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Volle Konzertsäle trotz Corona möglich? Jeden Platz darf man besetzen, sagen Charité-Forscher

Forscher der Berliner Charité haben sich für voll besetzte Säle bei Klassikkonzerten und Opernvorstellungen bei gleichzeitiger Maskenpflicht ausgesprochen. Wenn ein Mund-Nasen-Schutz von allen Besuchern korrekt getragen wird, "ist eine Vollbesetzung der Sitzplätze möglich", heißt es in einer am Montag in Berlin veröffentlichten Stellungnahme. Der Charité-Vorstand distanzierte sich allerdings von diesem Vorschlag.

Bildquelle: © Johanna Schlüter

Sämtliche Publikumsplätze bei Klassikkonzerten und in den Opernhäusern besetzen? Genau das empfehlen in einer Stellungnahme zum Publikumsbetrieb während der Covid-19-Pandemie die Charité-Institute für Sozialmedizin und Epidemiologie sowie für Hygiene und Umweltmedizin. Als Voraussetzung dafür nennen die Forscher das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes für alle Besucherinnen und Besucher während der gesamten Veranstaltung.

Mit einer strengen Maskenpflicht sowie den weiteren Schutzmaßnahmen ist ein sicherer Konzert- und Opernbetrieb auch in voll besetzten Sälen möglich.
Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Berliner Charité

"Das Publikum von Klassikveranstaltungen ist diszipliniert und hat ein aufgeklärtes Verständnis für gesundheitliche Zusammenhänge", sagte der Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Charité, Stefan Willich, in einem Interview mit dem RBB-Inforadio. Außerdem werde während der klassischen Konzerte nicht gesprochen – und das verringert den Aerosolausstoß deutlich. Deshalb habe das Institut ein spezifisches Konzept für Klassikveranstaltungen in Coronazeiten entwickelt. "Der Wunsch des Publikums nach dem direkten Konzerterlebnis ist groß. Mit einer strengen Maskenpflicht sowie weiteren Schutzmaßnahmen ist ein sicherer Konzert- und Opernbetrieb auch in voll besetzten Sälen möglich", sagte Stefan Willich, der selbst auch Dirigent ist, weiter. Neben dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes seien dafür aber entsprechende Belüftung, Distanz in den Eingangs- und Foyerbereichen und Verzicht auf Catering nötig.

Charité-Vorstand distanziert sich vom Schreiben

So gut sich die Vorschläge aus dem Charité-Schreiben für Konzertgänger und Veranstalter anhören mögen, so schnell kam auch ein Dämpfer aus dem Charité-Vorstand: Am Montagnachmittag schrieb die Charité über ihren offiziellen Twitter-Account: Bei der Stellungnahme zum Publikumsbetrieb handele es sich um ein nicht abgestimmtes Papier. "Dieses gibt nicht die Position des Charité-Vorstands wieder", heißt es weiter. Der Entwurf berücksichtige nicht die aktuelle Dynamik des Infektionsgeschehens und der damit verbundenen Risiken. Demgemäß sei die Stellungnahme keineswegs als "Empfehlung", sondern lediglich als kritische Diskussionsgrundlage zu werten.

Reaktionen auf die umstrittene Stellungnahme der Charité-Wissenschaftler

Kulturstaatsministerin Monika Grütters:

Das Schreiben der Berliner Charité sei eine wichtige Stellungnahme in der Debatte um mögliche Lockerungen bei den Abstandsregeln für klassische Konzerte, meint Monika Grütters. Bei der Rückkehr zum Bühnenbetrieb seien Abstandsregeln ein großer Hemmschuh, "weil sich das wirtschaftlich sonst nicht darstellen lässt", sagte die CDU-Politikerin dem RBB. Es müsse deshalb pragmatisch versucht werden, Öffnungsszenarien bezogen auf die unterschiedlichen Räumlichkeiten zu entwickeln. Das könnten Politiker jedoch nur, wenn die Wissenschaft ihnen dazu Beiträge liefere.

Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates:

Die Meldung sei "sehr überraschend", kommentiert Christian Höppner. Voll besetzte Konzert- und Opernhäuser seien "ein verloren geglaubter Traum von Publikum und Veranstaltern gleichermaßen", doch die Äußerung aus der Charité sei "zu schön, um wahr zu sein" und werfe bei "rationaler Betrachtung einige Fragen auf". Höppner plädiert dafür, die wissenschaftlichen Kriterien zu diskutieren, auf denen dieses Papier basiere und das Zentrum für Luft- und Raumfahrt mit weiteren Studien über die Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen zu beauftragen.

Karl Lauterbach, SPD-Politiker und Gesundheitsexperte:

"Dieser Charité-Studie kann man ausnahmsweise nicht zustimmen", schreibt Lauterbach auf Twitter. "Keine Untersuchungen zeigen, dass Konzertsäle oder Opern wieder risikolos gefüllt werden könnten. Bei den Gästen wären auch viele Risikopatienten, die in falscher Sicherheit ihr Leben riskierten."

Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin:

Barrie Kosky, plädiert dafür, bei der Wiederaufnahme des Betriebs Schritt für Schritt vorzugehen. Er rief in einem Interview mit dem RBB dazu auf, in den Zuschauersälen zunächst einen verkürzten Abstand von einem Meter einzuführen und "sobald wie möglich und sobald es sicher ist" wieder "Vollgas" zu geben, also im Idealfall jeden Sitzplatz zu verkaufen.

Auch Orchestermusiker dürfen laut Charité näher zusammenrücken

Neben den Empfehlungen zum Publikumsbetrieb haben die beiden Charité-Institute auch ihre im Mai herausgegebenen Empfehlungen für die Sitzordnungen der Musikerinnen und Musiker auf der Bühne modifiziert. Nach der am Montag veröffentlichten Aktualisierung empfehlen die Wissenschaftler nun einen Abstand zwischen den Streichern von einem Meter (aktuell 1,5 Meter) sowie von 1,5 Meter zwischen den Bläsern (aktuell zwei Meter). Eine Trennung durch Plexiglas könne bei den Bläsern entfallen. Das entspricht fast wieder einer normalen Orchesteraufstellung.

Sendung: "Leporello" am 17. August 2020 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK