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Konzertmarathon mit Valery Gergiev Tschaikowsky am Abgrund

Ein episches Programm hat Valery Gergiev am vergangenen Wochenende bewältigt: Er dirigierte sämtliche Symphonien und Konzerte von Peter Tschaikowsky – wechselweise am Pult des Mariinsky Orchesters aus St. Petersburg und der Münchner Philharmoniker. Ein regelrechter Tschaikowsky-Marathon. Tobias Stosiek hat ihn verfolgt.

Valerie Gergiev | Bildquelle: Alexander Shapunov

Bildquelle: Alexander Shapunov

Ein Wochenende mit Tschaikowsky – ohne multiplen Ohrwurmbefall geht sich das nicht aus. Da spukt einem nach jedem Konzert, nach jeder Symphonie eine neue Melodie durch die Gehirnwindungen. Hat Theodor W. Adorno am Ende also doch recht, wenn er Tschaikowsky verächtlich einen Schlagerkomponisten nennt? Ja und nein – möchte man nach den insgesamt vier Konzerten sagen, die Valery Gergiev dem russischen Nationalkomponisten gewidmet hat. Ja, denn eingängig sind sie schon, die Melodien, die sich Tschaikowsky in rauen Mengen hat einfallen lassen. Nein, weil man diese Melodien deswegen noch lange nicht seicht oder sentimental nennen kann.

Hemdsärmelig und vital

Keinen parfümierten, sondern einen natürlichen, vitalen Tschaikowsky präsentiert Gergiev im Gasteig. Das signalisiert schon sein hemdsärmeliger Auftritt: Ohne Taktstock und ohne Podest – manchmal sogar ohne Pult – steht er da. Nicht vor, sondern eher im Orchester. Kein Zeremonienmeister auf der Kanzel also, sondern ein Arbeiter unter seinesgleichen. Gergiev wählt für seinen Tschaikowsky relativ sportliche Tempi. Schlank, federnd, fließend ist sein Dirigat – ohne dabei jene dramatischen Gesten zu scheuen, die vor allem in den letzten drei Symphonien den Ton angeben. Beispiel: die Vierte. Höhepunkt des ersten Abends.

Höhepunkt des ersten Abends

Münchner Philharmoniker mit Gergiev im Gasteig | Bildquelle: © Andrea Huber Bildquelle: © Andrea Huber Tschaikowskys sogenannte "Schicksalssymphonie" wird von Gergiev und dem Orchester des Mariinsky Theaters mit unerbittlicher rhythmischer Schärfe und in schneidendem Tonfall dargeboten. Eine düstere Prophezeihung, an die Tschaikowsky immer wieder erinnert. Wie aus heiterem Himmel torpediert sie jene zarten, heiteren Szenen, die diese Symphonie ebenfalls kennt. Schroffe Gegensätze, bei denen das Orchester blitzschnell umschalten muss. Gergiev erweist sich hier als ein Meister des nichtvorhandenen Übergangs: So krass, so unvermittelt zwingt er seinen Musikern die Richtungswechsel auf, da ist es nur konsequent, dass der letzte Satz – eigentlich ein vergnügt triumphaler "Rausschmeißer" –  in seiner Interpretation einer lärmenden Hetzjagd gleicht. Eine übertriebene, angestrengte Fröhlichkeit beherrscht dieses Finale – eine, die um den Abgrund weiß.

Am Samstag dann die "Pathetique"

Solche Doppelbödigkeiten gelingen Gergiev und dem Mariinsky Orchester besonders gut auch in Tschaikowskys "Pathetique" am Samstagabend – ohne Zweifel der Höhepunkt des Wochenendes, vor allem Dank der beiden letzten Sätze. Das auftrumpfende Marschthema des dritten Satzes – Gergiev peitscht es derart voran, dass es zur Festparade sicher nicht mehr taugt. Nicht triumphal, sondern nervös und getrieben hört sich das an. Tschaikowsky "on the edge" sozusagen. Absturz inbegriffen, und zwar im wortwörtlichen Sinn: mit dem tiefen Fall vom Schlussakkord des dritten in das absteigende, schmerzvolle Streicherthema des vierten Satzes.

Der dritte Tag

Der russische Komponist Peter Tschaikowsky | Bildquelle: picture alliance/Keystone Peter Tschaikowsky | Bildquelle: picture alliance/Keystone Dass nach den ersten zwei Tagen musikalisch überhaupt noch Wünsche offengeblieben sind, wird erst am dritten Tag der Tschaikowsky-Sause so richtig deutlich: mit dem Auftritt der Münchner Philharmoniker am Sonntagmorgen. Vor allem die Bläser bestechen durch einen Farbenreichtum und eine Balance, die das Mariinsky Orchester vermissen ließ. Und auch der Streicherklang ist leichter, weniger massiv als bei den russischen Kollegen. Das zahlt sich insbesondere im Zusammenspiel mit dem Solisten aus. Neben den Symphonien standen ja auch sämtliche Solokonzerte aus der Feder Tschaikowskys auf dem Programm. Am Sonntagmorgen: das zweite Klavierkonzert. Von Denis Matsuev am Flügel absolut überzeugend dargeboten, mit singendem obertonreichen Anschlag, verblüffender Virtuosität und musikantischem Spielwitz. Ganz anders dagegen der Kollege Nobuyuki Tsujii, der am Freitag Tschaikowskys weitaus populäreres erstes Klavierkonzert spielte. Wobei – in diesem Fall musste man eher von einem Konzert für Orchester und Klavier sprechen, so blass blieb der Japaner im Vergleich zum satten Orchestersound. Dazu kam eine äußerst eigenwillige Tempogestaltung. Solistische Passagen wurden quasi nach Belieben gedehnt oder gerafft, als wär’s kein Konzert sondern eine Fantasie. Der dramaturgische Bogen blieb dabei auf der Strecke. Erfreulicherweise der einzige Makel – ansonsten war das ein Wochenende, das musikalisch keine Wünsche offen ließ.   

Sendung: "Leporello" am 11.02.2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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