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Kulturbranche in der Pandemie Stehen Künstleragenturen weltweit vor dem Aus?

Die USA sind von der Covid-19-Pandemie besonders hart betroffen, was Infektions- und Todeszahlen angeht. Das Kulturleben liegt brach, weshalb vergangene Woche eine der wichtigsten Künstleragenturen der USA insolvent gegangen ist, Columbia Artist Management. Werden andere Künstleragenturen bald nachfolgen und reihenweise dichtmachen müssen? Und wie sieht die Lage weltweit aus? Auch in Asien und Australien finden seit Monaten so gut wie keine Konzerte und Kulturveranstaltungen statt.

Schild "Sorry, we are closed" | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Kulturbranche in der Pandemie

Stehen Künstleragenturen weltweit vor dem Aus?

Es ist der schlimmste Albtraum, den wir uns vorstellen können.
Charlotte Lee, Primo Artists New York

Charlotte Lee blickt pessimistisch in die Zukunft. Seit sechs Monaten hat ihre New Yorker Künstleragentur Primo Artists keine Einnahmen mehr. Die Insolvenz von Columbia Artists habe ihre Branche demoralisiert, erzählt Lee im Gespräch mit BR-KLASSIK. "Sie zeigt, was da in den nächsten Monaten auf uns zukommt."

Private Ersparnisse zum Überleben

So gut wie alle Konzertsäle und Opernhäuser in den USA sind geschlossen, Künstler können nicht auftreten, also gibt es auch keine Kommission für Charlotte Lee und ihr Team. Momentan hält sie die Firma mit ihren privaten Ersparnissen über Wasser. Doch in drei Monaten wird sie ebenfalls dichtmachen müssen, wenn es so weitergeht.

Wenn die Regierung nichts unternimmt, werden viele Kulturinstitutionen und Künstleragenturen dieses Jahr nicht überleben.
Charlotte Lee, Primo Artists New York

Kurzarbeit in Deutschland

In Deutschland ist die Situation anders. Sabine Frank, Managing Director der Agentur Harrison Parrott in München, beobachtet die Entwicklungen in den USA mit Sorge. Für ihre Mitarbeiter konnte sie zum Glück Kurzarbeit beantragen. Eine "kleine und sparsame Decke", die aber tatsächlich genutzt hat. Die Direktoren von Harrison Parrott haben schon im März eine freiwillige Gehaltsreduktion von 25 Prozent bis zum Ende des Jahres beschlossen, erzählt die Managerin.

Langsam reduzieren wir die Kurzarbeit wieder und es kommen Mitarbeiter peu à peu in die Vollzeit zurück.
Sabine Frank, Agentur Harrison Parrott

Das ist auch dringend notwendig, denn zu tun gibt es für Harrison Parrott mehr als vor Corona, sagt Sabine Frank. Wenn Konzerte ausfallen müssen oder verschoben werden, sind jedesmal neue Verträge fällig. Und da die Agentur ihre Künstler weltweit vertritt, kommen ganz neue logistische Herausforderungen auf das Team zu. "Welche Regeln herrschen in welchem Land? Wer darf in Norwegen einreisen? Wer muss in Quarantäne, wenn er aus Paris zurückkommt?" Komplizierte Fragen, weil die Lage sich täglich ändert. Und dann muss noch jeder Künstler, jede Musikerin vor der Anreise zu einem Engagement einen negativen Covid-19-Tests vorlegen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf.

Die Situation in Australien

Auch dem Künstleragenten Patrick Togher in Australien machen die Auswirkungen der Pandemie zu schaffen. Eigentlich hätten Theater und Opernhäuser im Herbst ihre Säle öffnen sollen. Doch dann stiegen die Infektionszahlen in Melbourne und Sydney wieder an. Das Sydney Opera House wird voraussichtlich bis Januar geschlossen bleiben. Melbourne ist isoliert, Neuseelands Grenzen sind dicht. Patrick Togher kann seine Künstler nicht vermitteln. Seine Mitarbeiter und er sind auf staatliche Unterstützung angewiesen, sie haben 97 Prozent weniger Einnahmen. Patrick Togher ist zuversichtlich, dass seine Agentur es schaffen wird. Auch wenn er vermutet, dass die Grenzen zu Europa und den USA wohl noch eine Weile geschlossen bleiben.

Staatliche Unterstützung in Japan

Geschlossene Grenzen, Künstler, die nicht einreisen dürfen – Jun-ichi Nihei von Japan Arts kennt das Problem. Im November hätte seine Agentur das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bei einem Gastspiel in Japan betreut. Die Betreuung internationaler Künstler mache den größten Teil seiner Einnahmen aus, erzählt Jun-ichi Nihei. Auch er bekommt staatliche Unterstützung. So langsam erwacht das Konzertleben in Japan wieder. Jun-ichi Nihei beobachtet aber, dass das Publikum sehr verunsichert ist.

Wenn in einem Saal die Hälfte der Plätze besetzt werden darf, kommen nur dreißig Prozent der Besucher.
Jun-ichi Nihei von Japan Arts

Vereinigung PAMAC gegründet

Zurück nach New York. Finanzielle staatliche Unterstützung für Künstleragenturen – was ihren Kollegen in Deutschland, Australien und Japan das Überleben sichert, will auch Charlotte Lee in den USA erreichen. Deshalb hat sie die Vereinigung PAMAC gegründet: Performing Arts Managers and Agents Coalition. Praktisch alle Agenturen in den USA sind beigetreten. Sie haben hunderte Briefe an Kongressabgeordnete und führende Politiker geschrieben, sagt Lee, "damit sie darauf aufmerksam werden, wie überproportional die Branche von der Pandemie betroffen ist."

Wir möchten, dass sie uns finanzielle Fördermittel zur Verfügung stellen, damit wir weiter existieren können.
Charlotte Lee, Gründerin der Vereinigung PAMAC

Noch in diesem Monat will der Kongress über ein neues Konjunkturprogramm abstimmen. Charlotte Lee hofft, dass ihre Branche dort berücksichtigt wird. Denn mit den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im November werden ihre Forderungen sonst wohl untergehen.

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