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Festival d'Aix-en-Provence Viel düster Kühles im glühend heißen Aix

Zwischen hohen Temperaturen und hungrigen Stechmücken findet vom 4. bis 23. Juli in Südfrankreich das traditionelle Festival d'Aix-en-Provence statt. Heiter ging's bei den Opern-Neuproduktionen bisher allerdings weniger zu: Zur Musik von Mahler inszeniert Regisseur Romeo Castellucci eine Totenmesse. Auch Mozarts "Idomeno" wirkt ausgesprochen militärisch. Jörn Florian Fuchs ist für BR-KLASSIK beim Festival unterwegs und zieht eine Zwischenbilanz.

Mozarts "Idomeneo" beim Festival d'Aix-en-Provence, Regie: Satoshi Miyagi | Bildquelle: Jean-Louis Fernandez

Bildquelle: Jean-Louis Fernandez

Die Entscheidung kam sehr kurzfristig und hatte auch mit Tagestemperaturen von knapp über 40 Grad sowie einer Unzahl von erlittenen Mückenstichen zu tun. Der Kritiker flüchtete in der Pause von Mozarts "Idomeneo" und bekam spätnachts von einer vertrauenswürdigen Kollegin die Information: puh, der zweite Teil sei noch viel zerdehnter und langweiliger gewesen.

Satoshi Miyagi inszeniert Mozarts "Idomeneo"

Der japanische Regisseur Satoshi Miyagi versuchte, Mozarts spätes Vater-Sohn-Gottesdrama als streng reduziertes Schau-Spiel zu inszenieren – und blieb beim Versuch stecken. In der berühmten Freiluftstätte, dem erzbischöflichen Palast von Aix-en-Provence, blickt man auf Kuben und weitere Fahrgeräte, die von gut sichtbaren Bühnenarbeitern fast ununterbrochen hin und her bewegt werden. Darauf die Protagonisten – etwa die toll singende Sabine Devieilhe als trojanische Prinzessin Ilia. Um sie hat man ein bisschen Angst – eine falsche Drehung und der Absturz ist sicher.

Ein "Idomeneo" zum Vergessen

Michael Spyres gerät bei seinen Idomeneo-Koloraturen öfters in Wackeln. Ist seine luftig hohe Position Schuld? Zwischen den Figuren entsteht keinerlei Spannung, im Gegenteil. Lähmend schleppt sich das Ganze hin, leider konnte auch der eigentlich immer wundervolle Dirigent Raphaël Pichon mit seinem Ensemble Pygmalion wenig retten. Da hörte man einige originelle, quirlige Verzierungen, doch das Orchester tönte überwiegend blass und wirkte weit entfernt. Eine Aufführung zum Vergessen!

Musik von Gustav Mahler im Betonbunker

Mahler's Resurrection, neue Produktion des Festivals d'Aix-en-Provence, Dirigent: Esa-Pekka Salonen, Regisseur: Romeo Castellucci  | Bildquelle: Monika Rittershaus Mahler im Betonbunker | Bildquelle: Monika Rittershaus Wie anders dagegen der Auftakt des Festivals am 4. Juli. Allein der Spielort. Man fährt gut zwanzig Minuten mit dem Bus nach Vitrolles, in eine unwirklich-unwirtliche Gegend, karg und rau. Plötzlich taucht ein schmuddeliger, mit Graffiti geschmückter Betonbunker auf. Dort wurde vor etlichen Jahren mal kurze Zeit Sport getrieben und es wurden Popkonzerte veranstaltet. Dann gab man ihn auf. Romeo Castellucci belebt den Bunker nun mit einer Totenmesse, zu und mit Mahlers Zweiter Symphonie. Die heißt im Untertitel "Auferstehung" und das nimmt Castellucci wörtlich. Das Orchestre de Paris unter Esa-Pekka Salonen zeichnet mal wütend voluminös, mal zart irisierend die Reise von Angst und Verzweiflung zum Glauben an umfassende Rettung nach. Eine kleine Einschränkung: die offenbar notwendige elektronische Aussteuerung. Stark waren die Solistinnen Golda Schultz und Marianne Crebassa.

Romeo Castellucci inszeniert eine Totenmesse

Mahler's Resurrection, neue Produktion des Festivals d'Aix-en-Provence, Dirigent: Esa-Pekka Salonen, Regisseur: Romeo Castellucci  | Bildquelle: Monika Rittershaus In der Mahler-Inszenierung von Romeo Castellucci wird ein Leichenfeld ausgegraben. | Bildquelle: Monika Rittershaus Auf die mit Erde, Lehm, Matsch ausgestattete Bühne kommt anfangs ein hellweißes Pferd und sucht nach Wasser. Der Schimmel ist offenbar ausgebüxt und wird bald von einer jungen Frau gefunden, die im Erdreich allerdings noch etwas anderes findet und rasch Hilfe holt. Was nun folgt, ist das penible Ausgraben eines Leichenfelds, bald kommt das UNHCR – wir haben es also mit den Opfern eines Genozids zu tun. Diese werden fein säuberlich auf Planen drapiert, später abtransportiert. Die ständig anwachsende Masse von Toten wird durch Mahlers Schmerzensmusik zur Totenmesse – der erste Satz seiner Symphonie lautet ja auch Totenfeier. Es ist ein sehr an die Nieren gehendes Ritual, das sich nur gegen Ende hin etwas abnutzt, weil man sich an die Sache irgendwie doch gewöhnt hat. Fürs Finale (er)findet Castellucci aber noch eine wütend-hilflos weiter grabende Figur sowie eine Helferin, die ihren weißen Schutzanzug ablegt, der plötzlich wie eine Leichensack aussieht und ins dämmerige Licht nach draußen geht.

"Salome" von Richard Strauss auf dunkler Bühne

Von ähnlicher Intensität war leider nicht Andrea Breths Sicht auf Richard Strauss' "Salome". Diesmal spielte man im Opernhaus von Aix, wo die Luft dank Klimaanlage sehr kühl ist – was zur Inszenierung passt. Breth zeigt Salome als sehr junge Frau, die mit ihrer erwachenden, noch nicht erwachsenen Sexualität zu kämpfen hat und unbedingt einen Kuss des Predigers und Propheten Jochanaan will. Raimund Orfeo Voigt hat Breth eine dunkle Bühne gebaut, auf der die Charaktere überwiegend langsam, fast meditativ agieren. Die Choreographie stammt von Beate Vollack. Der Mond geistert in verschiedenen Stadien durch die Szenerie, den berühmten Schleiertanz verweigert Breth schlicht. Jochanaan taucht da auf und würgt Salome. Den Kopf des Propheten wird Salome später unsichtbar in einem großen Metalleimer küssen und dann von selbst sterben, den Libretto gemäßen Befehl von Herodes braucht es da gar nicht mehr.

Sängerin Elsa Dreisig debütierte als Salome

Elsa Dreisig als Salome beim Festival d'Aix-en-Provence | Bildquelle: Bernd Uhlig Elsa Dreisig als Salome beim Festival d'Aix-en-Provence | Bildquelle: Bernd Uhlig Während Angela Denoke die Herodias etwas leise, aber fein ausdifferenziert interpretierte, John Daszak als Herodes kraftvoll orgelte und Gábor Bretz einen ziemlich frischen, juvenilen Propheten gab, lag die Hauptaufmerksamkeit auf Elsa Dreisig als Salome-Debütantin. Dreisig spielt wunderbar, ihre Stimme hat ein wundervoll luftiges Timbre, aber die Anforderungen der gewaltigen Partie bewältigt sie nur rudimentär. Mag man die Inszenierung, kann man das vielleicht goutieren, aber es bleibt eine eigenartige, vielleicht zu frühe Besetzung. Eher durchwachsen war leider auch Ingo Metzmachers zwischen sanfter Verschattung und brüllend lautem Tuttikrach wechselndes Dirigat. Es spielte wieder das Orchestre de Paris.

Steigende Corona-Zahlen

Hinter den Kulissen hört man übrigens, dass das Festival gerade mit den wieder massiv steigenden Corona-Zahlen zu kämpfen hat und das Stattfinden der Aufführungen einer Zitterpartie gleicht. In der Stadt merkt man davon freilich nichts. Die Tourismuszahlen in der Provence sind so hoch wie lange nicht. Trotz hitzigster Temperaturen und ihren munter stechenden Begleiterscheinungen.

Sendung: Leporello am 7. Juli 2022, ab 16:05 Uhr, auf BR-KLASSIK

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