bollaín aus einer Stimmung in die nächste: Nach einem gefährlich eskalierenden Streit mit Türstehern feiert Yuli in Havanna mit seinen Freunden ein ausgelassenes Hinterhoffest, bis ein Stromausfall diesen nächtlichen Musiktraum zunichtemacht. Man kann sich als Zuschauer nicht wohlig einrichten in diesem Film, der viel mehr ist als eine bebilderte Biografie.

Tänzer Carlos Acosta im Szenenbild des Tanzfilms "Yuli" | Bildquelle: © Piffl Medien

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Yuli - der Trailer zum Film

ab 17.01. in den deutschen Kinos

Besetzung

Regie - Icíar Bollaín
Drehbuch - Paul Laverty
Musik: Alberto Iglesias
Carlos Acosta/Kind - Edilson Manuel Olbera Núñez
Carlos Acosta/junger Mann - Keyvin Martínez
Carlos Acosta/jetzt - Carlos Acosta

Sendung: "Allegro" am 17. Januar 2018 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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