BR-KLASSIK

Inhalt

BRSO und Yannick Nézet-Seguin auf Europatournee Unterwegs mit Clara Schumanns Klavierkonzert

Dieses Werk stand beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch nie auf dem Programm: Clara Schumanns Klavierkonzert in a-Moll. Dass die erste Europa-Tournee seit Pandemie-Beginn dieses Werk in den Mittelpunkt stellt, ist für Dirigent Yannick Nézet-Séguin zentral.

Yannick Nézet-Séguin | Bildquelle: Hans van der Woerd

Bildquelle: Hans van der Woerd

"Clara Schumann ist eine der wenigen Beispiele einer selbstbewussten Künstlerin gewesen“, erzählt Yannick Nézet-Séguin im Interview mit BR-KLASSIK. Gerade solche Pionierinnen seien besonders wichtig, denn Frauen hätten es in vielen künstlerischen Bereichen immer noch schwer, insbesondere Komponistinnen und Dirigentinnen.

Clara Schumann bereitete den Weg für junge Komponistinnen

"Ich setze mich dafür ein, dass Frauen in unserem Beruf sichtbar werden", sagt Nézet-Séguin. "Wir müssen sie alle in den Fokus nehmen, und das ist keineswegs übertrieben." Dieses Spotlight brauche es, damit sich wirklich etwas verändere, denn sporadisches Erscheinen reiche nicht mehr aus. "Wir müssen sie alle spielen, damit sie als Pionierinnen bekannter werden, die den Weg für die heutige Generation bereitet haben." Mit ein Grund, warum er sich entschieden hat, das Klavierkonzert von Clara Schumann mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 5. und 6. Mai in München aufzuführen und auch mit auf Tour zu nehmen.

Ich bin extrem stolz, dass wir Clara Schumanns Klavierkonzert zum ersten Mal mit dem BRSO aufführen und es auch mit auf Tour nehmen.
Yannick Nézet-Séguin

Livestream aus der Hamburger Elbphilharmonie

Vom 8. bis 14. Mai ist das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf Frühlingstournee durch Europa und macht am 11. Mai Station in der Hamburger Elbphilarmonie. Der Livestream ist ab 20.00 Uhr in BR-KLASSIK Concert und auf dem YouTube-Kanal der Elbphilharmonie zu erleben.

Es sei gerade nicht Roberts Klavierkonzert gewesen, das die Basis für Claras geliefert hätte, sondern umgekehrt. Nicht nur sei ihres vor seinem entstanden, Claras Ehemann Robert habe auch die Tonart von ihr übernommen: a-Moll. Das Klavierkonzert von Clara Schumann sei eindeutig von ihrer Persönlichkeit geprägt, erklärt Yannick Nézet-Séguin – eine Frau, die zwar jung, aber festentschlossen sei, sich zu behaupten.

Ungewöhnliche Harmonik und Orchestrierung

So sei es kein Wunder, so der Dirigent, dass ihr Konzert nicht nach Robert Schumann klinge. "Wenn überhaupt, dann klingt es nach Chopin." Doch sie schreibe in einer eigenen, ganz ungewöhnlichen Harmonik und auch die Orchestrierung sei weitaus besser als die von Chopin. Für Nézet-Séguin liegt das Highlight im Ausdruck der Liebe im zweiten Satz, der Romanze mit dem Cello.

Sich selbst findet Nézet-Séguin jedoch eher im Klavierkonzert Nr. 1 von Brahms wieder. "Ich war nämlich kein besonders rebellisches Kind, meine Eltern hatten es leicht mit mir", lacht er. Rebelliert habe er eher gegen sich selbst, als er einsehen musste, dass er nicht alles im Leben machen könne. Um Musiker zu werden, habe er schließlich von seinen anderen Berufswünschen Abschied nehmen müssen: Rechtsanwalt, Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Architekt. Auch jetzt denke er noch viel über einen Beruf parallel zum Dirigieren nach. "Ich würde gerne Florist werden." Dabei könne man sich mit Schönheit befassen und "man hat immer mit Blumen und nicht die ganze Zeit mit Menschen zu tun", lacht er. Nur die Finger würden darunter leiden.

Trotz Corona endlich wieder auf Tournee

Beatrice Rana | Bildquelle: Marie Staggat Spielt das Klavierkonzert von Clara Schumann auf der BRSO-Europatournee: Beatrice Rana | Bildquelle: Marie Staggat Und gerade diese hatte Nézet-Séguin während der Coronapandemie erst wieder so richtig trainiert. "Ich habe wirklich alle Noten durchgespielt, die ich noch aus Studienzeiten besitze – und das ist sehr viel", erzählt er. "Ich habe mir vorgenommen, es nicht nochmal so zu vernachlässigen." Er habe auch schon Konzertpläne mit Kammermusik, etwa mit der Solistin der BRSO-Europatourne, Beatrice Rana. Aber so einfach sei das nicht. Alle seien wieder ganz schön beschäfigt, sagt er. Dennoch freue er sich, dass "Orchester wieder auftreten und touren können".

Zuletzt war Yannick Nézet-Seguin im Juli 2019 mit dem BRSO auf Tournee gewesen. Damals sprang er für den erkrankten Chefdirigenten Mariss Jansons ein. Noch nicht viele europäische Orchester hätten das Reisen wieder aufgenommen, sagt Nézet-Seguin, ganz zu schweigen von US-amerikanischen Orchestern. Für ihn sei es Nahrung für die Seele, endlich wieder volle Konzertsäle zu erleben – "mit einem Publikum, das ganz begierig auf Livemusik ist".

In diesen Tagen hat das eine starke Symbolkraft.
Yannick Nézet-Seguin über das Touren mit Orchestern in Pandemiezeiten

Sendung: "Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks" am 6. Mai 2022 ab 20:05 Uhr auf BR-KLASSIK

    AV-Player