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Kritik - "Les vêpres siciliennes" an der Bayerischen Staatsoper Verdi mit Techno-Ballett

Erstmals kam Verdis "Sizilianische Vesper" im französischen Original auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters. Und mit der großen Überraschung hat sich Regisseur Antú Romero Nunes geschickt Zeit gelassen. Am Ende des vierten Aktes kracht auf einmal ein Lautsprecher, das Licht wechselt abrupt und es beginnt ein plötzlich abstruser Techno-Totentanz.

Les Vêpres siciliennes: Rachel Willis-Sørensen (Hélène); Bayerische Staatsoper 2018 | Bildquelle: © Wilfried Hösl

Bildquelle: © Wilfried Hösl

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Überschrift: Vier Jahreszeiten. So hieß auch die Balletteinlage der Uraufführung, damals in der Choreographie von Marius Petipa, die eine satte halbe Stunde dauerte. Jetzt hat sich Dustin Klein, selbst Mitglied des Staatsballetts, des Neuentwurfs angenommen. Die Sol Dance Company tanzen als futuristisch apokalyptische Wesen. Die passenden Beats zu Verdis Musik, genauer gesagt die Sound interference, kommen von Nick und Clemens Prokop. Herrlich zu beobachten, wie Dirigent Omer Meir Wellber dazu mit stylischen Kopfhörern das Bayerische Staatsorchester dirigiert. So erfüllt die Einlage in zeitgemäßer Weise genau den Zweck, den das Ballett in der Grand Opera hatte: eine kurzweilige, erfrischende Unterbrechung der Handlung. Insgesamt der stärkste Moment der Inszenierung.

Sehen Sie hier Bilder der Inszenierung

Stimmungsvolle und beeindruckende Bilder

Während der Ouvertüre taucht ein Flüchtlingsjunge mit orangener Rettungsweste auf und wirkt wie eine Mahnung in einer Zeit, in dem Begriffe wie Heimat, Vertreibung und Vergeltung große Aktualität besitzen. Ein Ansatz, den die Regie zunächst nicht weiter verfolgt. Der Junge taucht erst wieder auf, als sich Hélène gegen die Liebe zu ihrem Henri und für den Tod entscheidet. Eigentlich eine dramaturgische Schwachstelle bei Verdi, Hélènes Entscheidung wird begründet mit einem ominösen Schatten des Bruders, der zwischen den Liebenden steht. Hier ist es die Leiche des Jungen, die diesen Wendepunkt der Handlung bedrückend klar macht, weil er Hélène an das Leid ihres eigenen Bruders erinnert, der von der Besatzungsmacht der Franzosen ermordet wurde. Auch sonst setzt Nunes auf stimmungsvolle, beeindruckende Bilder, beispielsweise in schön arrangierten Tableaus. Das wirkt bisweilen, gerade im 3. Akt, ziemlich statisch, passt aber zum Bühnenbild (Matthias Koch) und macht die Grundidee schlüssig nachvollziehbar: die Agonie aller Beteiligten, das siechende Leben auf den Tod hin. Auf der Bühne herrscht Düsternis: schwarze Vorhänge und Plastikfolien, dräuender Nebel. Und doch hat die Szene eine schicke Ästhetik, die als Kontrast irritiert. Leider ist die völlige Offenheit des Bühnenbildes nach hinten und oben einmal mehr wenig sängerfreundlich.

Herausragendes Sängerensemble und ein Hustenanfall

Und gesungen wird auf sehr hohem Niveau. Allen voran Rachel Willis-Sörensen als Hélène, die es glänzend versteht, ihrer von Haus aus eher zarten Stimme Dramatik zu verleihen. In den anspruchsvollen Höhen und Koloraturen ist sie ohnehin ganz zu Hause. Erwin Schrott verleiht dem Procide raumfüllende Bühnenpräsenz. Potent und martialisch legt er ihn auch stimmlich an, bei so einem Racheengel hat Eleganz keinen Platz. Für den musikalisch einzig berührenden Moment sorgt George Petean als Montfort in seiner Arie "Au sein de la puissance". Bryan Hymel legt gewohnt stimm- und höhenstark los, wird aber im Verlauf des Abends merklich von Hustenanfällen heimgesucht. Im 5. Akt springt dann Leonardo Caimi ein, der seine undankbare Aufgabe höchst beachtlich löst. Omer Meir Wellber wählt großteils straffe Tempi. Perkussiv, fast trocken klingt bei ihm dieser Verdi, weniger Französisch inspiriert. So überzeugen das Bayerische Staatsorchester sowie Chor und Extrachor (Einstudierung: Stellario Fagone) in den auftrumpfenden Fortissimostellen am meisten. Zwischentöne sucht Wellber weniger, aber das passt durchaus zur düsteren, fatalistischen Anlage der Inszenierung. Am Schluss großer Jubel für die musikalische Seite und deutliche Zustimmung, gewürzt mit einigen notorischen Buhs, für das Regieteam.

"Les vêpres siciliennes" als Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper

Regie: Antú Romero Nunes
Chöre der Bayerischen Staatsoper
Bayerisches Staatsorchester
Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber

Premiere war am Sonntag, 11. März 2018.

Die Aufführung am Sonntag, 18. März 2018, wird ab 18:00 Uhr im Videostream live auf STAATSOPER.TV übertragen.
Informationen hierzu, zu weiteren Terminen und zum Vorverkauf finden Sie auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper.

Sendung: "Allegro" am 12. März ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Montag, 26.März, 10:15 Uhr

Hubert Witzany

Kritik an der Sizilianischen Vesper

Musikalisch ausgezeichnet, die Tanzeinlage zu Beat ist m. Meinung nach unpassend und stört das Gesamterlebnis. Wozu die schwebenden Figuren beim Liebesduett anregen sollen, ist mir völlig unklar. Es ist Schwachsinn pur und stört extrem die musikalische Darbietung. Eine Inszenierung, die weder die gesanglichen Darbietungen unterstützt, noch das Thema eindrucksvoll hervorhebt.
Als Durchschnittsverbraucher gebe ich eine glatte 5.

Dienstag, 13.März, 18:53 Uhr

Johannes Schneider

Kritik an der Sizilien. Vesper

Reine Hofberichterstattung!
Unter der neuen Hausleitung wird es solche "Aufführungen" hoffentlich nicht mehr geben!
Buh!

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