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José Carreras zum 75. Geburtstag Eine Stimme wie flüssiges Gold

Sie waren mal zu dritt: der Italiener mit dem großen weißen Taschentuch, der Marathon-Mann aus Mexico – und der Gentleman aus Barcelona: Luciano Pavarotti, Placido Domingo und José Carreras. Für über ein Jahrzehnt schien es außer den dreien keine Tenöre auf der Welt zu geben. Pavarotti ist 2007 gestorben, Domingo singt mit über 80 immer noch und José Carreras hat sich heuer im Herbst in Wien eher still von der Bühne verabschiedet. Am 5. Dezember wird er 75 Jahre alt.

Bildquelle: imago/Sven Simon

21. Juli 1988. Ein wunderbarer Tag – mein Tag. Heute werde ich wieder singen, heute Abend in meinem geliebten Barcelona
José Carreras

Mit diesen Sätzen beginnt die Autobiografie von José Carreras, die 1989 erschienen ist. Hinter ihm liegt ein einjähriges Martyrium – die monatelange Behandlung seiner Leukämie-Erkrankung. Dass er sie mit einer Stammzellentherapie überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Aber natürlich hat die Stimme gelitten – auch wenn das viele Opernfans nicht wahrhaben wollen.

 Der junge Carreras

Bildquelle: picture-alliance/dpa Schon bei seinen ersten Auftritten, mit Mitte 20, sorgt José Carreras mit seiner berückend schönen Stimme für Schnappatmung beim Publikum: sinnlich ist sie, samtweich, wie flüssiges Gold. Ein Kritiker schreibt, Carreras klinge "wie Giuseppe di Stefano an Sonntagen" – wobei nicht bewiesen ist, dass Sänger an Sonntagen besser klingen als wochentags, aber man ahnt was gemeint ist. Mit dieser Stimme macht er rasch Karriere – sein blendendes Aussehen tut ein Übriges. Aber der auch im Privaten zurückhaltende und immer höfliche, liebenswürdige Katalane ist kein Poser, gibt nicht den Latin Lover. Die vokale Attacke ist sein Markenzeichen – darstellerisch hat er Präsenz, doch ein Bühnentier wird er nie.

Fernsehtipp: Die Doku "The lucky Tenor" zeigt Höhen un Tiefen von José Carreras' Karriere. Ab 05.12.2021 um 23:35 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

Eine Stimme ohne Grenzen

Sein Debüt feiert Carreras 1971 an der Seite von Montserrat Caballé. Sie glaubt an das Ausnahmetalent ihres Landsmanns, begleitet und unterstützt ihn, öffnet ihm die Türen. Bald kann er sich vor Anfragen nicht mehr retten: Alfredo, Nemorino, Rodolfo. Später Werther, Radames und Kalaf. Karajan bietet ihm in Salzburg den Don Carlo an – was Carreras nicht ablehnt, obwohl er mit 29 viel zu jung dafür ist. Aber was soll’s? Die prachtvolle Stimme ist da – und Karajan gibt man keinen Korb. In den frühen 80er Jahren werden die zahlreichen "Don Carlo"-Abende an der Bayerischen Staatsoper zu beglückenden, frenetisch bejubelten Sängerfesten – mit der Freni, mit Ghiaurov, mit Wolfgang Brendel und Kurt Moll. Und mit José Carreras.

Ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben
José Carreras

Kämpferisch zurück auf der Bühne

1987 dann die Schockdiagnose "lymphatische Leukämie". Carreras ist 40 Jahre alt. Und nach der Therapie ist vieles anders: der Stimmglanz ist weg, und die Kraft auch. Aber er kämpft sich zurück. 2014, mit 67, ist er noch einmal in einer Oper zu erleben – in der Rolle eines Richters, die ihm der österreichische Komponist Christian Kolonovits auf die angegriffenen Stimmbänder schreibt, unter anderem für die Tiroler Festspiele in Erl. Beim Schlussapplaus wird Carreras von den Ovationen schier erdrückt. Zart und zerbrechlich steht er auf der Bühne und lächelt tief gerührt ins Publikum. Jetzt wird er 75. Herzlichen Glückwunsch, José Carreras, alles Gute und danke für viele berauschende Opernabende!

Sendung: "Piazza" am 4. Dezember 2021 ab 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK