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Eröffnungsgala am Gärtnerplatztheater "Unser Haus steht für Freiheit"

Am Samstag war es soweit: Festlich und fröhlich eröffnete das Gärtnerplatztheater mit Musical, Operette und rasanten Balletteinlagen seine Spielzeit im renovierten Haus. Neben leichter Muse sah sich Intendant Josef E. Köpplinger aber auch politisch in der Pflicht und zeigte Haltung.

Eröffnung Gärtnerplatztheater | Bildquelle: Christian POGO Zach

Bildquelle: Christian POGO Zach

Wenn Josef Köpplinger, der Intendant des Münchener Gärtnerplatztheaters, seine Schirmmütze ablegt, dann ist das ungefähr so spektakulär, als ob Udo Lindenberg ohne Hut herumläuft oder Karl Lagerfeld auf seine Brille verzichtet. Die Basecap ist Köpplingers Markenzeichen. Doch bei der Gala zur feierlichen Wiedereröffnung seines Theaters, ließ er sie mal weg. Was für ein Neuanfang!

Und das ist nicht nur ironisch zu verstehen. "Ich habe eine angeborene Licht-Sensibilität", erklärt Josef Köpplinger. "Ich halte das nicht lange aus, ohne weinen zu müssen. Heute ist der Testlauf, ich dachte, es ist ein neues Haus, ich probiere das mal aus. Aber mittlerweile brennen die Augen schon wahnsinnig. Aber ich ziehe das heute mal durch."

Wie hat sich das Gärtnerplatztheater verändert?

Regisseur Josef E. Köpplinger / Intendant am Gärtnerplatztheater | Bildquelle: © Sarah Rubensdörffer Normalerweise trägt Josef E. Köpplinger immer eine Schirmmütze. Bei der Eröffnungs-Gala verzichtete er darauf. | Bildquelle: © Sarah Rubensdörffer Natürlich wollten die Festgäste, darunter Franz Herzog von Bayern, sowie zahlreiche Intendanten und eine Handvoll Politiker - darunter ein erkälteter Kultusminister Ludwig Spaenle - vor allem wissen: Was hat sich geändert im Gärtnerplatztheater, dem Münchener Opern- und Operettenhaus? Es hat sich immer auch als "Volkstheater" verstanden - im Gegensatz zur großen, prächtigen und teuren Staatsoper. Der Zuschauerraum wurde lediglich aufgefrischt, die gut 120 Millionen Euro teuren Bauarbeiten konzentrierten sich auf die technischen Anlagen, die Probenräume und den nagelneuen Verwaltungstrakt.

Als Intendant bin ich einfach unfassbar stolz auf dieses Haus.
Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters

Ja, es hat lange gedauert und war viel teurer als geplant. Das hat den Steuerzahlerbund und den Bayerischen Rechnungshof irritiert. Doch nach der zweieinhalbstündigen Gala gibt sich Josef Köpplinger erleichtert: "Als Intendant bin ich einfach unfassbar stolz auf dieses Haus - auf und hinter der Bühne." Das würde vermutlich jeder Intendant sagen, gibt Köpplinger zu, weist aber zugleich auf die schwierigen Bedingungen hin: "Das durchzustehen fünf Jahre lang, dann am 12. September zu Saisonbeginn nicht mal drei Monate technischen Vorlauf gehabt zu haben, dann diese Neuproduktion, diese Riesen-Gala zu machen mit 230 Mitwirkenden - dass da niemand die Nerven verloren hat, ist erstaunlich. Ich bin heute Nacht um drei und dann um fünf Uhr aufgewacht habe gedacht: Wenn jetzt der Strom ausfällt, was machen wir dann? Aber irgendwann sagt man dann: das ist Theater. Es ist nur Theater, aber es ist so unendlich wichtig."

Hitlers Lieblingsoperette "Die Lustige Witwe" auf dem Spielplan

Nur drei Proben gab es für die Eröffnungsproduktion, die dennoch erstaunlich professionell ablief. Etwas Musical, etwas Operette und Oper, eine rasante Balletteinlage, Carl Orffs "Carmina Burana" und die "Dreigroschenoper": Das Gärtnerplatztheater legte schon immer Wert auf eine unterhaltsame Mischung. Und das wussten auch die Nazis zu schätzen: Adolf Hitler persönlich kam gerne hierher. "Die Lustige Witwe" war seine erklärte Lieblingsoperette. Johannes Heesters, der Sänger des Danilo, scheute sich damals nicht, auch mit der SS das Konzentrationslager Dachau zu besuchen. Ein düsteres Kapitel vermeintlich "leichter Muse".

Bilder von der Eröffnungs-Gala

Josef E. Köpplinger ist sich seiner gegenwärtigen Verantwortung bewusst: "Ich sehe auch im Unterhaltungstheater eine Verpflichtung, dem Demokratischen, dem Freien, einen Raum zu geben", erklärt der Intendant. "Aber ich war nie derjenige, der mit einem moralinsauren Zeigefinger dahin zeigt, weil sonst geht man woanders hin oder spielt man das woanders. Unterhaltung hat mit Haltung stattzufinden. Aber das tue ich keinem Herrn Hitler an, ihn damit in Verbindung zu bringen. Ich hätte das am liebsten verschwiegen, dass das seine Lieblingsoperette ist, weil "Die Lustige Witwe" das nicht verdient hat."

Musiktheater und Politik

"Die lustige Witwe", Eröffnungspremiere am 19. Oktober 2017 - Live-Übertragung auf BR-KLASSIK  | Bildquelle: © Marie-Laure Briane Mit Franz Lehárs Operette "Die lustige Witwe" wird die Saison des frisch renovierten Gärtnerplatztheaters eröffnet. | Bildquelle: © Marie-Laure Briane Köpplinger wird die Operette, die am 19. Oktober am Gärtnerplatztheater Premiere feiert, im Jahr 1914 spielen lassen und als "Totentanz" inszenieren - schließlich nahm damals der Untergang Europas seinen Anfang. Und auch bei der Eröffnungsgala war die NS-Zeit kurz Thema: Ein Goebbels-Zitat wurde verlesen, ein Tagebucheintrag, wonach er der Presse untersagte, über jüdische Vorfahren des Operettenkönigs Johann Strauss zu berichten. "Unpolitisch" war das Musiktheater also nie. Und doch: "There ist no Business like Showbusiness", wie es zum Schluss der Gala hieß. Der schöne Schein, er macht nicht nur viel Arbeit, er fordert auch Kraft, Engagement und manchmal sogar Mut: "Unser Haus steht für Freiheit", betont Köpplinger. "Hier arbeiten Menschen aus 43 Nationen, unterschiedlicher Glaubensrichtungen - einschließlich Atheismus - und unterschiedlicher sexueller Neigungen. Das ist die Gesellschaft, für die unser Haus steht: eine offene, bunte Gesellschaft."

Unser Haus steht für eine offene, bunte Gesellschaft.
Josef E. Köpplinger, Intendant

Gärtnerplatztheater feiert Wiedereröffnung

Die komplette Eröffnungsgala gibt es hier als Video.

Am 19. Oktober findet ab 19.30 Uhr die Premiere von Franz Lehárs Operette "Die lustige Witwe" statt. BR-KLASSIK überträgt live.

Die Sendung "Mittagsmusik" widmet sich in der Woche 16. - 20. Oktober, jeweils um 12.05, Uhr dem wiedereröffneten Gärtnerplatztheater.

Sendung: "Allegro" am 16. Oktober 2017, ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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