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Gergiev und Putin Die Symbolkraft des Konzertes von Palmyra

Präsident Putin und der Dirigent Valery Gergiev haben die Ruinen von Palmyra symbolträchtig zur Konzertbühne gemacht. Russland-Experte Johannes Grotzky sieht in der Aktion Russlands Linie verdeutlicht, für die Identitätsfindung historisch weit zurück zu blicken.

Russlandexperte Dr. Johannes Grotzky | Bildquelle: BR / Theresa Högner

Bildquelle: BR / Theresa Högner

Der russische Präsident Wladimir Putin und der Dirigent Valery Gergiev verdanken sich einander sehr viel: Putin hat dem Musiker das wohl teuerste Opernhaus der Welt in Sankt Petersburg spendiert und eingeweiht, das Mariinsky Zwei, zusätzlich zu einem hervorragenden neuen Konzertsaal für das Orchester des Theaters.
Gergiev wiederum ist ein wichtiger kulturpolitischer Botschafter für Putin. Er unterstützte den russischen Präsidenten im Georgienkrieg, bei der Annexion der Krim und im Krieg um die Ostukraine.

Schon einmal hatte Gergiev ein Konzert in Kriegsruinen dirigiert - auch dies zum größeren Ruhm der Kreml Politik. Nachdem sich Südossetien mit militärischer Hilfe Moskaus von Georgien abgespalten hatte, spielte  Gergiev - selbst Ossete - mit seinem Orchester in der total zerstörten Hauptstadt Zchinwali die Leningrader Symphonie von Schostakowitsch. Das war eine deutliche politische Anspielung, Schostakowitsch hatte seine Sinfonie unter dem Eindruck der damaligen Bedrohung Russlands durch den Faschismus geschrieben.

Mit dem Konzert im kriegszerstören Syrien wurde ein "Gebet für Palmyra" zelebriert. Dahinter verbirgt sich nicht nur die symbolische Rückkehr Russlands auf die politische Nahost-Bühne. Ein langes historisches Gedächtnis spielt derzeit bei Russlands Identitätsfindung eine zentrale Rolle - passend dazu sieht man in Moskau das Dritte Rom, den Hort der Rechtgläubigkeit. Und dies wird direkt aus dem oströmischen Christentum abgeleitet, das nach Russland weitergetragen wurde. Seither fühlt sich Russland als ideelle Schutzmacht des orientalischen Christentums in den Nachfolgestaaten des ehemals oströmischen Reichs.
Die Rechtskodifizierung von Kaiser Justinian, der in Konstantinopel - also dem Zweiten Rom - residierte, bestimmt heute noch orthodoxes Kirchenrecht. Und Justinian hatte Palmyra zu einer Bastion des Christentums ausbauen lassen, nachdem dort zuvor schon ein christlicher Bischofssitz eingerichtet worden war.

Seit der Nahost-Krise hat das russisch-orthodoxe Patriarchat in Moskau gemeinsam mit dem Kreml kritisiert, der Westen habe mit Unterstützung des arabischen Frühlings und durch den Irak-Krieg nahezu alle Kulturen im christlichen Orient zerstört. In der Tat haben schon die meisten Christen diese Unruheregionen verlassen. Dies - so hieß es seither einmütig in politischen und kirchlichen Verlautbarungen aus Moskau - dürfe in Syrien (mit dem proportional größten Anteil an christlichen Gläubigen in dieser Region) nie passieren.

Präsident Putin hat in seiner TV-Schaltung nach Palmyra von der Verteidigung der modernen Zivilisation gesprochen. Bei seiner einzigen offiziellen Begegnung mit dem syrischen Präsidenten Assad war sein Motiv noch konkreter: Viertausend islamistische Kämpfer aus der ehemaligen Sowjetunion sollen in Syrien im Einsatz sein. Und keinen einzigen davon will Putin wieder nach Russland lassen, sondern alle vor Ort vernichten. Gleichzeitig benötigt Putin neben seiner Schutzmachtrolle für das orientalische Christentum auch gemäßigte Verbündete in den islamischen Staaten. Denn nur so kann er den islamischen Teilrepubliken im eigenen Land wie Tatarstan oder Baschkortostan beweisen, dass er auch ihre Interessen zu verstehen weiß.

Somit hat das Konzert von Palmyra eine mehrschichtige propagandistische Symbolkraft für Russland - nach innen und nach außen.

Dr. Johannes Grotzky

Dr. Johannes Grotzky ist Professor für Osteuropawissenschaften, Kultur und Medien an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Von 1983 bis 1989 berichtete er als ARD Korrespondent aus Moskau, danach leitete er mehrere Jahre das ARD Hörfunkstudio Südosteuropa. Als Autor war er unter anderem regelmäßig für DIE ZEIT und die NZZ tätig.

Kommentare (1)

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Samstag, 07.Mai, 00:34 Uhr

Dr. Anne Herbst-Oltmanns, Wien

Palmyra-Konzert

Herr Grotzky liefert eine objektiv und historisch richtige Sicht des Konzertes (sage ich als Slawistin und Journalistin). Doch da können die Kreml-Kritiker zehnmal "Propaganda" schreien, emotional läßt mich das kalt. Die ahnen nicht, was mir Palmyra bedeutet, sie haben diesen tragischen Ort nie wie ich erlebt. Und ein Trost ist es für die dort Gebliebenen allemal, um die sich der Westen einen Dreck schert.
Wir hier können den Stellenwert eines solchen Ereignisses für die Syrer und alle dortigen Christen überhaupt nicht hoch genug einschätzen. Da ist es unerheblich, was man Herrn Gergijev an ideologischer Parteinahme anlastet...

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