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Corona-Lockerungen für Chöre Proben mit 3G in Bayern: Freiheit oder Last?

Seit vergangenem Donnerstag gilt eine neue Regel für Laienmusik-Ensembles wie Orchester oder Chöre: 3G. Ungeimpfte dürfen also wieder mitsingen. Eine Verbesserung? Alexander Seebacher, Präsident des Bayerischen Sängerbundes, findet: Konflikte sind mit der neuen Regelung vorprogrammiert. BR-KLASSIK hat bei einer Probe des via-nova-chores München genauer nachgefragt.

Leise dringt Gesang bis nach draußen durch die Tür. Seit Anfang Februar 2022 probt der der via-nova-chor München wieder – nach längerer Pause. Die volle Besetzung erklingt zum Probentermin an diesem Samstag im Gemeindezentrum der Münchner Auferstehungskirche zwar noch nicht. Doch zumindest sind wieder alle Stimmen besetzt – dies ist möglich auch dank der neuen 3G-Regel für Laienensembles, die seit 17. Feburar 2022 in Bayern gilt. Die Stimmung unter den Sängern während der Probe ist positiv. Gerade was die Konzerte betrifft, begrüßen die Chormitglieder die Lockerung. So auch Chorsänger Petrik Grund: "Man probt, weil man letztlich froh ist, dass man wieder singen kann. Weil man ja Konzerte singen möchte, und das verbindet uns. Das ist das Wichtigste."

Die Chöre werden in die Nicht-Singfähigkeit getrieben.
Alexander Seebacher, Präsident des Bayerischen Sängerbundes

Aerosol-Studie mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks. Ein Sänger singt Konsonanten und Vokale. | Bildquelle: BR Die Sorge, das Virus über Aerosole zu verbreiten, könnte weiterhin viele Chorsänger vom Probenbesuch abhalten. | Bildquelle: BR Das sehen nicht alle so. Denn von der Politik erlaubte Öffnungsschritte hin oder her – wie die Chöre konkret den Probenbetrieb aufrechterhalten sollen, bleibt unklar. So bleiben Bedenken bei Sänger*innen, sich entweder mit Corona anzustecken oder das Virus an ungeimpfte Kolleg*innen während einer Probe zu übertragen. Der Präsident des Bayerischen Sängerbundes Alexander Seebacher sieht deshalb die neue 3G-Regelung für Laienensembles mit Sorge: "Wie ich es aus verschiedenen Chören kenne, sagen viele Sänger aus Angst vor Ansteckung: Ich geh jetzt schon nicht in die Probe, aufgrund der allgemeinen Pandemiesituation, und ich gehe erst recht nicht, wenn auch Ungeimpfte mitsingen – dann bedeutet das für die Chöre im Grunde, dass sie in die Nicht-Singfähigkeit getrieben werden."

Singen mit Ungeimpften versus Satzungsänderung

Ist die Lockerung also eigentlich eine Verschlechterung für Chöre? Also doch besser zurück zu 2G? Das wiederum wäre rechtlich ein Problem: Damit müssten nämlich die Chorvorstände entscheiden, ob einzelne Personen von Proben ausgeschlossen werden sollen, um den Probenbetrieb aufrecht zu erhalten. Laut Satzung der meisten Chorvereine ist dies aber unzulässig. Klar: Als diese entstanden, spielten Pandemiebedingungen keine Rolle. Der Präsident des Bayerischen Sängerbundes, Alexander Seebacher, sieht deshalb eine andere Möglichkeit, die Lage für die Chöre zu entschärfen: so könnten die Vereine selbst ihre Satzungen ändern. Mit einer Öffnungsklausel könnte der Vorstand in besonderen Situationen berechtigt werden, nur bestimmte Mitglieder zuzulassen bzw. einzelne Mitglieder vorübergehend vom Probenbetrieb auszuschließen. Freilich bräuchte es für eine solche Satzungsänderung eine Mehrheit. 

Last der Verantwortung auf Laienchöre abgewälzt

Seebacher fürchtet deshalb, es könnten viele unangenehme Diskussionen auf Chorleiter und -Vorstände zukommen. Die neue Regelung trage die gesellschaftliche Spaltung zwischen Geimpften und Ungeimpften in die Vereine. Eine Zerreißprobe – besonders für Chöre, deren Fortbestehen schon vor der Pandemie gefährdet war. Die Politik macht es sich damit zu bequem, findet Seebacher. Denn die Last der Verantwortung liegt damit bei den Vereinen, einen guten Weg für alle zu finden und die Regeln im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben für die Chöre passend auszuloten.

Dass mir nicht mehr von der Politik gesagt wird, wer bei mir singen darf – das finde ich sehr befriedend.
Kerstin Behnke, Dirigentin

Künstlerische Leitung des Viva Nova Chors, Kerstin Behnke im Gespräch mit Matthias Keller. | Bildquelle: BR/Markus Konvalin Dirigentin Kerstin Behnke, Leiterin des via-nova-chores München, freut sich über die neuen Lockerungen. | Bildquelle: BR/Markus Konvalin Optimistischer sieht es Dirigentin Kerstin Behnke, die neben dem via-nova-chor München noch weitere Chöre in ganz Deutschland leitet. Für sie sind die Lockerungen eine Erleichterung: "Ich begrüße das sehr, dass wir da wieder eine Gleichbehandlung haben und mir nicht mehr von der Politik gesagt wird, wer bei mir singen darf, sondern wir für alle die gleichen Bedingungen haben. Das finde ich sehr befriedend." Denn die vergangenen zwei Jahre der Pandemie seien schwierig gewesen für das Ensemble. Immer wieder gab es Spannungen im Verein, erzählt Behnke, einige Chor-Mitglieder pausierten länger oder hörten auch ganz auf. Nun freut sich der Chor, dass es voraussichtlich im späten Frühjahr mit den ersten Konzertem weitergeht – die neue Regelung ist dafür ein erster Schritt.

Sendung: "Leporello" am 21. Februar 2022 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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