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Davos Festival 2022 – Young Artists in Concert Lügen, Fakes und musikalische Fallen

Das Davos Festival lockt jährlich im Hochsommer ganz besondere Trüffelsucher nach Graubünden. Nämlich diejenigen, die sich für junge Talente interessieren. "Young artists in concert" lautet das Motto des 1986 gegründeten Festivals. Der Schwerpunkt heuer: Flunkern.

Szenenbilder, Mono-Oper "La voix humaine", Davos Festival | Bildquelle: DAVOS FESTIVAL / © Yannick Andrea

Bildquelle: DAVOS FESTIVAL / © Yannick Andrea

Immer diese Motti! Kaum ein Festival kommt ohne ein selbst verordnetes, übergeordnetes Thema aus. In diesem Zeiten besonders beliebt: Diversity oder anderes Fluides. Dumm nur, dass meist dann doch die alten einschlägigen Werke gespielt werden und oftmals die wirklich zum Thema passenden Stücke und Künstler in einer Nische versteckt sind und auch ein ebensolches Publikum anziehen. Im Falle des Davos Festival liegen die Dinge deutlich anders. Der junge, munter-kluge Intendant Marco Amherd kredenzt allsommerlich nicht nur künstlerisch, sondern auch konzeptionell Hochklassiges. Vergangenes Jahr ging es tatsächlich um Diversität und Verwandlung(en), das Lucerne Festival zieht heuer nach und widmet sich auch dieser Thematik, zwar nicht als Feigenblatt, aber lang nicht so konsequent wie Davos.

Flunkern in Graubünden

Doch zurück nach Graubünden. Hier wird diesmal kräftig gelogen – das Motto lautet "Flunkern". Und es werden Grundsatzfragen gestellt, kann Musik lügen, wie verhält sich das etwa im Falle von Dmitri Schostakowitsch, ist seine unter dem stalinistischen Terror entstandene Musik mit ihren versteckten Botschaften nun irgendwie unwahr? Die Debatte wird bis heute ständig und intensiv geführt. Im Programm des Davos Festival sehr konkret bildet sich der Aspekt von Pseudonymen ab, nach wie vor wenig diskutiert und aufgearbeitet ist die Tatsache, dass komponierende Frauen lange Zeit nur unter einem männlichen (oder geschlechtsneutralen) Namen veröffentlichen konnten. Mel Bonis, Rebecca Clarke sind Beispiele dafür, ihre spannenden Werke erklangen unter ihren echten Namen in Davos.

Mono-Oper von Francis Poulenc im Hotel vom "Zauberberg"

Szenenbilder, Mono-Oper "La voix humaine", Davos Festival | Bildquelle: DAVOS FESTIVAL / © Yannick Andrea Bildquelle: DAVOS FESTIVAL / © Yannick Andrea Geflunkert, aber im unscharfen, nebulös bleibenden Sinne wurde bei Francis Poulencs Mono-Oper "La voix humaine". Die Vorlage stammt von Jean Cocteau, eine Frau telefoniert – vermutlich – mit ihrem Geliebten, der sie – vermutlich –verlassen hat. Das Gespräch wird immer wieder unterbrochen, Poulenc lässt es vom Klavier (fulminant: Dominic Chamot) aus nervös und beharrlich klingeln. Die junge Sopranistin Hélène Walter singt, spielt, durchlebt den irren Psychotrip im Ambiente des ehemaligen Sanatoriums und heutigen Hotels Schatzalp – es diente einst Thomas Mann als Vorlage für den "Zauberberg". Das Telefon ist uralt, die Möbel besitzen Patina, alles wirkt wie ein (Alp)Traum aus verschwundenen Zeiten und doch wirkt diese von Hélène Schweitzer intensiv inszenierte knappe Stunde radikal gegenwärtig, unter die Haut, durch Mark, Bein und ins Ohr gehend.

Young artists in concert

Wenn man über Künstlerinnen und Künstler beim Davos Festival redet, so kommt man rasch zum wirklichen Alleinstellungsmerkmal: Young artists in concert lautet der Untertitel, nicht nur dieses Jahr, sondern immer. Das Spezielle ist die stupende dramaturgische Verbindung und künstlerische Verknüpfung, hier spielen eben nicht nur junge Leute ein beliebtes, beliebiges Repertoire, sondern jede Veranstaltung, sei es in Kirchen, Konzertsälen, Hotels oder unter freiem Himmel (gerne auch bei feinen Wanderungen mit manchmal ebensolchen Speisen und Getränken) wird die Musikwelt ein bisschen neu erfunden. Das lockt auch Menschen mit weiterer Anreise regelmäßig an.

Sendung: "Leporello" am 17. August 2022 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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