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Wie die Musikszene auf den November-Lockdown reagiert "Wütend zu sein, ist richtig"

Am Montag müssen Theater, Opern- und Konzerthäuser schließen – vorerst für vier Wochen. Die Kulturszene reagiert scharf. BR-KLASSIK spricht mit Betroffenen und bündelt ihre Stimmen in dieser Übersicht.

Igor Levit | Bildquelle: © Felix Broede /Sony Classical

Bildquelle: © Felix Broede /Sony Classical

Pianist Igor Levit zur aktuellen Lage

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht"

Igor Levit, Pianist

Für Igor Levit, der beim ersten Lockdown im Frühjahr täglich Konzerte via Internet streamte, fühlt sich aktuell "gar nichts positiv an". Im Gespräch mit BR-KLASSIK sagt der Pianist, der derzeit als Artist in Residence beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München gastiert: "Wütend zu sein, ist richtig. Weinen ist auch okay." Levit will dem zweiten Lockdown im Herbst mit Respekt und Demut begegnen. Er plädiert dafür, füreinander da zu sein, Abstand zu halten, die „verdammten Masken“ zu tragen und sich nicht vergiften zu lassen. Von Streaming will er aktuell nichts wissen.

Jetzt ist mal kurz ein Moment der Demut.
Pianist Igor Levit.

Daniel Hope, Violinist

Daniel Hope | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Am Donnerstag gab der Geiger Daniel Hope noch drei Konzerte in München – alle an einem Abend und mit nur je einer Stunde Pause dazwischen. Ideal sei das nicht, sagt Hope im Gespräch mit BR-KLASSIK, "aber unsere Welt ist nicht ideal im Moment". Es gebe zwar Unterstützung für die Kultur, aber ein zweiter Lockdown, der mit "Willkür" Konzertsäle zum Schließen zwinge, werde die Musikbranche noch härter treffen, so Hope. "Wir müssen für die Kultur kämpfen", fordert der Geiger, und: "Wir müssen es jetzt machen, sonst sehe ich schwarz für die Zukunft."

Die Politik muss endlich Farbe bekennen und der Kulturbranche unter die Arme greifen.
Daniel Hope

Monika Grütters, Kulturstaatsministerin

Kulturstaatsministerin Monika Grütters | Bildquelle: © picture alliance / dpa Künstlerinnen, Künstler und Kreative haben sich nach den Worten von Monika Grütters in der Krise solidarisch und konstruktiv gezeigt. | Bildquelle: © picture alliance / dpa Kultur sei weit mehr als Freizeit und Unterhaltung, sagte Monika Grütters in einer Stellungnahme. Kultur sei keine Delikatesse für Feinschmecker, sondern Brot für alle. "Und sie ist das notwendige Korrektiv in einer lebendigen Demokratie. Gerade das macht sie natürlich systemrelevant", so die Kulturstaatsministerin. Kultur und die Kreativwirtschaft bräuchten daher jetzt rasche Hilfen wie alle anderen Branchen auch. Grütters: "Das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern das ist vor allem eine Frage der Wertschätzung."

Sie ist kein Luxus, auf den man in schweren Zeiten kurzerhand verzichten kann.
Monika Grütters, Kulturstaatsministerin

Aktion #SangUndKlanglos am Montag geplant

Unter dem Hashtag #SangUndKlanglos werden am Montag, den 2. November, um 20 Uhr Videos, Livestreams und Beiträge auf allen verfügbaren Medien veröffentlicht, die individuell dargestellt Stille zeigen. Mit dieser Aktion wollen Kulturschaffende ihren Unmut über den Umgang mit Kunst und Kultur Ausdruck verleihen.

Michael Nagy, Bariton

Michael Nagy, Bariton | Bildquelle: Monika Hoefler "Prinzipell ist die Bereitschaft, diese Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mitzutragen, gerade bei uns Kulturschaffenden ausgeprägt", so Nagy. | Bildquelle: Monika Hoefler "Wir sind allesamt sehr solidarisch und unterstützen mit allem, was uns zur Verfügung steht jedes für uns nachvollziehbare Maßnahmenpaket", sagt Michael Nagy im Gespräch mit BR-KLASSIK. Den Sänger stimme allerdings nachdenklich, dass das Pilotprojekt, das an der Bayerischen Staatsoper erfolgreich durchgeführt wurde, überhaupt nicht in diese Gleichung mit aufgenommen werde. Michael Nagy tritt dort aktuell in einer Neuproduktion von "Die Vögel" von Walter Braunfels auf – nur die Premiere am 31. Oktober findet statt, die weiteren vier Aufführungen entfallen. "Das ist ein nennenswerter Betrag, der den Lebensunterhalt für eine gewisse Zeit gesichert hätte", so Nagy,

Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, darüber zu streiten, ob diese Maßnahme wahnsinnig sinnvoll ist. Es geht darum, dass wir irgendwann tatsächlich wieder auftreten können.
Michael Nagy, Bariton

Pro und Contra: Muss die Kunst jetzt Ruhe geben?

Viele Künstler und Künstlerinnen sind wütend über die Schließungen der Bühnen. Müssen sie die Maßnahmen gegen die Pandemie hinnehmen? Oder haben sie ein berechtigtes Anliegen, dagegen zu protestieren? Zwei Meinungen, zwei Kommentare – ein Dilemma.

Marc-Oliver Hendriks, Intendant der Württembergischen Staatstheater

Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Württembergischen Staatstheater Stuttgart, steht vor dem Opernhaus. | Bildquelle: picture-alliance/dpa "Wir werden in Mithaftung genommen für eine Symbolpolitik", sagt Marc-Oliver Hendriks. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Als "Symbolpolitik" bezeichnet Marc-Oliver Hendriks die Maßnahmen der Bundesregierung. Der Intendant der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart fühlt sich "in Mithaftung" genommen, auch weil es seiner Ansicht nach bislang keinen Beleg dafür gebe, dass sich Menschen in Theatern, Opern oder beim Ballett infiziert hätten. "Es wirkt auf mich vielmehr ein bisschen so, als nehme man die attraktiven Dinge aus den Schaufenstern, nur damit die Leute zu Hause bleiben", so Hendriks. Die Politik müsse im Blick behalten, dass ihre Entscheidungen von den Menschen auch akzeptiert werden müssten.

Theater sind sichere Orte.
Marc-Oliver Hendriks

Max Wagner, Geschäftsführer der Gasteig München GmbH

Max Wagner - Gasteig-Chef | Bildquelle: © Stephan Rumpf Bildquelle: © Stephan Rumpf Max Wagner fragt sich, wieso Kultur nicht mehr in der Mitte der Gesellschaft steht. Der Geschäftsführer der Gasteig München GmbH fordert daher ein Umdenken "innerhalb unserer Kreises". Auf die Aussage der Bundeskanzlerin vom Mittwoch, man wisse bei 75 Prozent der Coronainfektionen nicht, woher sie stammten, reagiert Wagner im BR-KLASSIK-Interview mit Unverständnis: "Diese 75 Prozent sind nicht im Theater", so Wagner. Eine Verfassungsklage hält er daher für eine "sinnvolle Maßnahme", auch wenn dieser Weg nicht dem entspreche, wie Kulturschaffende handeln. Aktuell geht er bei einem Veranstaltungs- und Betriebsverbot davon aus, dass weder CD-Aufnahmen noch Streaming-Konzerte möglich sind.

Logik spielt keine Rolle mehr.
Max Wagner

Warum Theater, Konzertsäle und Opernhäuser wieder schließen

Die Bundeskanzlerin hat sich mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder angesichts steigender Corona-Infektionszahlen am Mittwoch auf drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens geeinigt. Dazu zählt, dass Theater, Opernhäuser und Konzertsäle ab dem 2. November für vier Wochen geschlossen bleiben sollen. Am Donnerstag bekräftigte Angela Merkel ihre Entscheidung im Bundestag. Die beschlossenen Einschränkungen seien "geeignet, erforderlich und verhältnismäßig", auch wenn viele Maßnahmen "eine unermessliche Belastung" darstellten und den Kern des menschlichen Miteinanders träfen.

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung

Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung | Bildquelle: Maren Strehlau Warnt vor einer Zwei-Klassen Gesellschaft zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Orchestern: Gerald Mertens, | Bildquelle: Maren Strehlau In den letzten Monaten habe er das Gefühl gehabt, "man würde gegen eine Wand reden," erzählt Gerald Mertens, der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, im Gespräch mit BR-KLASSIK. Die Orchestervereinigung habe sich an alle zuständigen Vertreter des Staates gewendet. "Aber man ist dann vertröstet worden. Letztlich sind wir mit unseren Spezifika nicht durchgedrungen." Die Ministerpräsidenten wüssten zudem, dass eine Schließung der Kulturstätten "verfassungsrechtlich auf sehr wackeligen Füßen steht". Die Ankündigungen des Freistaats, man werde die Kulturszene stärker unterstützen, sieht Martens skeptisch: "Wenn sie dann hundert Seiten Antrag ausfüllen müssen, sind schon viele daran verzweifelt." Als einzigen Ausweg sieht er mehr Livestreams, auch wenn das keinesfalls das Liveerlebnis ersetzen könne.

Auf jeden Fall ist es juristisch möglich, sich zur Wehr zu setzen.
Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung

Bayerische Staatsoper startet wieder mit Streams

Ab Montag, 2. November, startet die Bayerische Staatsoper wieder ihre wöchentliche "Montagsstücke"-Serie mit Streams, die den Lockdown-Monat November überbrücken sollen. Insgesamt 13 Montagsstücke gab es bereits von März bis Juni 2020. Den Anfang machen Intendant Nikolaus Bachler und Bariton Michael Nagy mit "Jedermann", um 20:15 Uhr.

Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates

Christian Höppner | Bildquelle: picture-alliance/dpa Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates | Bildquelle: picture-alliance/dpa "Das stumpfe Schwert undifferenzierter Schutzmaßnahmen, wie es derzeit in Bayern zum Einsatz kommt, entspricht nicht dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand und schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt gravierend", schreibt Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, in einer Pressemeldung vom Mittwoch. Höppner verweist darauf, dass die Kultureinrichtungen alles dafür täten, um Infektionen zu unterbinden. Konzerthäuser und Theater hätten sich mit ihren detaillierten Hygienekonzepten als vergleichsweise sichere Räume erwiesen.

Sendung: "Allegro" am 29. Oktober, ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (3)

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Montag, 02.November, 18:48 Uhr

Wilfried Schneider

Wütend zu sein, ist richtig

Ich plädiere dafür, den für die Schließung der Kultureinrichtungen, insbesondere Theatern, Konzert- und Opernhäusern, verantwortlichen Politikern, also Frau Merkel und ihren Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, ein zehnjähriges Betretungsverbot für diese Einrichtungen aufzuerlegen. Das wird die Herrschaften zwar nicht sonderlich treffen, da Kultur zumeist nicht auf deren Speisezettel steht, aber der rote Teppich und die Kameras würden schon schmerzlich vermisst werden.

Sonntag, 01.November, 11:31 Uhr

Dr. Friedrich Straßer

Wütend zu sein, ist richtig

Grundpfeiler des menschlichen Zusammenlebens - auch in Zeiten einer Pandemie - sind nun mal Vertrauen und Gerechtigkeit. Beides vermißt man bei den Entscheidungen der Politik in Bezug auf Kultur und Gastronomie/Hotellerie. Symbolpolitik nimmt die Bürger nicht mit. Sie ist im Gegenteil schädlich für die allgemeine Akzeptanz von notwendigen Entscheidungen. Man darf gespannt sein, wie die Gerichte im Fall schlecht oder gar nicht begründeter politischer Entscheidungen urteilen werden. Allen, die sich mit der evidenten Ungerechtigkeit des jüngsten Shut-Downs unwohl fühlen, empfehle ich die Lektüre des sehr guten Beitrags "Von Montag an im Winterschlaf" in der FAZ vom 30.10.

Freitag, 30.Oktober, 11:45 Uhr

Michael Friedrich

Lockdown für Kultur

Man hört von Seiten der Politik gebetsmühlenartig den Begriff "Kontakte begrenzen" als probates Mittel zur Pandemiebekämpfung! Für mein laienhaftes Verständnis müsste das Ziel sein, die Infektionszahlen zu senken - dies erreicht man aber nicht, indem man die Kultur faktisch abschafft, denn dort gab es so gut wie keine Infektionen. Was also soll diese aktionistische Maßnahme bewirken? Will man die Menschen verblöden? Eine Kulturnation wie Deutschland OHNE Kultur? Eine grauenvolle Vorstellung!

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