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Interview - Die Pianistin Danae Dörken "Man kann die Angst hören"

Am 7. April spielt die deutsch-griechische Pianistin Danae Dörken mit den Münchner Symphonikern im Münchner Herkulessaal das Klavierkonzert von Viktor Ullmann. Warum dieses Werk so aufwühlend ist, welche Erfahrungen sie bei ihrem Festival auf Lesbos gemacht hat, und inwieweit eine Künstlerin politisch sein kann, verrät sie im Interview mit BR-KLASSIK.

Danae Dörken | Bildquelle: Giorgia Bertazzi

Bildquelle: Giorgia Bertazzi

BR-KLASSIK: Ihre Eltern haben keinen musikalischen Hintergrund. Trotzdem hatten sie die Wahl zwischen zwei Berufen, nämlich Ballerina oder Pianistin. Warum hat das Klavier gewonnen?

Danae Dörken: Ich habe Ballett gemacht, seit ich zwei Jahre alt war - noch bevor ich mit dem Klavierspielen begonnen habe. Es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, aber wirklich ausdrücken konnte ich mich am Klavier. Ich hatte das Gefühl, dass ich da ganz frei sein konnte. Als ich mich dann entscheiden musste, war klar, dass das Ballett als Hobby weiterläuft, und das Klavier das ist, was mir wirklich am Herzen liegt.

BR-KLASSIK: Würden Sie sagen, dass sich die Ballett-Erfahrung auf ihr Spiel auswirkt?

Danae Dörken: Ja, absolut. Dieses rhythmische Empfinden, das etwas sehr Körperliches hat, ist bei mir schon ausgeprägt. Es passiert auch oft, dass nach Konzerten Leute auf mich zukommen und fragen, ob ich einmal Ballett getanzt habe. Ich glaube schon, dass man das auch merkt - auch an der Haltung, also wie man am Klavier sitzt und wie man die Kraft über den Abend verteilt. Das hat sehr viel mit Tanz und mit Körpergefühl zu tun.

Eigenes Festival auf Lesbos

BR-KLASSIK: Sie sind in Deutschland geboren, ihre Mutter ist Griechin. Vor drei Jahren haben Sie auf Lesbos ein Festival gegründet, das "Molyvos International Music Festival", zusammen mit Ihrer Schwester, die auch Pianistin ist. Die Insel Lesbos kennen wir aus den Nachrichten, vor allem seit dem Jahr 2015, als ein großer Strom von geflüchteten Menschen dort gelandet ist. War beides ausschlaggebend dafür, dass Sie das Festival dorthin gebracht haben: die vielen geflüchteten Menschen und auch ihre Wurzeln, da Ihre Großeltern dort leben?

Musical Moment am Hafen | Bildquelle: Alex Grymanis Das "Molyvos International Music Festival" auf der Insel Lesbos. 2015 hat es die Pianistin Danae Dörken zusammen mit ihrer Schwester gegründet. | Bildquelle: Alex Grymanis Danae Dörken: Wir wollten schon immer das Festival dort starten, das hätten wir also so oder so gemacht. Als dann die Flüchtlingskrise noch dazu kam, war das eigentlich der ausschlaggebende Punkt zu sagen: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Musik kann in Zeiten der Not auch eine treibende Kraft sein. Es war uns wichtig, in dieser Zeit eine Art von positiver Gegen-Energie zu schaffen. Für die Menschen war das auch eine große Stütze, wie ich denke. Einfach kurz zu vergessen was hier Tragisches um einen herum passiert und zu sehen, dass wir in der Musik alle gleich sind.

Ich habe auch miterlebt, wie Flüchtlinge, die teilweise an dem Tag angekommen sind, abends ins Konzert gegangen sind. Wir sind in die Lager gegangen und haben gefragt, ob jemand kommen will und haben Freikarten angboten. Es sind dann so viele Menschen gekommen, die mit Tränen in den Augen in den Konzerten saßen und gerührt waren. Ich glaube, Musik kann soviel in einem auslösen.

Ich habe miterlebt, wie Flüchtlinge mit Tränen in den Augen in den Konzerten saßen.
Danae Dörken

BR-KLASSIK: Musik und Politik kommen in ihrem Leben öfters zusammen, wie es scheint. Als 15-jährige haben Sie vor der damaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice gespielt, umringt von zwanzig Security-Leuten. Fühlt sich das noch echt an?

Danae Dörken: Überhaupt nicht. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mich gefühlt habe, und ich konnte gar nicht begreifen, was das überhaupt war damals. Ich stand hinter der Bühne, und da waren eben diese zwanzig Leute, die ihre Gewehre auf mich gerichtet hatten. Man fühlt sich wie in einem Film. Man kann das gar nicht begreifen. Aber es ist auch eine eine tolle Erfahrung.

Ullmanns Klavierkonzert - rhythmisch und aufwühlend

BR-KLASSIK: Am Samstag spielen Sie im Herkulessaal in München zusammen mit den Münchner Symphonikern das Klavierkonzert von Viktor Ullmann. Ullmann war Schüler von Arnold Schönberg und Alexander Zemlinsky. Im Lager Theresienstadt war er ab 1942 als Musiker aktiv, 1944 wurde er in Auschwitz ermordet. Sein Klavierkonzert entstand 1939 in Prag, genau zu dem Zeitpunkt, als die Nazis dort eingefallen sind. Spielt diese Lebensgeschichte bei der Beschäftigung mit dem Werk für Sie eine Rolle?

Danae Dörken: Ja, unbedingt. Das, was ein Komponist erlebt, spiegelt sich, glaube ich, stark in seiner Musik wieder. Dieses Klavierkonzert von Victor Ullmann ist ein tolles Beispiel dafür. Man hört im ersten Satz regelrecht den Einmarsch der Truppen. Das ist so rhythmisch und aufwühlend und fast schon ein bisschen gehetzt, man kann wirklich hören, wie sich die Menschen gefühlt haben, wie er sich vielleicht gefühlt hat. Man kann hören, dass Angst herrschte. Aber das ist nicht das einzige Gefühl im Konzert. Es gibt auch die Gegenseite, die Seite der Hoffnung. Da gibt es eine Ruhe, so, als wäre die Musik eine Oase für ihn, eine Art Zufluchtsort.

Als Künstler kann man zeigen, dass die Kunst etwas Einendes ist
. Danae Dörken

BR-KLASSIK: Nun haben wir über einige wirklich politische Stationen in ihrem Künstlerleben gesprochen. Würden Sie sagen, dass Sie als Künstlerin eine politische Aufgabe oder Rolle übernehmen können?

Danae Dörken: Ich versuche nicht, eine bestimmte Position so stark zu beziehen, weil sich das immer ändert. Was man politisch machen kann als Künstler, ist zu zeigen, dass die Kunst etwas Einendes ist und man mit ihr Brücken schlagen kann. Es gibt nichts Stärkeres, als wenn man ein Mittel hat, das die Menschen verbindet. Wenn man das nicht einsetzt, ist es sehr schade.

Sendung: "Leporello" am 06. April 2018, 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Danae Dörken im Konzert

Samstag, 7. April
Herkulessaal der Münchner Residenz, 20.00 Uhr

Viktor Ullmann: Konzert für Klavier und Orchester op. 25
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5

Münchner Symphoniker
Danae Dörken (Klavier)
Leitung: Kevin John Edusei

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