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Eröffnung Ballettfestwoche München 2022 Der Tanz als zeitgemäße Sprache

Die Ballettfestwoche in München ist eröffnet. Am Samstag gab es zum Start im nahezu komplett ausverkauften Nationaltheater den Dreiteiler "Passagen" mit dem Bayerischen Staatsballett. Drei wichtige Choreographen unserer Zeit zeigten ihre Arbeiten. "Affairs of the heart" von David Dawson, "Bilder einer Ausstellung" von Alexei Ratmansky und "Sweet Bones Melody" von Marco Goecke. Viel Stoff innerhalb von zweieinhalb Stunden. Ein zeitgenössischer und dabei total zeitgemäßer Abend, findet Sylvia Schreiber.

Ballettfestwoche München 2022 - Passagen / Bilder einer Ausstellung | Bildquelle: Wilfried Hösl

Bildquelle: Wilfried Hösl

Eine Handvoll Hoffnung

Eröffnung der Ballettfestwoche 2022

Sie tragen hellblaue Trikots, hauteng und ohne Schnickschnack. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich vollendet weich, die Hälse gedehnt, die Finger wie Federn. Alles total klassisch mit hohen Beinen, Spitzentanz, schwebenden Ballerinas im Pas de dex.

Choreograph David Dawson zelebriert die Wortlosigkeit des Tanzes

Die Bühne ist dabei in sanftes bläuliches Licht getaucht, mal mit einem Hauch von Flieder, von Grün, von Grau, von Gelb. Choreograph David Dawson zelebriert die Wortlosigkeit des Tanzes mit harmonischen, unendlich geschmeidigen Bewegungen. Alles wirkt so unangestrengt, als hätte Dawson ein Ballett-Perpetuum-Mobile erfunden zu einem schmerzlichen Violinkonzert des Kanadiers Marjan Mozetich.

Dawsons Stück "Affairs Of The Heart" ist während Corona entstanden, als die Zeit, aber nicht das Leben stillstand. Es ist, als ob man einem gluckernden, gurgelnden, kristallklaren Bach beim Fließen zuschauen würde – und die Tänzerinnen und Tänzer wären die Wassertropfen.

Choreograph Alexei Ratmansky bekennt Farbe

Ballettfestwoche München 2022 - Passagen / Bilder einer Ausstellung | Bildquelle: Wilfried Hösl Szene aus "Bilder einer Ausstellung" | Bildquelle: Wilfried Hösl Mussorgskis Zyklus "Bilder einer Ausstellung" ist die musikalische Grundlage des zweiten Balletts. Jede Nummer hat einen komplett anderen Charakter, also wie geschaffen für eine Revue aus Küken, Katakomben, Juden, Hexe, Zwerg.

Kandinskys Farbstudien liefern das Bühnenbild. Sie werden dekonstruiert und fügen sich wundersam zu immer neuen Quadraten und Kreisen zusammen. Ein stimmiges, feines Konzept, das sich der russisch-amerikanische Choreograph Alexei Ratmansky überlegt hat. Und das er bereits 2014 erfolgreich in New York gezeigt hat.

Das große Tor von Kiew

Ratmansky kennt den klassischen Ballettkanon auswendig, er war ja selbst jahrelang Tänzer. Es ist hübsch anzuschauen, wie temporeich er die zehn Ballerinen in verschiedenen Konstellationen über die Bühne scheucht. Ob Ratmansky eine Geschichte erzählt, oder die Bilder leichtfüßig illustriert, bleibt dabei offen. Und doch liegt die ganze Zeit etwas in der Luft.

Weil nämlich alles auf das letzte Bild zusteuert mit dem Titel: Das große Tor von Kiew. Auf dem Bühnenbild deutet eine Kuppel das große Tor an. Die Tänzerinnen und Tänzer legen sich mit Trotz und Kraft in die Akkorde, begleitet von Dmitry Mayboroda am Klavier. Fast militärisch schreiten sie zur fanfarenartigen Melodie. Das Lächeln auf ihren Gesichtern wirkt eingemeißelt, einstudiert.

Choreograf Ratmansky zerrt Flagge der Ukraine heraus

Ballettfestwoche München 2022 - Passagen / Bilder einer Ausstellung | Bildquelle: Wilfried Hösl Szene aus "Bilder einer Ausstellung" | Bildquelle: Wilfried Hösl Wir alle haben doch ganz andere Bilder zu Kiew im Kopf, Bilder der Zerstörung, nicht von lustigen Quadraten, Bilder voller Leid, mit einem Feuerball am Horizont, keine Kringel und Kuppeln. Dann – für ein paar Sekunden blitzen statt buntem Kandinsky die ukrainischen Farben auf: Gelb-Blau. Wir sind im Jetzt. Schlussakkord. Erleichtert verbeugen sich die Compagnie und der Choreograf Alexei Ratmansky. Der wurschtelt plötzlich an seiner Jacke herum. Und zerrt eine Ukraineflagge heraus, reißt sie mit gestreckten Armen hoch.

Das Publikum klatscht noch heftiger. Ratmansky wird nicht müde, die Geste zu wiederholen. Wütend wirkt er dabei und man merkt, wie wichtig es ihm ist, Farbe für die Ukraine zu bekennen. Vermutlich gibt es kaum jemanden im Saal, der davon kein Foto gemacht hat.

Ballett Nummer drei: Eine Handvoll Hoffnung

Es geht los wie der Vorspann einer Netflix-Serie: aus einem diffus-nebligen Dunkel marschieren kämpferische Gestalten auf uns zu, Männer, Frauen, egal, Goecke macht keinen Unterschied. In schwarzen weiten Hosen, im schwarzes Shirt – auf dem goldene Fetzen an goldigere Zeiten erinnern.

Würde ihnen ein Maschinengewehr über der Schulter baumeln, keiner würde stutzen. Doch ihre Waffe ist die Körpersprache und die ist hart. Die Hände zucken, wie bei einem epileptischen Anfall, die Köpfe wackeln, wippen, scheinen auf einem Kugelgelenk zu sitzen, die Movements wechseln schneller als ein Augenaufschlag.

"Sweet Bones Melody" von Marco Goecke

Wenn bei einem Androiden die Sicherung durchbrennt, bewegt er sich vermutlich so, wie die Tänzer in Marco Goeckes "Sweet Bones Melody". Er fordert den Tänzerinnen und Tänzern eine enorme Präizision und Anstrengung ab, man hört sie schnaufen, die Musik von Unsuk Chin ("Mannequin") lässt keine Sekunde Ruhe. Es ist, als wolle Goecke sagen: Niemand fläzt sich in diesen Zeiten gemütlich in den Samtsessel und erfreut sich an fröhlichem Gehopse.

Jedes Schnarren aus dem rappelvoll besetzten Orchestergraben überträgt Marco Goecke in Bewegung, gibt dem Klang einen menschlichen Körper. Und wenn dann, für Sekunden, die Melodie milde wird, sich die Tänzer umarmen wollen, ihren Körpern Geborgenheit geben, zerschießt eine Schlagzeug-Salve die Harmonie und die Getriebenheit beginnt von neuem

Atemberaubende Tänzerinnen und Tänzer

Was die elf Tänzerinnen und Tänzer leisten, ist atemberaubend, was das Orchester unter der Leitung von Tom Seligman auffährt, ohrenbetäubend. Und doch – kriegt Goecke die Kurve und hinterlässt keinen Scherbenhaufen. Ein Gedicht von Else Lasker-Schüler ertönt, bittere Hoffnung klingt an. Dann schreitet ein Tänzer im Frack aus dem Dunst. Er trägt etwas Zappelndes.

Behutsam öffnet er seine Hände und eine weiße Taube schlägt zaghaft mit den Flügeln. Der Choreograph Marco Goecke wird für sein ausdrucksvolles, symbolisch aufgeladenes Debut beim Bayerischen Staatsballett lautstark vom Publikum gefeiert. Ein Abend, der zeigt, wie zeitgemäß der Tanz als Sprache sein kann.

Sendung: "Allegro" am 28. März 2022, ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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