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Die Musikerkrankheit "Fokale Dystonie" Hirn-Operation als Lösung?

Fokale Dystonie nennt sich eine Krankheit, die vor allem bei Musikern auftritt. Dabei kommt es zu Bewegungsstörungen infolge verkrampfter Muskeln. In vielen Fällen bedeutet diese Erkrankung das Ende einer professionellen Musikerkarriere. Für Aufsehen sorgte vor kurzem ein indischer Arzt, der einen betroffenen Gitarristen am Gehirn operierte - mit einer Behandlungsmethode, die allerdings umstritten ist.

Jemand spielt akustische Gitarre | Bildquelle: © Kelly Sikkema / Unsplash

Bildquelle: © Kelly Sikkema / Unsplash

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Wie ist der aktuelle Stand der Forschung?

Bei der fokalen Dystonie handelt es sich um eine Bewegungsstörung, die häufig in den Fingern aufritt. Beim Spielen des Instruments verkrampfen die Muskeln, einer oder mehrere Finger lassen sich nicht mehr richtig kontrollieren. Etwa ein Prozent der Berufsmusiker ist von fokaler Dystonie betroffen. Bis heute ist die Ursache für diese Erkrankung unklar.

Meine Finger waren normal. Nur beim Gitarrespielen wurden sie ganz steif und bewegten sich nicht mehr so wie sie sollten.
Abishek Prasad

Komplizierte Hirn-Operation

Für Aufsehen sorgte vor kurzem eine Meldung aus Indien: Der 37-jährige Gitarrist Abishek Prasad erhielt vor zwei Jahren die Diagnose "Fokale Dystonie". Vor zwei Monaten unterzog sich der indische Musiker einer komplizierten Hirn-Operation beim Neurochirurgen Sharan Srinivasan in Bangalore. Mit Radiosequenzen verbrannte der Arzt die Nervenzellen in Prasads Gehirn, die für die Verkrampfung in der Hand verantwortlich waren. Dies müsse man tun, während der Patient bei Bewusstsein ist, so Srinivasan. "Zwischendurch muss der Patient Feedback geben, indem er versucht, Gitarre zu spielen. Nur so können wir sicher sein, dass wir wirklich den richtigen Bereich verbrennen", so der Mediziner. Nach jedem Eingriff musste sein Patient Gitarre spielen und überprüfen, ob sich etwas verändert hat. Nach sechs Behandlungen seien seine Finger nun vollständig geheilt, sagt Abhishek Prasad. "Ich spüre keine Probleme mehr beim Bewegen der Finger."

In einem YouTube-Video ist Abhishek Prasad während einer Behandlung zu sehen - dort spricht er auch über seine Erfahrungen mit seiner Krankheit und der Operation.

Nach den ersten beiden Eingriffen merkte ich noch nichts. Nach dem sechsten waren meine Finger wieder völlig normal.
Abishek Prasad

Umstrittene Behandlungsmethode

Sharan Srinivasan ist überzeugt, dass mit dieser Behandlungsmethode vielen Menschen mit fokaler Dystonie geholfen werden kann. Erlernt hat er das Verfahren in Japan, wo es bereits 2002 von Neurochirurgen entwickelt wurde. Allerdings ist diese Methode in der Fachwelt durchaus umstritten. Es sei ein irreversibler Eingriff, so der Neurologe Eckart Altenmüller vom Institut für Musikerphysiologie und Musikermedizin in Hannover. Sehr schnelle Bewegungen am Instrument würden nicht mehr gelingen, weil Nervenzellen für eine schnelle Programmierung nicht zur Verfügung stehen würden. "Für jemanden, der sehr schnell und präzise bis zu zehn Noten pro Sekunde spielen muss, ist das überhaupt keine Lösung." Die Methode halte er als solche nicht für schlecht, sie sei aber "für diese Gruppe von professionellen hochgezüchteten Berufsmusikern nicht geeignet", so Altenmüller.

Was tun bei ersten Krankheitsanzeichen?

In Deutschland und den USA sind andere Behandlungsmethoden üblich. So gibt es etwa den Hirnschrittmacher, der kein Gewebe zerstört, sondern bestimmte Impulse gibt, um eine Verbesserung der Feinmotorik zu erreichen. Eckart Altenmüller sieht in dieser Behandlungsmethode eine größere Erfolgschance. Grundsätzlich empfiehlt er aber, gleich bei den ersten Krankheitsanzeichen einen Arzt aufzusuchen - für ein sogenanntes "Retraining“, eventuell unterstützt mit Medikamenten, die das Neulernen der Motorik unterstützen. Im extremen Fall spritzt man Botolinumtoxin, das den verkrampften Muskel löst. 

Sendung: "Allegro" am 12. September 2017 ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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