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Cranko-Fest am Bayerischen Staatsballett Tanzend erzählen

Dem kreativen und humorvollen Künstler, der letztes Jahr 90 Jahre alt geworden wäre und dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 45. Mal jährt, hat das Bayerische Staatsballett sein Programm in diesem Februar gewidmet. Drei abendfüllende Cranko-Ballette: viel Beinarbeit, viel Atemtechnik und viel Musikalität sind da gefordert. Die ehemalige Primaballerina Judith Turos hat die Ballette mit der Kompanie einstudiert.

Romeo und Julia, Inszenierung Bayerisches Staatsballett, John Cranko | Bildquelle: © Wilfried Hösl

Bildquelle: © Wilfried Hösl

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John Cranko wollte weg von den klassischen, ausladenden Hebefiguren. Er wollte weg von künstlich wirkender Pantomime mit üppigen Armbewegungen und Krönchen auf dem Kopf, hin zu einer Natürlichkeit im Ausdruck. Die Inspiration komme von der normalen Gestik, erklärt Judith Turo, Ballettmeisterin beim Bayerischen Staatsballett, so wie ein Mensch über Gesten etwas verlangt - oder auf irgendetwas antwortet. "Unsere Körpersprache ist, sagen wir mal, minimalisiert."

Cranko und das Stuttgarter Ballettwunder

Der Widerspenstigen Zähmung, Inszenierung am Bayerischen Staatsballett von John Cranko | Bildquelle: © Wilfried Hösl Bildquelle: © Wilfried Hösl Als "Neoklassik" schwappte dieser Stil aus den USA nach Europa. George Balanchine hat damit in New York für Furore gesorgt. Und John Cranko polierte die verstaubte Ballettszene in Deutschland auf: vor allem in Stuttgart, wo er das sogenannte "Stuttgarter Ballettwunder" schuf; aber auch in München, der zweiten Cranko-Stadt Deutschlands. Von 1968 bis 1970 war er Direktor beim Staatsballett, allein in dieser Zeit schuf er für die Münchner sieben Ballette. Minimalistik im Stil hat jedoch mit einem minimalem Aufwand in der Einstudierung oder der technischem Umsetzung nichts zu tun.

Natürlicher Ausdruck in Mimik und Gestik und der Ausdruck einer individuellen Empfindsamkeit, das sind die Leitlienien von Crankos Kunst. Und auf einmal fühlen wir im Publikum auch wirklich mit, wenn Julia um Romeos Leben bangt. Und wir bewundern nicht mehr allein, wie hoch die Beine fliegen und wie viele Pirouetten die Tänzerin auf Spitzenschuhen schafft.

Das ist wie ein Schauspiel. Und man verlangt von den Tänzern, Schauspieler zu sein.
Judith Turos

Onegin, Inszenierung am Bayerischen Staatsballett von John Cranko | Bildquelle: © Wilfried Hösl Szene aus "Onegin" - Laurretta Summerscales, Jonah Cook | Bildquelle: © Wilfried Hösl Cranko hat es geschafft, mit seinen Balletten menschliche Geschichten zu erzählen, und dafür hat er die bis dahin angesagte steife Ballettpantomime einfach gestrichen. In seinen Kreationen wie "Onegin" oder auch "Carmen" wertete Cranko  die Rolle der Musik auf, weil es originär ja keine Ballett-Musik für diese Stücke gibt.

Cranko erlauschte also erstmal die psychologische Wirkung von Musik und setzte dann genau die Werke oder Komponisten ein, die für den Flow der Geschichte förderlich sind. So wählte er für die Shakespeare-Komödie "Der widerspenstigen Zähmung" Stücke von Scarlatti.

CrankoFest im Februar 2018

Die Ballette "Onegin", "Der widerspenstigen Zähmung" und "Romeo und Julia" in der Choreographie von John Cranko gehören seit den 1960-er Jahren zum Repertoire des Bayerischen Staatsballetts. Im Februar werden sie im Rahmen des CrankoFestes gezeigt.

Judith Turos hat bis zum Ende ihrer aktiven Laufbahn vor rund zwölf Jahren als Primaballerina viele Cranko-Rollen getanzt. Jetzt feilt sie an jedem Schritt anderer Tänzer, kennt alle Folgen und möglichen Fehler im Schlaf - und ist unerbittlich.

Nicht, dass sie mich kopieren sollen. Aber den Stil verlange ich schon von der jungen Generation.
Judith Turos

Wenn dann, nach wochenlangem Training im Ballettzentrum am Platzl in München endlich die Schritte wie automatisch laufen, wenn der Körper der Tänzer die Musik ausfüllt, dann erst beginnt die eigentliche "Cranko-Arbeit". Dann nämlich kommt der vielgerühmte Ausdruck ins Spiel: Der kann humorvoll sein, ironisch, hinterhältig, boshaft, liebevoll, verliebt, ängstlich. Alles ist möglich. Wenn die Atmung stimmt.

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