BR-KLASSIK

Inhalt

Sexueller Missbrauch in Venezuela Opfer berichten über Missbrauch bei El Sistema

Lange Zeit galt El Sistema, ein musikalisches Bildungsprogramm in Venezuela, als Vorzeigeprojekt schlechthin. Doch bereits 2014 wurden Missbrauchsvorwürfe um das Projekt laut. Nun wagen sich Opfer unter dem Hashtag #MeToo mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit.

"El Sistema" Gustavo Dudamel dirigiert das Simon Bolivar Symphony Orchestra von Venezuela  | Bildquelle: © dpa

Bildquelle: © dpa

Bekannt geworden ist das Projekt dafür, Armut zu bekämpfen und soziale Integration zu fördern. Hunderttausende venezolanische Kinder und Jugendliche sind bei El Sistema seit 1975 in Musikschulen und Orchestern aktiv. Es geht um das gemeinsame Musizieren, aber auch um Bildungschancen. Doch der Schein trügt. Als der Musikwissenschaftler Geoff Baker 2014 sein Buch El Sistema: Orchestrating Venezuela’s Youth veröffentlicht, wird klar: Hier herrschen hierarchische, konservative Strukturen. Baker behauptet außerdem, Missbrauch werde innerhalb der Organisation begünstigt oder zumindest gestattet. El Sistema wies diese Vorwürfe damals unmittelbar von sich. Für eine längere Zeit kehrte Ruhe um das Thema ein.

#MeToo erreicht Venezuela 

Erst seit Anfang April 2021 werden wieder Vorwürfe laut. Eine Welle des Hashtags #MeToo startet in den sozialen Netzwerken. Zunächst allgemein in der Kulturszene Venezuelas, nach und nach auch mit konkreten Vorwürfen gegen El Sistema. 

Seit ich 13 war, begannen anzügliche Nachrichten in sozialen Netzwerken aufzutauchen.
Angie Cantero, ehemaliges Mitglied von El Sistema

Am 29. April erzählt Angie Cantero, eine ehemalige Musikerin von El Sistema, auf Facebook über die dortigen Zustände. Sie schreibt: "El Sistema ist verseucht von Pädophilen, Päderasten und einer unzähligen Anzahl an Personen, die sexuellen Missbrauch begangen haben. Seit ich 13 war, begannen anzügliche Nachrichten bei mir auf Facebook, Instagram und in anderen sozialen Netzwerken aufzutauchen. Dank der Warnungen, die ich immer wieder von meinen Eltern bezüglich solcher Personen bekam, bin ich nie darauf eingegangen. Leider war das bei vielen meiner Freundinnen, die damals auch minderjährig waren, nicht so. Sie landeten in Beziehungen (natürlich inklusive Sex) mit diesen Typen, die viel älter waren als sie (zum Teil doppelt so alt oder älter) und langjährige Partnerinnen hatten oder sogar verheiratet waren."

El Sistema-Opfer berichten 

Ihrem Facebook-Post folgen weitere Geschichten, darunter auch solche von Opfern. Ein Mädchen veröffentlicht unter dem Namen "Lisa" auf Twitter ihre Geschichte. Sie sei seit ihrem zwölften Lebensjahr regelmäßig von zwei Oboenlehrern missbraucht worden. Gleichzeitig habe sie außergewöhnliche musikalische Möglichkeiten erhalten, unter anderem ein Konzert mit dem National Children’s Symphony Orchestra aus Venezuela unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Die Lehrer hätten den Missbrauch ihr gegenüber damit begründet, sie bekäme mithilfe sexueller Lust einen volleren Klang.  

Missbrauch als offenes Geheimnis

Innerhalb von El Sistema sollen diese Vorwürfe allerdings kein Geheimnis gewesen sein. Eine Musikerin, die 18 Jahre lang Mitglied bei El Sistema war, berichtet gegenüber der Washington Post: "Es gab viele Fälle, die ans Licht kamen, aber es waren die Mädchen, die die Konsequenzen trugen. Die Rolle der Lehrer wurde unter den Teppich gekehrt." Eine andere erzählt, es sei so normal gewesen, dass viele Mädchen es vielleicht gar nicht als missbräuchlich wahrgenommen hätten.  

#YoTeCreoVzla

Als Reaktion gibt es kurz darauf in den sozialen Medien unter #YoTeCreoVzla (Ich glaube dir, Venezuela) seelische Unterstützung aus aller Welt. Noch sind es nur Vorwürfe. Um sie zu bestätigen oder zu entkräften, wäre allerdings eine intensive Untersuchung erforderlich.  

Sendung: "Allegro" am 1. Juni 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (0)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.
Zu diesem Inhalt gibt es noch keine Kommentare.

    AV-Player