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Kritik - Fidelio bei den Wiener Festwochen Skurriles Puppentheater

Einen Fidelio, "den wir so noch nie erlebt haben" versprachen die Wiener Festwochen im Vorfeld der gestrigen Premiere am Theater an der Wien. Eigentlich hätte Dmitri Tcherniakov die Beethoven-Oper inszenieren sollen, da er jedoch sein Konzept nicht fristgerecht vorgelegt hatte, war Achim Freyer als Regisseur und Bühnenbildner eingesprungen. Was herauskam, war "ein skurriles Puppentheater" mit sängerischen Schwächen, findet BR-KLASSIK Kritikerin Susanna Dal Monte.

Szenenbild von Beethovens "Fidelio" bei den Wiener Festwochen | Bildquelle: © Monika Rittershaus

Bildquelle: © Monika Rittershaus

Fidelio am Theater an der Wien

Skurriles Puppentheater

Bereits beim Betreten des Zuschauerraumes ist dem Besucher bewusst, dass ihm an diesem Abend keine der üblichen Fidelio-Varianten bevorsteht. Auf dem transparenten Vorhang drehen sich Holzfigürchen, die an jene aus dem Erzgebirge erinnern. Im Dunkel gehalten steht ein bühnenfüllendes Metallgerüst - mit dem Achim Freyer zu Beethovens Befreiungsoper ein universales Gefängnisbild schafft.

Figuren aus der Commedia dell'Arte

Absonderlich "harlekineske" Gestalten schwingen sich in dem Gerüst. Dazwischen, mit Gesichtsmasken versehen, jene typischen ausgestopften Freyer-Figuren, die der Commedia dell'Arte entsprungen sein könnten. Es sind die Protagonisten, die sich permanent in den mit Nummern versehenen Drehtüren bewegen. Fidelio ist hier ein skurriles Puppentheater. Wer Achim Freyer kennt, hat's vermutet, die anderen sind erstaunt.

Durchgepeitschter Beethoven

Am Theater an der Wien hat man sich die letzte gültige Fidelio-Fassung vorgenommen, allerdings ohne Leonoren-Ouvertüre. Mit ganz knappen Dialogen, die den gesagten Text nicht immer tierisch ernst nehmen. Im Gegensatz zum "Fliegenden Holländer", den Minkowski vergangenen November am Theater an der Wien sehr getragen dirigiert hatte, peitscht er Beethovens Fidelio mehr als zackig durch. Michael König singt den Florestan, Christiane Libor kommt als Leonore an die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten.

Unerfreuliches Sängerensemble

Franz Hawlata tritt als unsauber polternder Rocco auf, roh in den Ensembles. Pizarro war Jewgeni Nikitin, der 2012 als erster russischer Sänger die Rolle des Holländers bei den Bayreuther Festspielen übernehmen sollte und kurz vor der Premiere seinen Auftritt zurücklegen musste, nachdem seine riesige Hakenkreuz-Brust Tätowierung durch die Medien gegangen war. Mittlerweile wurde, so sagt man, das Tattoo so erweitert, dass ein achtstrahliger Stern mit einem Wappen darin zu erkennen sei. Nikitin ist wieder gesellschaftsfähig. Allerdings ruft er den Pizarro mehr als er singt - und das nicht immer richtig. Georg Nigl als Don Fernando, Ileana Tonca als Marzelline und Julien Behr als Jaquino sind noch die erfreulicheren Ergänzungen des Ensembles.

Einen Fidelio, "den wir so noch nie erlebt haben", versprachen die Festwochen. Das ist nicht gelogen, nur, ob wir ihn so wollen, bleibt dahingestellt.

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