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Kritik – András Schiff bei den Salzburger Festspielen 2020 Zerbrechliches Glück

Bisher dominierte Beethoven bei den Solorecitals der Salzburger Festspiele. András Schiff geht allerdings auch im Jubiläumsjahr andere Wege: Schubert und Janáček standen im Haus für Mozart auf dem Programm. Nach anfänglichen Irritationen ein umso emotionalerer Abend für den BR-KLASSIK-Kritiker.

Der Pianist András Schiff im Profil | Bildquelle: picture alliance

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Was ist Flow? Psychologen versuchen schon lange, diesen ganz besonderen Zustand zu verstehen. Klar ist: Wer wirklich im Flow ist, erlebt einen Glückszustand. Eine große, oft extreme Herausforderung gehört dazu – und das Gefühl, ihr auf rätselhafte Weise gewachsen zu sein. Im Flow ist man hochkonzentriert – und trotzdem scheint alles wie von selbst zu passieren: Schwierige Passagen bei Schubert etwa. Oder bei Leoš Janáček. Man handelt willentlich und intuitiv zugleich. Eine Art hellwache Trance.

Der Flow – ein zerbrechliches Musikerglück

Große Musiker haben solche Flow-Erlebnisse ständig. Und man möchte sie darum beneiden. Wie unglaublich gut muss sich das anfühlen! Ein Verschmelzungserlebnis: Wenn nicht mehr zu unterscheiden ist, ob hier ein Interpret aktiv gestaltet – oder einfach nur macht, was die Musik von sich aus will. Es ist ja schon für uns, die wir zuhören, beglückend, sich davon mitreißen zu lassen. Wie schön muss es erst für den Musiker selbst sein? Doch wie alles Glück ist auch dieses zerbrechlich. Wir Zuhörenden spüren das manchmal fast körperlich: Wir leiden mit. Dann nämlich, wenn sich der Flow einmal nicht einstellen will, wenn der Musiker nicht loslassen kann, nicht in die Musik hineinfindet.

Erst gehemmt, dann gelöst

András Schiff bei den Salzburger Festspielen 2020. | Bildquelle: Salzburger Festspiele/ Marco Borelli Nach ein paar Minuten im Flow: András Schiff bei den Salzburger Festspielen | Bildquelle: Salzburger Festspiele/ Marco Borelli Beides konnte man erleben bei diesem Klavierabend, der gerade deshalb emotional besonders bewegend war. Etwa 15 Minuten dauert die Irritation: In den ersten beiden Schubert-Impromptus wirkt András Schiff angespannt, nervös, unfrei. Die Körpersprache ist ungewohnt steif, der Radius eng, die Musik will nicht fließen. Schlecht spielt Schiff natürlich nicht: Dafür ist er ein viel zu großer Musiker und glücklicherweise auch zu vertraut mit den Tücken des Bühnenberufs. Eigentlich ist alles da: die ausdrucksvolle Phrasierung, der singende, aber unsentimentale Anschlag, der Klangsinn und das Gespür für die harmonischen Ungeheuerlichkeiten dieser Musik. Doch Schiff wirkt fahrig, auf rätselhafte Weise gehemmt, verletzlich auch.

Wer András Schiff in Meisterkursen oder am Dirigentenpult in der Probe erlebt hat, weiß, dass dieser so leise und sensibel wirkende Künstler durchaus austeilen kann. Legendär sind die öffentlich ausgetragenen Fehden über Reizthemen wie die russische Klavierschule oder die richtige Flügelmarke. Eine bemerkenswerte Mischung aus Feinsinn und Robustheit zeigt sich da. Umso berührender, ihn hier bei den Salzburger Festspielen in all seiner Sensibilität zu erleben – und umso beglückender der Moment, in dem sich die anfängliche Irritation löst.

Befreiung in B-Dur

Er selbst mag es anders erleben, aber für mich ist er wie verwandelt in dem Augenblick, als er das Thema des dritten Impromptus in B-Dur anschlägt: Eine ganz schlichte, zu Herzen gehende Melodie. Schuberts unerklärlicher Zauber. Und plötzlich lockert sich alles. Die Gesten werden ausgreifender, die Körperspannung erhöht sich, alles wirkt spontaner, impulsiver. Nichts von Schiffs analytischer Intelligenz, seinem eminenten Wissen um Schuberts Bedeutungskosmos war weg. Nun kommt jedoch etwas hinzu: spontane, ansteckende Spielfreude. Der Flow ist da. Und er bleibt für den weiteren Abend.

Schubert im Vollkorn-Klang

Wie aufregend rau und farbig kann ein Bösendorfer klingen! Dass Schiff dem globalen Einheits-Sound der Firma Steinway skeptisch gegenübersteht, ist bekannt. Und dass er immer auf der Suche ist nach dem unverwechselbaren, zum Saal und zum Stück passenden Klang, kann sogar dazu führen, dass er unterschiedliche Instrumente im gleichen Konzert verwendet.

Schiff liebt die dunkler und etwas herb klingenden Bösendorfer-Flügel. Vollkorn-Klang sozusagen. Gerade bei Schubert ist dieser Verzicht auf die verführerische, aber auch etwas glatte Steinway-Brillanz ein Gewinn. Schiff entlockt diesem in rotem, stark gemaserten Holz ungewöhnlich aussehenden Instrument erstaunlich vielfältige Klangfarben. Jede Oktavregion scheint eine eigene Persönlichkeit zu haben: Hohes, mittleres und tiefes Register klingen durchaus individuell. Und das ist keineswegs ein Nachteil. Mit seiner Klangphantasie zielt Schiff ins emotionale Zentrum von Schuberts Musik: ihr harmonisches Hell-Dunkel, ihr ständiges Changieren zwischen Dur und Moll, Glück und Schmerz. Geradezu bestürzend intensiv erlebt man das in der Fragment gebliebenen, nur zweisätzigen, aber trotzdem monumentalen C-Dur-Sonate D 840.

Sprechend gespielt – von Schubert zu Janáček

Schiffs große Kunst ist es, Schuberts Melodien zum Sprechen zu bringen. Manchmal meint man fast, einen imaginären Text zu hören: Lieder ohne Worte, die von existenziellen Dingen erzählen. Das verbindet den Liedkomponisten Franz Schubert mit dem Operndramatiker Leoš Janáček: die Nähe zur gesprochenen Sprache. Und das macht die Gegenüberstellung von Schubert und Janacek so überzeugend. Der Tscheche ließ sich von den melodischen Verläufen beim erregten Sprechen inspirieren. Er trug sogar ein Notizbuch bei sich, um solche "Sprechmelodien" jederzeit aufschreiben zu können. In Janaceks Meisterwerken für Klavier, dem Zyklus "Im Nebel" und der Sonate "1. X. 1905", ist diese rhetorische Kraft seiner Musik in jeder Note präsent. Schiff ist hier ganz in seinem Element: Musik wird Klangrede, wie Nikolaus Harnoncourt das genannt hat.

Und wie gelöst ist Schiff nun! Die Zugaben von Schubert, Janáček und Bartók sind die pure Freude. Im Flow werden Leistung und Vergnügen, Spannung und Lust, Ernst und Spiel ununterscheidbar. Ein Gelingen, das selbst bei einem so erfahrenen Künstler wie Andras Schiff alles andere als selbstverständlich ist.

Ein Glückszustand, der sich gerade deshalb an diesem Abend intensiv mitteilt.

Sendung: "Leporello" am 26. August 2020 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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