BR-KLASSIK

Inhalt

Musiker fordern Einigung auf Visaregeln nach Brexit "Lose-Lose-Situation für beide Seiten"

Monatelange Tourneen, Gastauftritte oder Festival-Teilnahmen – das alles ist für britische Kulturschaffende nach dem Brexit viel komplizierter geworden. Tausende Musikerinnen und Musiker fühlen sich im Handelsabkommen nicht berücksichtigt und fordern jetzt eine schnelle Einigung zwischen Großbritannien und der EU. Besonders hart trifft es Musiker kleiner Ensembles.

Die Europaflagge und Englandflagge wehen im Wind. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Nach dem Auslaufen der Übergangsregeln zum Brexit Anfang 2021 dürfen Briten in der EU nicht mehr unbegrenzt leben und arbeiten. Touristen brauchen zwar kein Visum, wenn sie weniger als 90 Tage in die EU reisen, und auch kurze Geschäftsreisen sind möglich. Für Kulturschaffende, die größtenteils als Selbstständige arbeiten, gilt das aber nicht. Und das bedeutet zusätzlichen bürokratischen Aufwand und höhere Kosten. So müssen Musiker, die in der EU auftreten, einen gebührenpflichtigen Zollbegleitschein zum Beispiel für ihre kostbaren Instrumente haben. Hinzu kommen Hunderte Pfund für die Krankenversicherung. Einige Staaten verlangen außerdem eine Arbeitserlaubnis.

Solche zusätzlichen Bürokratiekosten könnten Karrieren zerstören, sagte der Chef des Branchenverbandes UK Music, Jamie Njoku-Goodwin, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa. Für britische Musiker seien Touren durch die EU besonders wichtig. "Es ist eine Lose-Lose-Situation für beide Seiten."

"Der britischen Kulturlandschaft droht ein Einbruch"

"Wenn man nicht reisen kann, stirbt die internationale Karriere", sagte der britische Pianist Julius Drake gegenüber der dpa. Niemand könne seinen Lebensunterhalt nur in Großbritannien verdienen, denn es gebe zu wenige Auftrittsmöglichkeiten, so Drake weiter. Und auch der britischen Kulturlandschaft drohe ein Einbruch.

Ich kann mir keine Welt vorstellen, in der in Großbritannien nur britische Künstler zu sehen sind.
Julius Drake, britischer Pianist

Derzeit herrsche große Verwirrung, sagt der britische Tenor Ian Bostridge. Am schwersten betroffen seien Ensembles und Orchester, vor allem solche, die von Tourneen lebten und keinen festen Standort hätten. Bostridge betont, die Künstlergemeinschaft müsse auf die Politik einwirken. "Wir sind enge Nachbarn, wir teilen dieselbe Kultur. Es ist lächerlich, dass es einfacher sein soll, in Russland aufzutreten als in Teilen der EU."

Musiker kleiner Ensemles besonders betroffen

Visa oder teure Zolldokumente für Instrumente – besonders Musiker von kleinen Ensembles, die viele ihrer Auftritte auf dem europäischen Kontinent haben, treffen die neuen Regelungen hart. Große Orchester wie die Berliner Philharmoniker oder das London Symphony Orchestra hingegen werden wohl weiterhin überall spielen können, meint der britische Dirigent und Leiter des Gabrieli Consort Paul McCreesh.

Die große Masse von Musikern, die in unterschiedlichen kleinen Formationen ihr Brot verdienen, werden Schwierigkeiten haben, ihre Karrieren fortzusetzen.
Paul McCreesh

Die Briten und die EU schieben sich gegenseitig die Schuld dafür in die Schuhe, keine großzügigeren Regeln gefunden zu haben. Musikerverbände fordern nun einen speziellen Ausweis für Künstler und anderes Bühnenpersonal, der die Ein- und Ausreise einfacher gestaltet und das Recht auf freie kulturelle Arbeitserlaubnis zwischen Großbritannien und der EU ermöglicht. Eine entsprechende Petition ist schon am Laufen. Bisher haben sie bereits mehr als 260.000 Menschen unterschrieben.

Auch der britische Komponist Michael Berkeley macht sich hierfür stark. Er sitzt im britischen Oberhaus und will dieses Thema dringend ins Parlament bringen: "Musiker leben zum großen Teil von ihren Tourneen, deswegen ist das eine sehr sehr wichtige Angelegenheit."

Der Brite Simon Rattle beantragt Deutsche Staatsbürgerschaft

Dirigent Sir Simon Rattle | Bildquelle: © Oliver Helbig Neuer Chefdirigent des BRSO in München: Sir Simon Rattle | Bildquelle: © Oliver Helbig

Der britische Stardirigent Sir Simon Rattle gab vor kurzem seinen Wechsel nach München bekannt. In der Saison 2023/24 wird er sein Amt als Chefdirigent von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks antreten. Rattles Ankündigung, das London Symphony Orchestra, das er seit 2017 leitet, zu verlassen, hatte die Klassikwelt in Großbritannien geschockt. Es gab Vermutungen, der Brexit könnte ein Grund dafür sein.

Rattle wies aber diese Spekulationen von sich, wonach sein Wechsel mit dem Brexit und den Schwierigkeiten, die sich durch den EU-Austritt ergeben, zusammenhängen würde: "Der Brexit macht uns allen das Leben sicherlich nicht leichter", sagte Rattle und betonte zugleich: "Er war aber nicht der Grund für meinen Wechsel nach München." Der Brite lebt schon seit fast 20 Jahren in Berlin. Gerade hat er den deutschen Pass beantragt, seine britische Staatsbürgerschaft will der 65-Jährige aber weiterhin behalten. "Natürlich, das wäre sonst emotional unmöglich", sagte er.

Sendung: "Piazza" am 16. Januar 2021 ab 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Mittwoch, 20.Januar, 17:05 Uhr

Tauschhuber

Brexitfolgen

Leider wird das nicht die einzige katastrophale Folge des Lose-Lose-Brexit sein, unter der noch Generationen zu leiden haben werden.
Als abschreckende Beispiel für Eurofugalkräfte nicht geeignet, da nur für wenige von wirklichem Interesse.
All diese Grenzubertrittsprobleme (Zollprobleme, Warenbegleitschein, Carnet de Passage etc. etc.) waren früher im internationalen Tournéebetrieb an der Tagesordnung. Die ungeheuren Vorteile der EU sind leider zu wenig bekannt und geachtet.
Der Brexit: ein Verbrechen an den jungen Menschen in Europa, Speziell im UK!

    AV-Player