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Singen in Corona-Zeiten Neue Studie mit BR-Chor untersucht Übertragungswege

Ein Chor kann viel Kraft entwickeln, wenn alle bei voller Stimme einsetzen. Aber was, wenn ein Chormitglied den Covid-19-Erreger in sich trägt? Wie viel ansteckende Partikel werden beim Singen in die Luft geschleudert? Das untersuchen derzeit Wissenschaftler aus München und Erlangen gemeinsam mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks.

Mitglieder des BR-Chors nehmen an einer Aerosol-Studie der Unis München und Erlangen teil | Bildquelle: BR / Robert Widmann

Bildquelle: BR / Robert Widmann

Infektionsfalle Chor?

Studie untersucht Übertragungswege beim Singen

Wie viel ansteckende Partikel schleudert ein Chor beim Singen in die Luft? Eine Antwort darauf, versucht aktuell Matthias Echternach zu finden. Der Hals-Nasen-Ohrenarzt leitet die Abteilung Phoniatrie am Klinikum der Universität München und ist spezialisiert auf Stimme und Gesang. Es sei komplizierter als beim Sprechen, erklärt er, denn beim normalen Singen gingen die Partikel gar nicht so weit wie beim Sprechen. Sänger sind darauf trainiert, mit möglichst wenig Luft einen klangvollen Ton zu erzeugen. Aber die Situation ändert sich bei gesungenem Text.

Wenn ich sehr stark artikuliere (...), könnte es sein, dass Partikel weiter als beim normalen Sprechen geschleudert werden.
HNO-Arzt Matthias Echternach

Bislang kaum aussagekräftige Untersuchungen

Ob das so ist, dazu gibt es bisher kaum aussagekräftige Untersuchungen. Und deswegen tun sich Experten so schwer, für das gemeinsame Singen Regeln zu formulieren. Zwischen 1,5 und 6 Meter Abstand schwanken die Empfehlungen der letzten Wochen. Zur Zeit ist Singen im Chor in Bayern nicht erlaubt. Fallberichte aus Chören, die zu Beginn der Corona-Pandemie noch probten, lassen vermuten: Viren verbreiten sich im Probensaal leicht. In Amsterdam zum Beispiel erkrankten im März hundert Mitglieder eines Chores.

Untersuchungslabor im BR-Studio

Matthias Echternach hat deswegen in einem BR-Studio zusammen mit anderen Forschern einen aufwändigen Test aufgebaut: Zehn Sänger aus dem Chor des Bayerischen Rundfunks treten dort für einen wissenschaftlichen Versuch an und müssen unter strenger Beobachtung laut sowie leise singen, mit und ohne Text, sie müssen atmen, niesen und auch sprechen. Der Stimmspezialist macht es probeweise vor, damit sein Team die Testgeräte einrichten kann. Mehrere Kameras filmen, wie sich größere oder auch winzig kleine Tröpfchen, die sogenannten Aerosole, aus der Atemluft im Raum verbreiten.

Aerosole sind nicht sichtbar, deswegen müssen wir sie sichtbar machen.
HNO-Arzt Matthias Echternach

Um die Aerosole sichtbar zu machen, nutzen die Forscher eine unbedenkliche Trägerlösung von E-Zigaretten, die beim Ausatmen sichbar gemacht werden kann. Dazu kommt für einen Teil des Versuchs noch Laserlicht, erklärt Stefan Kniesburges von der Uniklinik Erlangen. Jedes sichtbare Teilchen, auch Tröpfchen aus dem Mund, streue das Licht, sagt der Spezialist für Strömungsmechanik, "und wir können das mit den Highspeed-Kameras, die wir aufgebaut haben, aufnehmen und die Bewegung verfolgen."

"Rauchen" für die Forschung

Das Luftholen passiert jedes Mal über einen tiefen Lungenzug mit der E-Zigarette, was für eine Nichtraucherin wie Barbara Schmidt-Gaden gewöhnungsbedürftig ist. Der Altistin im Chor des Bayerischen Rundfunks war aber sofort klar, dass sie bei dem Versuch mitmachen wird – die Konzerte mit ihrem Chor vermisst sie sehr. Und sie möchte eine Beitrag leisten, "damit wir wieder guten Gewissens auf die Bühne können", so Schmidt-Gaden. Wobei der Ausgang des Versuchs offen ist, betont Versuchsleiter Matthias Echternach. Er ist selbst Sänger und würde sich natürlich freuen, wenn herauskäme, dass singende Menschen weniger Tröpfchen verbreiten als gedacht. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein.

Ich möchte wieder laut singen, aber ohne Risiko. Und das möchte ich auch für die vielen Chöre erreichen.
HNO-Arzt Matthias Echternach

Sendung: "Leporello" am 22. Mai 2020 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (8)

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Montag, 01.Juni, 15:55 Uhr

BR-KLASSIK

Ergebnisse folgen, sobald vorliegend

Liebe Leserinnen und Leser,

vielen Dank für ihr Interesse! Wir veröffentlichen die Ergebnisse selbstverständlich auf br-klassik.de, sobald sie vorliegen. Bitte haben Sie Verständnis, dass so eine Studie ein wenig Zeit braucht – schließlich sollen die Ergebnisse auch stichhaltig sein.

Viele Grüße
Ihr BR-KLASSIK-Team (heo)

Samstag, 30.Mai, 13:31 Uhr

Helmut

Veröffentlichung der Studie

Vom CV-Rheinland-Pfalz wurde ein Schutz- und Hygienekonzepte für Chöre erarbeitet.
Trotzdem sind Chorproben nach der neuesten Verordnung von RLP auch im Freien nicht erlaubt.
Das Ergebniss ihrer Studie wird zeigen wie das Infektionsrisiko beim Chorsingen zu bewerten ist.
Wann ist mit einer Veröffentlichung der Studie zu rechnen und wo kann man das Ergebnis der Studie einsehen bzw. erhalten.

Samstag, 30.Mai, 10:27 Uhr

Weikert, Hno Arzt Regensburg

Corona Aerosole beim Chor singen, Experimente und

Corona Aerosole beim Chor singen, Experimente und versuche von Doktor Echternach im BR
Es wäre toll wenn wir etwas über die Ergebnisse der Aerosole Versuche erfahren werden wie viel beim Singen zum Beispiel nur Vokaliesen oder bei starker Konsonanten Zu Mischung oder nur beim Summen , was da ausgestoßen wird p an Feuchtigkeit an Aerosolen aus dem Mund in die Luft und Umgebung des Sängerin. Erfährt man die Ergebnisse das wäre sehr schön?
Viel Erfolg ,Matthias Weikert, mweikert@bonvox.de,
www.Stimmarzt-regensburgd.eu

Donnerstag, 28.Mai, 15:44 Uhr

Thomas

Ergebnisse?

Die Aktion finde ich super! Auch wir proben mit unserem Chor wieder - wenn auch in kleinen Einheiten. Das subjektive Risikoempfinden ist dabei sehr unterschiedlich, deshalb wäre es prima, zeitnah von den Ergebnissen zu erfahren!

Dienstag, 26.Mai, 11:26 Uhr

Ute

Wann ist mit einem Ergebnis der Versuchs zu rechnen? Und wird das Ergebnis der Studie dann irgendwo veröffentlicht werden? Bzw. erhalten z.B. die Chorverbände die Infos, um ggf. die Mitgliedsvereine wiederum informieren zu können, was künftige Chorproben, Auftritte usw. betrifft? DAS SINGEN FEHLT!!!

Sonntag, 24.Mai, 18:46 Uhr

Friedrich

Gesangsaerosol

Wer untersucht denn mal das Risiko beim "normalen" (Gemeinde)gesang? Häufig wird in die falsche Richtung extrapoliert. Ist Singen ansteckend oder professionell artikulierter Gesang?

Der (zumeist verbotene) Gemeindegesang in der Kirche betrifft wesentlich mehr Menschen als es Sänger in (semi)professionellen Chören gibt. Wie so häufig wird Orchideenforschung betrieben, was für's normale Leben wenig Relevanz hat. Ich hoffe, dass die Ergebnisse auch für Otto-Normal-Sänger interpretiert werden. Oder sollten die Erkenntnisse ebenfalls 1zu1 ins Fußballstation übertragen werden, denn da wird ja auch "gesungen" - ähem...

Samstag, 23.Mai, 15:24 Uhr

Ulla

singen draußen ...

.. mich würde noch ergänzend interessieren, ob es für Singen an der frischen Luft dann genau so aussieht. In unserem Chor überlegen wir, ob wir nicht wenigstens mal (in kleiner Besetzung, oder pro Stimmlage) draußen proben könnten ...
Gruß
Ulla Schneiders

Samstag, 23.Mai, 12:12 Uhr

Angelika Schur

Singen als Virenschleuder

Sehr geehrte Redaktion,
ich habe mir eine Kerze angezündet und die Flamme ziemlich vor meinen Mund gehalten. Bei allen Vokalisen egal ob laut oder leise, bewegte sich die Flamme nicht, selbst bei einer deutliche Artikulation nur sehr wenig. Als ich ein unsägliche Art von Chorsänger*innen ausprobierte, dass sogenannte Schwätzen in der Probe, das sogenannte Flüstern, erlosch die Flamme sofort.
Laienchöre sind oft gesellige Runden, daher ist das ganze drumherum einer Probe ein Problem, z. B. besondere Begrüßungen, womöglich mit Küsschen hier und Küsschen da und das eben genannte Schwätzen bei nah aneinander stehenden Köpfen. Und nicht zuletzt ist darauf zu achten, dass erkrankte Sänger*innen bitte nicht zur Probe erscheinen, denn es muss ein kranker dabei gewesen sein.

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