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Orchesterleitung – autoritär oder im Team? Dirigieren als "Role Model" für Wirtschaftsbosse

Autoritäre Alphatiere sind out, Team-Player sind in. Gerade am Dirigentenpult, findet Christoph Schäfer, Dirigent und Autor des Buchs "Dirigieren PLUS". Schäfer meint: Dirigieren und Management gehören zusammen.

Dirigent und Buch-Autor Christoph Schäfer | Bildquelle: Vincent Schmucker

Bildquelle: Vincent Schmucker

Die gute Nachricht: Sobald jemand zu dirigieren beginnt, passiert schon mal was Positives. Von daher sei Dirigieren immer ein "Dirigieren Plus", wie der Dirigent und Autor Christoph Schäfer im BR-KLASSIK-Interview erzählt. Der Titel seines gleichnamigen Buches spiele aber noch auf etwas anderes an: Für eine erfolgreiche Dirigentin, einen erfolgreichen Dirigenten brauche es zum einen das traditionelle Handwerkszeug, die "saubere" Schlagtechnik. Aber eben nicht nur – da sei noch ein „Plus“, zwei weitere Bereiche, auf die es ankomme, so Schäfer. Und so teilt sich sein Buch in drei Teile: Das traditionelle Handwerk des Dirigierens, die Persönlichkeitsentwicklung und das Thema "Organisation". Während sich der erste Teil zur Technik des Dirigierens an Musiker*innen richtet, will Schäfer mit den anderen beiden Teilen durchaus auch Nicht-Dirigierent*innen ansprechen. So trifft in den knapp 150 Seiten seines Buchs die Welt des Dirigierens auf die Welt des Managements, der klassische Konzertsaal auf die freie Wirtschaft.

Gefühlt fast jeden zweiten Monat gibt es ein tolles neues Führungsmodell in der Wirtschaft.
Christoph Schäfer, Dirigent

Fachbücher aus dem Bereich Wirtschaftspsychologie waren Schäfers Inspiration. Die lagen bei ihm Zuhause herum, dank seiner Freundin, einer Professorin für Wirtschaftspsychologie. Schäfer fing an zu lesen. Und fand viele Parallelen zu seinem Beruf. Persönlichkeitsentwicklung, Organisation, Selbstorganisation – auch für einen (freiberuflichen) Dirigenten kann das karriereentscheidend werden. Etwa die banale Frage: Wie kann ich meinen Alltag mit mehreren Ensembles gleichzeitig, mit vielen parallelen Projekten und Konzerten sinnvoll strukturieren? Wie hole ich das Potential aus meinem Ensemble heraus? "In der Probe, ob mit Chor oder Orchester, da haben alle ihre eigene Meinung – wie komme ich da ran, auf möglichst kreative und positive Art und Weise?", so Buchautor Schäfer.

Dirigent*in als "Role Model" für Wirtschaftsbosse

Dabei ist der Transfer von Management-Know-How auf Dirigier-Fähigkeiten und vice versa nichts Neues. Diese Idee hatte auch schon der israelische Dirigent Itay Talgam. Er hält Workshops und Vorträge, etwa vor Managern des Silicon Valley, und erklärt, was Wirtschafts-Bosse sich von großen Dirigenten abschauen können – Stichwort Teamplay – und was lieber nicht – Stichwort Pult-Tyrann.

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Itay Talgam: Lead like the great conductors | Bildquelle: TED (via YouTube)

Itay Talgam: Lead like the great conductors

Die große Frage: Wie geht gutes Dirigieren?

Sir Simon Rattle dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. | Bildquelle: BR/Astrid Ackermann "Unser Simon" und ein großer "Teamspieler", so Frank-Walter Steinmeier über Sir Simon Rattle bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. | Bildquelle: BR/Astrid Ackermann Klar: Die Tage autoritärer Alphatiere am Dirigentenpult sind gezählt. Pult-Diktator ist out, Team-Player in. Bestes Beispiel: Die öffentliche Diskussion um den autoritären Führungsstil Daniel Barenboims. Und, auf der anderen Seite, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den charismatischen "Teamspieler" Sir Simon Rattle. Dieses Credo vertritt auch Christoph Schäfer. Dennoch: Etwas Autorität brauche es dann doch. Und: "Ambidextre Führung". Ein sperriger Begriff – für Schäfer ein Schlüssel zum Erfolg: "'Ambidextrie' bedeutet ja Beidhändigkeit. Das ist schon etwas, was für uns Dirigenten ohnehin wichtig ist beim Dirigieren. Mit Blick auf Führung meint Beidhändigkeit aber auch den gelungenen Wechsel zwischen Agilität und Stabilität: Agilität, um in der modernen Arbeitswelt bestehen zu können und aktiv den Weg in die Zukunft zu gestalten." Aber das funktioniere auf Dauer eben nicht ohne Stabilität. Das heißt: Das Bisherige nicht einfach unreflektiert über Bord zu werfen, sondern "Bewahrtes zu bewähren" und damit dem Orchester "ein gewisses Stück Sicherheit geben".

Positivbeispiel in Sachen Führungsstil: Der Dirigent Mariss Jansons

Somit müsse eine erfolgreiche Dirigentin, ein erfolgreicher Dirigent mehrere Ansätze kennen, um sein Orchester dahin zu bringen, wo sie oder er es haben will. Autoritär allein läuft nicht. Mariss Jansons habe das auf wunderbare Art verkörpert, so Buch-Autor Schäfer: "Der wusste einerseits ganz genau wusste, was er will – auch jeder im Orchester würde das so bestätigen. Andererseits hat er ganz genau in sein Orchester hineingehorcht und dann auch natürlich mal die Zügel locker gelassen." Ambidextre Führung par excellence also. Kein Zufall: Teamplayer Rattle verehrt seinen 2019 verstorbenen Vorgänger beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Brauchen Musiker heutzutage noch den Chef am Pult?

Dirigent Christoph Schäfer | Bildquelle: Bärenreiter-Verlag Bildquelle: Bärenreiter-Verlag Und dann sei da natürlich noch die hohe Kunst, Kompromisse einzugehen. Eben nicht immer unter Volldampf die eigene Meinung, den eigenen Willen durchzudrücken. Sondern hin und wieder auch zu mal sagen: Moment, ein anderer Punkt ist sehr viel wichtiger. "So was kann man definitiv erlernen und ausprobieren. Das wird sicher nicht von Anfang an hundertprozentig klappen. Aber wenn man so verschiedene Werkzeuge in seinem Repertoire hat, macht es sehr viel Freude." Der Kontakt zu den Menschen bekomme eine andere Qualität. Und nebenbei komme auch noch der Erfolg. Bei so viel moderner Führungskultur, Teamwork und Kompromissbereitschaft stellt sich die Frage: Braucht ein Musik-Ensemble den Chef am Pult überhaupt noch? Ja, findet Christoph Schäfer: "Bei einem Live-Konzert ist es einfach der Moment, der entscheidet. Da kommen 50, 100 oder 200 Leute an dem Abend auf die Bühne. Jeder kommt von irgendwo anders her. Jeder hat irgendwie eine andere Tagesform. Und eine Dirigentin, ein Dirigent schafft, dieses Gesamtziel zu verfolgen und vorzugeben, was das End-Ziel ist." Und für genau diese Gänsehaut-Momente sei er so gerne Dirigent.

Zum Buch

"DIRIGIEREN PLUS. Dirigiertechnik – Persönlichkeitsentwicklung – (Selbst-)Organisation" von Christoph Schäfer ist bei Bärenreiter erschienen und kostet 24,95 Euro.

Sendung: "Leporello" am 23. Februar 2022 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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