BR-KLASSIK

Inhalt

Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen Konzept zur Wiedergutmachung

Es ist wohl einer der größten Missbrauchs- und Misshandlungsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland: Bei den Regensburger Domspatzen sind mindestens 231 Schüler Opfer körperlicher und etwa 50 weitere Opfer sexueller Gewalt geworden, vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren. Seit Februar berät ein Aufarbeitungsgremium, wie ihnen geholfen werden kann. In einer Pressekonferenz wurde ein Vier-Säulen-Konzept vorgestellt.

"Es schmerzt mich, es tut mir in der Seele weh. Ich kann es nicht ungeschehen machen." Mit diesen Worten eröffnete der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, als erster Sprecher die Pressekonferenz des Aufarbeitungsgremiums. "Wir können es nicht mehr gut machen, aber wir wollen zeigen, dass es uns leid tut." Voderholzer trat erstmals gemeinsam mit Betroffenen in der Öffentlichkeit auf. Acht Mal hatte sich das Gremium zuvor getroffen, seitdem hätten sich 129 weitere Opfer gemeldet, insgesamt seien also 422 Meldungen eingetroffen. Der Bischof rief mögliche weitere Opfer auf, sich zu melden und Hilfsangebote wahrzunehmen.

Aufarbeitung mit Vier-Säulen-Konzept

Das Aufarbeitungsgremium, dem unter anderem Bischof Voderholzer, der Domspatzen-Internatsdirektor Rainer Schinko sowie Betroffene angehören, hat sich auf ein Vier-Säulen-Konzept geeinigt: Bei den ersten beiden Säulen handelt es sich um zwei Studien, die im Frühjahr 2017 beginnen und zwei Jahre dauern: eine historische, um die personellen und internen Strukturen bei den Domspatzen aufzuarbeiten. Unter anderem soll dabei auch beleuchtet werden, welche Rolle Georg Ratzinger inne hatte. Eine zweite Studie befasst sich mit den sozialwissenschaftlichen Aspekten. Diese Studie befasse sich allgemein mit Mechanismen, die Missbrauch begünstigen, außerdem werden Profilanalysen der Täter und der Opfer angefertigt. Daraus sollen dann auch Präventionsmaßnahmen abgeleitet werden.

Als dritte Säule ist eine weitere Anlaufstelle eingerichtet worden, das "Münchner Informationszentrum für Männer" (MIM). An diese Stelle sollen sich Opfer wenden können, die bislang dem Bistum noch kein Vertrauen entgegenbringen konnten. Der letzte Baustein des Aufarbeitungskonzeptes: die Anerkennung. Das dazu berufene Gremium aus drei Personen werde sich in den nächsten Monaten ein Bild von der Schwere der Übergriffe machen und bereits zum Ende des Jahres über die Höhe erster Zahlungen über eine "materielle Anerkennung des erlittenen Unrechts" entscheiden. Diese sollen in einer Höhe zwischen 5.000 und 20.000 Euro ausbezahlt werden. "Es ist klar, dass erlittenes Leid nicht mit Geld aufgewogen werden kann", sagte Rainer Schinko, der Internatsdirektor der Domspatzen. Aber man wolle das Leid der Opfer anerkennen.

Wir haben etwas erreicht, von dem wir jahrelang geträumt haben. Wir haben diese Befriedung zum Greifen nah, wenn nicht schon erreicht.
Alexander Probst, Vertreter der Missbrauchsopfer

Der Betroffene Alexander Probst im Jahr 2016 | Bildquelle: BR Der Betroffene Alexander Probst im Jahr 2016 | Bildquelle: BR Als erster Redner der Opferseite äußerte sich Alexander Probst: Er berichtete über einen langen, schweren Kampf. Mit gemischten Gefühlen sei er zum ersten Treffen des Aufarbeitungsgremiums gegangen. Allerdings hatte er schnell das Gefühl, dass man nicht gegeneinander arbeite, sondern miteinander für ein gemeinsames Ziel.

Der 56-Jährige zeigte sich zufrieden: "Wir traten an mit einem Forderungskatalog, der bewusst sehr hoch angesetzt war - nach heutigem Stand wissen wir, dieser Forderungskatalog ist erfüllt." Probst macht aber auch klar, dass es sich bei den Zahlungen des Anerkennungsgremiums nicht um Schadensersatzleistungen handle. "Das ist eine Anerkennungsleistung - keine Entschädigung."

Domspatz Alexander Probst: Anfang der 70er Jahre entstanden. | Bildquelle: Alexander Probst Domspatz Alexander Probst Anfang der 70er Jahre | Bildquelle: Alexander Probst Man sei auch noch nicht am Ende, es bestehe weiterhin Gesprächsbedarf. Und dennoch: Er habe volles Vertrauen in Bischof Voderholzer. "Er ermutigt jeden, das Gespräch zu suchen." Die Rolle von Voderholzer bei der Aufarbeitung sei nicht hoch genug zu bewerten.

Alexander Probst und Peter Schmitt haben lange gekämpft. Sie stehen nur exemplarisch für viele ehemalige Domspatzen, die seit Jahren auf ihr Schicksal aufmerksam machen. Doch lange hat ihnen das Bistum Regensburg offenbar nicht richtig zugehört, wenn sie berichteten - über Missbrauch und Misshandlung bei den Regensburger Domspatzen.

"Prügel waren üblich"

Georg Ratzinger, ehemaliger Leiter der Regensburger Domspatzen und Bruder von Papst Benedikt XVI., in seinem Haus in Regensburg (Bayern), aufgenommen am 07.06.2011.  | Bildquelle: dpa-Bildfunk/ Armin Weigel Ehemaliger Domkapellmeister Georg Ratzinger | Bildquelle: dpa-Bildfunk/ Armin Weigel Unter Voderholzers Vorgänger Gerhard Ludwig Müller scheiterten zuvor alle Versuche, die unrühmliche Vergangenheit der Domspatzen systematisch aufzuarbeiten - fünf lange Jahre. Heute ist Müller als Präfekt der römischen Glaubenskongregation an höchster Stelle für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche verantwortlich. Betroffene warfen dem Bistum vor, eine Aufklärung zu verhindern. Müller dagegen sah den Knabenchor durch die Vorwürfe in den Dreck gezogen. Und immer wieder tauchte die Frage auf: Was wusste der ehemalige Domkapellmeister Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., von den Vorgängen? Ratzinger erklärte in einer früheren Stellungnahme, Prügel seien damals in allen Erziehungsbereichen, auch in Familien, üblich gewesen. Von sexuellen Übergriffen habe er dagegen nichts gehört.

Aufarbeitung unter Voderholzer

Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer (Archivbild) | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Erwin Elsner Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Erwin Elsner Erst unter Voderholzer kam im Jahr 2015 Bewegung in die Aufarbeitung. Zuvor hatten Betroffene wie Alexander Probst oder Michael Sieber in mehreren TV-Dokumentationen auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht. Im April wurde schließlich Anwalt Ulrich Weber (Weißer Ring) als unabhängiger Sonderermittler eingesetzt.

Er war es dann auch, der im Januar 2016 von 231 Opfern körperlicher Gewalt, vor allem in der Vorschule Etterzhausen, und von mindestens 50 Betroffenen sexueller Gewalt, vor allem bis Ende der 1970er-Jahre in Regensburg spricht. Das Bistum hatte noch ein knappes Jahr zuvor von 72 Misshandlungsopfern gesprochen.

Beispiel Ettal

All das zeigt: Der Weg in Regensburg ist nicht einfach. Trotzdem gibt es Beispiele innerhalb der katholischen Kirche, die Hoffnung machen: Aufarbeitung kann gelingen. Zwar dauerte es etwa auch in Ettal fast ein Jahr, bis Opfer und die Benediktiner einen Weg fanden, die Missbrauchsfälle in dem Klosterinternat aufzuarbeiten. Am Ende bekamen etwa 70 ehemalige Schüler finanzielle Entschädigungen und Hilfen. Für erlittene körperliche Gewalt wurden jeweils 5.000 Euro, für sexuellen Missbrauch zwischen 10.000 und 20.000 Euro ausbezahlt. Außerdem untersuchte eine sozialwissenschaftliche Analyse Ursachen und Mechanismen, die zu den Übergriffen geführt oder sie begünstigt hatten.

"System der Angst" bei den Domspatzen

Zwischen 1945 und Anfang der 1990er Jahre gab es in der Vorschule und im Internat der Domspatzen Hunderte Fälle körperlicher und sexueller Gewalt. Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber untersucht dieses dunkle Kapitel seit Mai 2015. Der unabhängige Sonderermittler sprach in einem Zwischenbericht von einem "System der Angst", das jahrzehntelang bei den Domspatzen geherrscht habe. Weber geht von insgesamt 600 bis 700 Opfern aus. Bisher haben sich 422 Betroffene gemeldet. 65 der Opfermeldungen beziehen sich auf sexuelle Übergriffe. Bis auf einen einzigen Mann sind alle Täter inzwischen verstorben. Seinen Abschlussbericht will Weber Anfang 2017 vorlegen.

    AV-Player