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Kritik - "Salome" an der Berliner Staatsoper Androgyne Todesgöttin

Am Sonntag hatte in der Berliner Staatsoper Richard Strauss' Oper Salome in einer Neuinszenierung von Hans Neuenfels Premiere, der die Geschichte im Stil einer UFA-Revue der 1930er-Jahre auf die Bühne brachte. Der 24-jährige Thomas Guggeis, Assistent von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, sprang kurzfristig für Dirigent Christoph von Dohnányi ein. Für unseren Kritiker war es ein szenisch wie musikalisch enttäuschender Abend.

"Salome" Berliner Staatsoper | Bildquelle: Monika Rittershaus

Bildquelle: Monika Rittershaus

DIE KRITIK ZUM ANHÖREN

Mit bühnenwirksamen Enthauptungen kennt er sich ja mindestens so gut aus wie der "Schichtl" beim Oktoberfest: Vor 15 Jahren ließ Hans Neuenfels in seiner Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" vier Köpfe rollen, neben dem Meeresgott Poseidon waren auch noch drei Religionsstifter fällig - Jesus, Mohammed und Buddha. Das brachte dem Regisseur bekanntlich jede Menge Ärger ein. Aus Angst vor islamischen Fundamentalisten und auf Anraten des Berliner Landeskriminalamts sollte die Oper 2010, lange nach der Premiere, still und heimlich vom Spielplan der Deutschen Oper Berlin genommen werden, was erst recht für Wirbel sorgte.

Ein Schädel geht zu Bruch

Das hat offenkundig den satirischen Ehrgeiz von Neuenfels angestachelt, jedenfalls wuchtete er gestern Abend an der Berliner Staatsoper gleich 42 Schädel auf die Bühne, und wieder ging es um Religion. Nun ist es mittlerweile üblich, am Ende der "Salome" von Richard Strauss nicht mehr das blutige Haupt von Johannes dem Täufer in einer Silberschüssel zu zeigen, also so, wie es die biblische Legende überliefert. Das wirkte fast immer unfreiwillig komisch statt schockierend. Also behelfen sich Regisseure mit eher abstrakten Kunstgriffen. Bei Hans Neuenfels steht Salome in der Schluss-Szene zwischen 42 Porzellan-Köpfen ihres angehimmelten Johannes, der hier Jochanaan heißt. Ein Exemplar geht dabei klirrend zu Bruch. Aufwühlend war das allerdings nicht.

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"Wilde is coming"

"Salome" Berliner Staatsoper | Bildquelle: Monika Rittershaus Bildquelle: Monika Rittershaus Und auch die Idee, in der hochdramatischen Salome die Geschichte des schwulen Textdichters Oscar Wilde mitzuerzählen, war beispielsweise letztes Jahr am Theater Regensburg von Brigitte Fassbaender deutlich prägnanter und fesselnder umgesetzt. Bei Neuenfels bekommt der Dichter unter der blutroten Leuchtreklame "Wilde is coming" seinen großen Auftritt, trägt ein imposantes Gemächt und zwingt den widerstrebenden Jochanaan mit brutaler Gewalt, ihn anzubeten. Den berühmten Tanz der sieben Schleier bestreiten Wilde und Prinzessin Salome gemeinsam als Pas de Deux, der hier in ein sadomasochistisches, ja kannibalistisches Ritual ausufert. Erhellend war das nicht, und dass die viktorianische Gesellschaft allerlei Gewaltfantasien ausbrütete und sexuell total verklemmt war, ist nun wirklich nicht neu.

Rakete, Dildo, Projektil

Klar, Oscar Wilde musste für seine blasierte Unbekümmertheit im Gefängnis bitter büßen, aber das hätten Neuenfels und sein Ausstatter Reinhard von der Thannen deutlich origineller bebildern müssen. So blieb es bei zu oft gesehenen Versatzstücken: Ein Raum wie aus einer Hollywood- oder UFA-Revue der 1930er-Jahre, hinten ein grauer Vorhang, rechts und links ragen geschwungene Seitenteile herein, auf der Spielfläche nur ein paar Stühle, alles im strengen schwarz-weiß. Einziger Augenkitzel: das Gefängnis von Jochanaan, eine bizarre Mischung aus Rakete, Dildo und Projektil. Das Ding schwebte zu Boden und sollte wohl ein nicht gerade raffiniertes Sinnbild für Sex und Gewalt sein.

Musikalisch enttäuschend

"Salome" Berliner Staatsoper | Bildquelle: Monika Rittershaus Bildquelle: Monika Rittershaus Auch die Darsteller trugen Kostüme der frühen Tonfilm-Zeit: Salome, gesungen von der litauischen Sopranistin Ausrine Stundyte, ist eine androgyne, gertenschlanke Todesgöttin im schwarzen Hosenanzug. Für sie gab es am Ende heftige Buhrufe, und tatsächlich war sie wenig textverständlich und stimmlich überfordert. Mehr Format zeigten Gerhard Siegel als Herodes und Marina Prudenskaya als eiskalte Herodias im bodenlangen Glitzerfummel. Auch Thomas J. Mayer als Jochanaan überzeugte gesanglich. Gleichwohl war es musikalisch ein sehr enttäuschender Abend.

Dirigent warf frustriert hin

Das lag nicht am 24-jährigen Dirigenten Thomas Guggeis: Er war sehr kurzfristig eingesprungen, hörbar nervös, ohne nennenswerte eigene Probenzeit und natürlich ohne viel Erfahrung. Das Ergebnis war entsprechend. Zwei wesentlich berühmtere Kollegen hatten abgesagt: Der zunächst eingeplante 88-jährige Zubin Mehta ist seit Januar erkrankt, der prominente Ersatzmann Christoph von Dohnányi hatte vor wenigen Tagen hingeworfen und seinen jugendlichen Assistenten in die Pflicht genommen, weil er mit der Regie von Hans Neuenfels nicht einverstanden war. So ging es also drunter und drüber, was Noch-Intendant Jürgen Flimm von der Bühne aus trocken kommentierte. Ende des Monats verlässt er das Haus Richtung Ruhestand - mutmaßlich urlaubsreif!

Sendung: "Allegro" am 5. März ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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