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Kritik – "Thomas" an der Bayerischen Staatsoper Am Ende doch Trost

Georg Friedrich Haas schreibt zusammen mit dem Librettisten Händl Klaus Opern, die menschliche Grenzzustände abbilden: Gnadenlos sezierend im Text. Musikalisch nicht durch irgendwelche Auflösungen abgefangen. Beim "Ja, Mai"-Festival gibt es nun "Thomas". Ein Stück, in dem der Sterbeprozess eines Menschen und die darauffolgenden Stunden seines Hinterbliebenen abgebildet werden. Man muss das aushalten. Es macht keinen Spaß. Es ist anstrengend und wahnsinnig beklemmend. Anna-Sophie Mahler hat das Stück, das 2013 uraufgeführt wurde, für die Bayerische Staatsoper inszeniert.

Szenenbild Oper "Thomas", Bayerische Staatsoper | Bildquelle: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl

Bildquelle: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl

Helles weißes Licht, Atemgeräusche. Ein Herz pumpt. Riesig, projiziert auf ein weißes Objekt, das beinahe den gesamten Bühnenraum des Utopia (ehemals Reithalle) einnimmt. Davor: Zwei Menschen, der Pfleger Michael und Thomas. Sie begleiten Thomas' Ehemann Matthias beim Sterben. Die Musik von Georg Friedrich Haas und die Worte von Händl Klaus begleiten diesen Sterbeprozess. Unglaublich genau. Beinahe sezierend. Michael und Thomas teilen sich die Worte. Was passiert da? Der Schluckreflex hört auf, ein Rasseln entsteht. Es sind präzise, beinahe kühle Beschreibungen von etwas Grunderschütterndem. Dann tritt der Tod ein.

Zunächst kaum Musik

Haas' Oper "Thomas" nimmt sich den Moment vor, an dem die meisten anderen Opern enden: den Tod. Ganz ohne Heldenruhm und ohne Verklärung. Matthias stirbt im Krankenhaus, an einem 5. August. Der Arzt trägt Herzversagen in den Totenschein ein. Die Worte erzählen, mehr rhythmisches Theater als Oper ist das. Es gibt kaum Musik am Anfang. Die Stimmen sind zerschnitten, keine verbundenen Melodielinien, sie springen mit den einzelnen Worten nach oben, nach unten. Das projizierte Herz hört auf zu schlagen. Ein Cembalo rauscht, irgendwo hinter der Bühne. Man sieht kein Orchester.

Zwischen Meditation und Krautrock

Szenenbild Oper "Thomas", Bayerische Staatsoper | Bildquelle: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl Bildquelle: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl Haas hat hier fast nur für gezupfte Saiteninstrumente komponiert. Zwei Cembali, zwei Gitarren, plus Zither, Mandoline und Harfe. Das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Alexandre Bloch, spielt das klanglich schwindsüchtig und trotzdem scharf und präsent. Musik, die nirgendwo hin will, sie hält den Moment vielmehr an. Klingt mal nach Krautrock, mal nach Meditation. Die Mikrotonalität, die Haas hier nutzt, ist außerhalb unseres emotional bekannten Tonsystems. Kein Dur, kein Moll. Man fühlt erst einmal nichts. Und das trifft diesen völlig entgrenzten Zustand des Sterbens. Die Musik transportiert die Ruhe, das Anhalten sämtlicher Emotion und den Schock, der in der Konfrontation mit dem Tod liegt.

Später dann bewegt es sich etwas. Der hinterbliebene Thomas, mit starker ausdauernder Präsenz gesungen von Holger Falk, geht die ersten Schritte zum Begreifen, zum Trauern. Die Schwestern waschen den Körper als flirrend außerweltliche Wesen, bestückt mit bunten LED-Lampen. Frau Fink (Hélène Fauchère), eine sehr skurrile Bestatterin, taucht auf. Am Ende eine Auferstehungsvision, so traurig, so einsam, wenn Thomas ein letztes imaginäres Abendmahl mit seinem toten Geliebten isst.

Nach dem Sterben wird der Blick aufs Orchester freigegeben

Szenenbild Oper "Thomas", Bayerische Staatsoper | Bildquelle: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl Bildquelle: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl Das Orchester sieht man nie. Es bleibt hinter dem riesigen Objekt, das den Bühnenraum ausfüllt. Das wirkt wie die große Leerstelle, die der Tod ist. Unbegreiflich und unfassbar. Das Libretto und die Musik bleiben, außer der biblischen Vornamen, ganz weltlich: Körper, Krankheit, Sterben. Einen Seelsorger brauche Thomas nicht, er glaube nicht, singt er. Doch so ganz in der flirrend mikrotonalen Nicht-Verortung lässt Regisseurin Anna-Sophie Mahler die Sache dann doch nicht. Denn am Ende öffnet sich das große weiße Objekt, gibt den Blick auf das Orchester frei, auf die Musik. Hinter dem Orchester singt das Ensemble InVocare Monteverdis Madrigal "Lamento d'Arianna".

Diese Ebene der Transzendenz entspannt. Die Regisseurin erlöst das Publikum am Ende so dann doch aus der beklemmenden Situation. Denn man sitzt dem armen Mann, in seinem unbegreiflichen Leid so objektiv, ja beinahe voyeuristisch gegenüber. Plötzlich aber kann sich diese Leerstelle mit Kunst füllen. Mit einer Entsprechung des Unbegreiflichen. Mit Trost.

JA, MAI – EIN NEUES FESTIVAL AN DER BAYERISCHEN STAATSOPER

Ja, Mai widmet sich ab der Spielzeit 2021/22 jedes Jahr im Mai frühem und zeitgenössischem Musiktheater. Es bezieht sich auf die Anfänge des Musiktheaters im ausgehenden 16. Jahrhundert und verknüpft gestern, heute und morgen miteinander. Die Anfänge der Oper treten in einen Dialog mit heutigen musiktheatralischen Perspektiven. Kerngedanke des neuen Festivals ist Zeitgenossenschaft, die Verortung von Musiktheater in der Gegenwart. Gleichzeitig spürt das Festival Verbindungen von zeitgenössischem Musiktheater zu anderen Genres und Kunstformen wie Sprechtheater, bildende Kunst und Tanz nach und geht mit Münchner Kunst- und Kulturinstitutionen Partnerschaften ein. Für die erste Ausgabe kooperiert die Bayerische Staatsoper mit den Münchner Kammerspielen, dem Residenztheater und dem Münchner Volkstheater mit und verbindet die Klangwelten von Georg Friedrich Haas mit Musik von Claudio Monteverdi.

 Sendung: "Allegro" am 24. Mai 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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