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Höhere Gewalt: Ausfallhonorare für Künstlerinnen und Künstler? Wenn das Schicksal auf den Geldbeutel schlägt

Wenn ein Veranstalter ein Konzert absagt, steht dem Künstler normalerweise ein Ausfallhonorar zu. Es sei denn, es handelt sich um höhere Gewalt. In der Regel muss der Veranstalter in diesem Fall nichts zahlen, der Künstler geht leer aus. Das kam bisher selten vor, durch Corona wird dieser Zustand jedoch plötzlich zum Alltag. Der Bund übernimmt deshalb seit Ende April Ausfallhonorare für Veranstaltungen, die staatlich gefördert werden. Aber wie sieht es bei anderen Festivals und Konzertreihen aus? Haben die Künstler einfach Pech gehabt?

Geldscheine | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Die Situation ist so absurd und so surreal, dass es noch immer niemand fassen kann.
Günther Groissböck, Sänger

Opernsänger Günther Groissböck | Bildquelle: © Markus Konvalin / BR Fordert eine gemeinsame Interessensvertretung für Künstler: Der Bass Günther Groissböck | Bildquelle: © Markus Konvalin / BR Günther Groissböcks Leben steht Kopf. Im Sommer hätte er bei den Bayreuther Festspielen einen Monat lang den Wotan singen sollen. Außerdem hätte er im Frühjahr über dreißig Konzertabende gegeben. Sämtliche Verpflichtungen wurden jedoch wegen Corona abgesagt. Ob er ein Ausfallhonorar bekam, hing ganz vom Veranstalter ab – erzählt der Sänger: "In Straßburg hätte ich am 13. Mai einen Liederabend gegeben. Damals haben die Veranstalter einfach die Hälfte der Gage als Ausfall gezahlt, ohne großen Zirkus, sehr kulant. Der Musikverein Wien hat sich dagegen eine Frechheit erlaubt. Dort hat man erst wegen Höherer Gewalt abgesagt, aber dann zum Zeitpunkt, wo die Konzerte stattgefunden hätten, einfach andere Sachen gespielt. Es gab nicht einmal ein 'Tut uns leid!' Das kann man sich eigentlich so nicht bieten lassen."

Staatliche Regelungen

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat Ende April eine einheitliche Regelung für Ausfallhonorare vorgestellt. Sie gilt allerdings nur für Veranstaltungen, die vom Bund gefördert werden. Der Bund zahlt bei einer coronabedingten Absage dann ungefähr die Hälfe der Gage, bis maximal 2.500 Euro. Bayern hat dieses Modell Ende Mai übernommen. Allerdings ebenfalls nur für staatliche Einrichtungen und für Veranstalter, die vom Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert werden. Für die anderen Veranstalter, zum Beispiel städtische Theater oder private Festivals, gibt es bisher keine einheitliche Regelung. Dieser Flickenteppich sei schwer zu überblicken, erzählt Yvonne Weigold, Chefin der Künstleragentur Weigold und Böhm. Sie ist gerade mit vielen Veranstaltern in Verhandlung: "Wir haben von Mitte März bis jetzt 170 Konzerte verloren und 7 Ausfallgagen bekommen. Wir dürfen nicht alle Veranstalter verteufeln. Das ist schlicht ein systemisches Problem, weil viele subventionierte Veranstalter gar keine Ausfallhonorare zahlen dürfen."

Wir haben von Mitte März bis jetzt 170 Konzerte verloren und 7 Ausfallgagen bekommen.
Yvonne Weigold, Künstleragentur Weigold und Böhm

Manche wollen – können aber nicht

Auch beim Festival Kissinger Sommer sah es zunächst so aus, als könnten keine Ausfallhonorare gezahlt werden. Immerhin lag diese Entscheidung nicht bei Intendant Tilman Schlömp, sondern bei der Stadt. Doch die war aufgrund höherer Gewalt nicht verpflichtet zu zahlen. Und sie konnte es auch gar nicht. Bad Kissingen musste durch Corona selbst enorme Einbußen an Gewerbesteuern hinnehmen. Die Gelder sind also knapp. So geht es vielen Veranstaltern. Tilman Schlömp hat für den Kissinger Sommer allerdings eine Lösung gefunden: Der Förderverein ist eingesprungen und hat Ausfallhonorare im Volumen von 13.000 Euro möglich gemacht. Die Gelder gehen vor allem an die jüngsten und bedürftigsten Künstler.

Ich denke, es ist einfach die Pflicht der Konzertveranstalter, für die Zukunft Möglichkeiten zu finden, die Künstler nicht unangemessen zu benachteiligen.
Tilman Schlömp, Intendant Kissinger Sommer

Pauschalen für Konzertvorbereitung

Tilman Schlömp | Bildquelle: Stadt Bad Kissingen Tilman Schlömp, Intendant des Kissinger Sommers, will Künstlern in Zukunft garantierte Vorschüsse ausbezahlen. | Bildquelle: Stadt Bad Kissingen Durch die Höhere-Gewalt-Klausel in den Verträgen tragen die Künstler derzeit ein zu hohes Risiko, findet Tilman Schlömp. Deswegen ist er mit anderen Intendanten im Gespräch, um neue Verträge zu erarbeiten und die Künstler in Zukunft zu entlasten. Man denke zum Beispiel darüber nach, einen Teil des Honorars grundsätzlich als Vorschuss auszubezahlen: "Ein Künstler hat geprobt, hat in Reisen und in ein Instrument investiert. Und das dient ja dann am Schluss der Veranstaltung, dem Konzert. Insofern haben wir eine gewisse Pflicht, das anteilig zu honorieren."

Interessenvertretung für Künstlerinnen und Künstler

So eine Vorschuss-Pauschale könnte sich auch der Sänger Günther Groissböck vorstellen. Denn die Corona-Pandemie wird das Konzertleben noch lange beeinflussen. Neue Engagements werden unter Vorbehalt verhandelt. Die finanziellen Rücklagen vieler Künstler sind längst aufgebraucht. Gemeinsam mit weiteren 50 einflussreichen Gesangssolisten und einem Anwalt möchte Groissböck nun eine Interessenvertretung auf die Beine stellen. Als Vorbild denkt der Sänger an den Verein "Cockpit" – "wo einfach eine starke Gruppe, sprich Piloten, sich auf ein paar Grundregeln einigt und dadurch gegenüber dem Arbeitgeber eine starke Position einnehmen kann. Nach dem Motto: 'Freunde, ihr könnt mit uns nicht umgehen wie mit Leibeigenen!' Das ist im Kulturbereich teilweise passiert und darf so nie wieder passieren!"

Sendung: "Leporello" am 6 Juli 2020 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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