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Prekäre Situation für Lehrbeauftragte Billigdozenten an Musikhochschulen

Die Mehrzahl der Lehrbeauftragten an deutschen Musikhochschulen befindet sich in einer prekären Lage. Laut einer Umfrage haben 87 Prozent keine feste Stelle zusätzlich, 61 Prozent haben überhaupt keine andere Tätigkeit. Von den geringen Honoraren der Musikhoschschule können sie nicht leben. Am Mittwoch gab es zu dem brisanten Thema eine Podiumsdiskussion in der Münchner Musikhochschule.

Billigdozenten auf Musikhochschulen | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Billigdozenten an deutschen Musikhochschulen

Eindrücke von der Diskussion in der Münchner Musikhochschule zum Nachhören

Neben Professoren und festangestellten Dozenten gibt es an Musikhochschulen Lehrbeauftragte. Letztere bilden ein regelrechtes akademisches Prekariat. Die ursprüngliche Idee dahinter war, dass beispielsweise Musiker, die in einem Orchester fest angestellt sind, als Nebenjob für einige Stunden in der Woche an der Musikhochschule unterrichten und ein kleines Honorar dafür bekommen. Die Hochschule bekommt dadurch günstige Dozenten, und die Studenten erfahrene Lehrer, die aus der Praxis kommen. Lehrbeauftragte können sich damit auch für eine mögliche spätere Professur qualifizieren.

Kein Urlaubs- und Krankengeld, kein Kündigungsschutz

Billigdozenten auf Musikhochschulen | Bildquelle: picture-alliance/dpa Lehrbeauftragte an deutschen Musikhochschulen arbeiten oft in prekären Verhältnissen. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Die Korrepetitorin in der Ballettakademie der Münchner Musikhochschule, Anna Schilova, berichtet bei der Podiumsdiskussion, dass sie laut ihrem Rentenbescheid monatlich eine Rente von lediglich 216 Euro bekomme - wenn sie bis zum Alter von 67 Jahren arbeite und gleiche Beiträge wie jetzt bezahlt. Seit 25 Jahren unterrichtet Schilova an der Musikhochschule. 10,75 Unterrichtsstunden pro Woche werden ihr bezahlt. Vor- und Nachbereitung benötigen etwa doppelt so viel Zeit, werden aber nicht vergütet. Pro Stunde bekommt ein Lehrbeauftragter zwischen 36 und 45 Euro. Urlaubs- oder Krankengeld gibt es nicht. Wenn eine Unterrichtsstunde ausfällt, zahlt die Hochschule auch kein Honorar. Ohne das Einkommen ihres Ehemanns könnte sie sich nicht finanzieren, sagt Anna Schilova. Es gibt zudem keinen Kündigungsschutz. Die Verträge von Lehrbeauftragten gelten nur für ein Jahr.

Die Angst ist da, dass man irgendwann für zu alt befunden wird und gegen jüngere ausgetauscht wird.
Anna Schilova, Lehrbeauftragte an der Münchner Musikhochschule

Im Lauf der Podiumsdiskussion greift Musikhochschul-Vizepräsident Christof Adt zu Zynismus. Einerseits schätze er seine Lehrbeauftragten - auch, weil er um deren Bedeutung für die Hochschule weiß. Andererseits gibt er zu, dass er für jeden Lehrbeauftragten, der seine Arbeit niederlegt, "einfach einen Neuen“ findet.

Neue Stellen sind nicht vorgesehen

Billigdozenten auf Musikhochschulen | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Die Betroffenen zeichne eine hohe Leidensfähigkeit und Identifikation mit ihrem Beruf aus, so die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen, Verena Osgyan, bei der Podiumsdiskussion. Das Engagement der Lehrbeauftragten sei leicht auszunutzen. Unzufrieden mit der Situation zeigt sich Vizepräsident Christof Adt: Die Quote von 40% Lehrbeauftragten an der Musikhochschule würde er gern auf 25% reduzieren.

Jedes Jahr beantrage er Stellen, die er jedoch nicht bewilligt bekommt. Für 2017/18 seien keine neuen Stellen vorgesehen, wie die CSU-Politikerin Ute Primaves bestätigt. "Im Kultur-Etat sind sehr viele Anfragen zu befriedigen, die Lehrbeauftragten machen nur einen Teil davon aus", so Primaves.

Opposition fordert höhere Honorare

Anderer Meinung sind die Vertreter der Oppositionsparteien. Das Geld sei vorhanden, man müsse nur umschichten. Gefordert werden höhere Honorare für die Lehrbeauftragten, aber auch soziale Absicherung - und damit eine Änderung des Hochschulpersonalgesetzes. Man müsse genau hinschauen: Es gehe um Menschen, die von ihren Honoraren leben müssten. Dies sei es wert, dafür mehr Geld auszugeben, so Isabell Zacharias von der SPD.

Bei Lehrbeauftragten handelt es sich um eine Honorartätigkeit und kein Anstellungsverhältnis. Damit ist alles gesagt
. Christof Adt, Vizepräsident der Münchner Musikhochschule

Die festangestellten Dozenten - der Mittelbau - soll zudem aufgestockt werden. Insgesamt würden dann aber weniger Lehrende an einer Hochschule arbeiten - eine Aussicht, mit der sich die derzeitigen Lehrbeauftragten auch nicht anfreunden können. Isabell Zacharias von der SPD fordert mehr lautstarken Protest. Augenzwinkernd heißt es: Demonstration bringe manchmal mehr als Opposition. Doch auch hier tun sich die Betroffenen schwer. Viele trauen sich nicht auf die Straße, weil sie fürchten, dass dann ihre Verträge nicht verlängert werden.

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