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Ballettkritik - Dance Festival 2017 in München Richard Siegals "My generation"

Klassische Pirouetten zu straffen DJ-Beats, poppige Moves à la Michael Jackson: Richard Siegal gilt als einer der innovativsten Choreographen. Mit seiner Münchner Kompanie Ballett of Difference eröffnete der US-Amerikaner am Donnerstagabend mit drei Kurzballetten "My generation" das Tanzfestival DANCE.

"My Generation" von Richard Siegal beim Dance Festival 2017 in München  | Bildquelle: ShokoPhoto

Bildquelle: ShokoPhoto

Helle Stellwände im Hintergrund, ein schwarzer Boden, die dunklen, rohen Mauern der Muffathalle markieren die Seite der Bühne, alles ist in schwaches Licht getaucht. Hier wird jede Ablenkung vermieden. Dafür reißen einen die kräftigen Beats fast aus dem Sessel. Die Ballerinas tragen Spitzenschuhe, die Füße sind gestreckt, alles strebt nach oben, wie sich das für ein klassisches Ballett gehört. Und doch ist das, was sich hier abspielt, viel persönlicher, auf jeden Tänzer individuell zugeschneidert. Nichts wirkt gedrillt, wie man das zum Beispiel aus einem Schwanensee kennt. Butterweich wie Barbiepuppen schmiegen sich die Tänzerinnen an den elektronischen Sound, stocksteif wie Marionetten schleudern sie die Beine 180 Grad in die Luft. Irgendwie wirken die Körper rastlos, als ob sie auf der Suche wären, und doch sind sie absolut im Einklang mit der Musik von DJ Haram.

Erstes Ballett "BoD" - klassische Ballettschritte zu straffen DJ-Beats

"My Generation" von Richard Siegal beim Dance Festival 2017 in München  | Bildquelle: ShokoPhoto Richard Siegals "My generation" | Bildquelle: ShokoPhoto

Es gibt im Eröffnungsballett mit dem Titel "BOD", was für Ballet of Difference steht, keinen Rhythmus, kein Schnurren und kein Geräusch, das diese Tänzer NICHT in Bewegung umsetzen können. Die Musik fließt durch sie hindurch und sendet Impulse aus: Mal zersplittern die Bewegungen wie eine zerborstene Eisfläche, mal zittern die Körper wie das hauchdünne Papier eines Scherenschnitts. Und  wenn man seinen Augen nicht mehr traut, weil man ein solches Übermaß an Akrobatik noch nie gesehen hat , dann wirbeln die Tänzer unerwartet in einem Halbkreis über die Bühne mit streng klassischen Pirouetten. Als ob man das zum Verschnaufen bräuchte.

Immer wieder setzt Richard Siegal auf diese ganz klassischen Schritte wie große weite Sprünge, hohe Beine und Trippeln auf der Spitze. Völlig natürlich passen die sich dem straffen Beat an. Besonders eindrucksvoll sind in diesem ersten Teil die Bewegungen der Arme. Weich, elegant, von feenhafter Anmut und voller Zartheit – und mit einem Schlag, im buchstäblichen Sinne, verwandeln sie sich in Besenstiele. Und plötzlich, mit dem nächsten Schlag, verschnörkeln sie sich, wie bei einer thailändischen Volkstanztruppe. Siegal legt im raschen Wechsel der Bilder ein Tempo vor, das es locker mit der Höchstgeschwindigkeit eines 12 Zylinder Motors aufnehmen kann.

Gewöhnungsbedürftig, weil ziemlich extravagant, sind die Kostüme. An den hautengen Anzügen der Tänzer hängt jeweils ein Versatzstück in grau oder gelb, das  irgendwie an Teile einer Luftmatratze erinnert.  Im Laufe der 20 Minuten, die das erste Ballett dauert, entwickeln diese Kostüme aber doch ihren Reiz, wenn sich die Stoffwürste aufstellen, wie der Nacken eines Geckos oder entfalten, wie Flügel eines Adlers.

Zweites Ballett - "Excerpts of a Future Work on the Subjects of Chelsea Manning"

Im zweiten Ballett drosselt Richard Siegal dann dankenswerterweise das Tempo. Er erzählt eine reale Geschichte in Fragmenten – wieder nutzt er die klassische Tanzsprache, erweitert sie um zeitgenössische Elemente. So lässt er einen der Tänzer zucken, als würde geradewegs durch ihn hindurch eine Starkstromleitung führen. Grob gesagt geht es um Geschlechterrollen, um die Whistleblowerin Chelsea Manning, die Dokumente über Menschenrechtsverstöße der Amerikaner im Irak an Wikileaks weiterleitete. Ein ehrbarer Ansatz, darüber ein Ballett zu kreieren. Als Zwischenbericht in Gestalt eines Work in progress auch spannend, aber nach dem ästhetisch orientierten ersten Ballett  etwas zu emotionsgeladen.

Drittes Ballett "Pop HD" - Hüftschwung in kreisch-bunten Anzügen

"My Generation" von Richard Siegal beim Dance Festival 2017 in München  | Bildquelle: ShokoPhoto Richard Siegals "My generation" | Bildquelle: ShokoPhoto

Im Finale legt das Ballett of Difference noch mal einen Zahn zu, die Tänzer schlüpften in kreisch-bunte Anzüge, die an die bei Hobbyrennradlern angesagte Sportbekleidung erinnern. Poppig und mit einem Hüftschwung wie Michael Jackson in seinen besten Jahren, mit rasant schnell wechselnden Formationen zeigt Richard Siegal, dass Tanz bei den Zehen beginnt und sich bis in die Haare fortsetzt. Als bildlichen Beweis dafür schleudert eine dunkelhäutige Tänzerin ihre zu spaghettidünnen Zöpfchen geflochtenen Haare im Rhythmus durch die Luft. Und Siegal beweist auch, dass er nicht nur politisch, ästhetisch und klassisch denkt, sondern auch noch witzig ist: Ein Tänzer, auf dessen Trikot Bananenwerbung abgebildet ist, fällt immer wieder zu Boden, als wäre er auf einer Bananenschale ausgerutscht. Nichts davon rückt Siegal plump in den Vordergrund, alles passiert ganz dezent. Und kaum hat man etwas entdeckt, wird es turbomäßig schnell durch ein neues starkes und bewegendes Bild abgelöst.

Richard Siegals "My generation" beim DANCE Festival 2017 in München (11. bis 21. Mai)

Premiere: Donnerstag, 11. Mai
Weitere Vorstellungen: Freitag, 12. Mai, Samstag, 13. Mai
Muffathalle München
Mehr Informationen unter dance-muenchen.de

Sendung: "Allegro" am 12. Mai 2017, 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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