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Kleine Bühnen und Corona "Das Wasser steht uns bis zum Hals"

Als am 15. Juni die vorsichtigen Lockerungen für den Theater-, Musik- und Kinobetrieb in Bayern in Kraft traten, sprach Münchens Kulturreferent Anton Biebl von der Stunde der kleinen Bühnen. Denn für Innenräume waren zum Ärger der großen Veranstalter anfangs nur maximal 50 Zuschauer vorgesehen. Doch was auf den ersten Blick als große Chance für die Kleinen aussah, hat auch eine Kehrseite.

Tamara Pascual, Gesang, und Liviu Petcu, Klavier, bei einem Auftritt im Münchner Club Milla | Bildquelle: © Peter Meisel

Bildquelle: © Peter Meisel

Zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven hätte es perfekt gepasst: Beethovens Geistertrio, gespielt vom Lux Trio im Rahmen der Reihe "Klangwelt Klassik". Bei dem Ickinger Veranstalter, der sich 2011 als Verein für Kammermusik-Fans gegründet hat, wären die südkoreanischen ARD-Wettbewerbspreisträger am 20. Juni zu Gast gewesen – fünf Tage nach dem offiziellen Beginn der Lockerungen für die Konzertszene in Bayern.

Finalisten "Lux Trio" aus Südkorea - Semifinale Klaviertrio - ARD-Musikwettbewerb 2018 | Bildquelle: © Daniel Delang Gewann 2018 einen 3. Preis beim ARD-Musikwettbewerb: Das Lux Trio | Bildquelle: © Daniel Delang Doch so schön der Gedanke auch war, finanziell und organisatorisch war das Konzert nicht zu retten, sagt "Klangwelt Klassik"-Organisatorin Birgitta Bohn im Gespräch mit BR-KLASSIK. Denn bis auf das Konzert mit dem Lux Trio, wurde die ganze restliche Konzertreihe abgesagt. Und für dieses eine Konzerte hätte der kleine Veranstalter nicht nur den Flug für die Musiker stemmen müssen: Auch die Einnahmen im Konzertsaal mit 100 Plätzen wären geringer ausgefallen, da nur 40 verkäufliche Plätze aufgrund der geforderten Abstandregeln möglich gewesen wären.

Einen Flug von Korea nach München wegen eines Konzertes in Icking zu zahlen – das konnten wir nicht verantworten.
Birgitta Bohn, Organisatorin der Konzertreihe 'Klangwelt Klassik'

Kresslesmühle in Augsburg

Ähnlich sieht es in der Augsburger Kresslesmühle aus. 49 anstelle von 110 Besucherinnen und Besuchern können hier derzeit das Programm aus Kabarett, Theater und Konzert erleben. Die Leiterin des Augsburger Kulturamtes, Elke Seidel, ist für die städtische Kresslesmühle verantwortlich. Für die Sommermonate hätte sie sich nach Ausweichspielstätten umgesehen, erzählt sie. Als Alternativlösung hat sie zusammen mit ihrem Team die Sommerbühne ins Leben gerufen, wo die Veranstaltungen draußen stattfinden können.

Anders als die Augsburger Kresslesmühle, die als privater Veranstalter begonnen hatte und seit 2015 mit einem festem Jahresbudget von 200.000 Euro von der Stadt Augsburg betrieben wird, haben es die privatfinanzierten unter den kleinen Veranstaltern ungleich schwerer. Aber auch hier hilft das Augsburger Kulturamt mit einem Zuschuss, wie zum Beispiel im Fall des privaten Ensemble Theaters, sagt Elke Seidel.

Münchner Milla Club plant draußen                                      

Magdalena Hoffmann und Aleksey Igudesman live zu Gast bei U21 im Milla Club bei Klassik Underground | Bildquelle: © Alescha Birkenholz Bot auch der BR-KLASSIK-Konzertreihe "Klassik Underground" eine Bühne: Der Münchner Milla Club | Bildquelle: © Alescha Birkenholz

Dass jetzt Woche um Woche steigende Zahlen in den Innenräumen von der Politik genehmigt werden, nützt eher den großen Veranstaltern als den kleinen – außer wenn das Wetter mitspielt. Dann ist die Open-Air-Möglichkeit die perfekte Lösung, weil sie die Zuschauerzahl zulässt, die drinnen üblich, aber nicht möglich ist. Genau an einer solchen Lösung arbeitet gerade der privat geführte Milla Club in München. Die Kulturbühne im Glockenbachviertel musste seit dem 13. März mehr als 100 Konzerte absagen oder verschieben. Derzeit plane das Team einige Freiluftveranstaltungen im Innenhof eines nahegelegenen Jugendhauses, wo sogar mehr Menschen dabei sein könnten als im Club, sagt Thomas Schamann, der die Konzerte und Lesungen mitorganisiert. Das Kreisverwaltungsreferat München müsse den Plänen aber noch zustimmen. Überlebt habe der Club bis dato vor allem wegen seines treuen Publikums, das Tickets kaum zurückgegeben und fleißig T-Shirts gekauft habe, um die Milla zu unterstützen, sagt Schamann.

Die Menschen haben uns gefragt, wie sie uns unterstützen können.
Thomas Schamann vom Münchner Milla Club

Kammermusikkonzerte in Gefahr

Schloss Schleißheim, München | Bildquelle: picture-alliance/dpa Open Air statt Barocksaal: Auch im Schloss Schleißheim ist die Konzertsituation schwierig | Bildquelle: picture-alliance/dpa Eine Gutscheinlösung habe zunächst auch bei der Bavaria Klassik GmbH funktioniert, sagt deren Manager Nils Walter. Der private Konzertveranstalter organisiert 200 Kammermusikkonzerte pro Jahr mit den Residenz Solisten in München und Umgebung. Davon mussten mittlerweile schon 50 abgesagt werden. Seit dem 2. Juli sind wieder Serenaden möglich und auch eine Reihe im Schloss Schleißheim darf wieder starten, wenn auch nur als Open Air und mit 200 statt 400 Besucherinnen und Besuchern. Dennoch stellt Walter klar: "Das Wasser steht uns bis zum Hals." Aktuell gehe er davon aus, dass sich ab September wieder alles normalisiert und zum Beispiel das Münchener Cuvilliéstheater wieder voll bespielt werden könnte.

Jetzt und nächsten Monat muss wieder was laufen, sonst sieht es schlecht aus.
Nils Walter, Bavaria Klassik

Sendung"Allegro" am 14. Juli 2020, ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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