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Kongress "Hitler.Macht.Oper" Die Oper als Lehrmeister der Nazis

Aufführungen im Nürnberger Opernhaus dienten in der Zeit des Nationalsozialismus der staatlichen Propaganda. Wie sich Kunst und Politik gegenseitig beeinflussten - und was Hitler in der Oper alles lernte, hat nun die Tagung "Hitler.Macht.Oper" beleuchtet.

Hitleraufmarsch am Zeppelin Feld in Nürnberg | Bildquelle: picture alliance / Everett Collection

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Richard Wagners "Meistersinger" waren ein fester Bestandteil der in Nürnberg stattfindenden Reichsparteitage. Seit 1933 begannen die Propagandaspektakel der Nationalsozialisten jeweils mit einer Aufführung der "Meistersinger" im Nürnberger Stadttheater, dem heutigen Staatstheater - mit Adolf Hitler in der Ehrenloge. Doch war das nicht einfach ein Zugeständnis des Theaters an den glühenden Wagnerianer Hitler. Diese Oper, die bereits von Wagner als Nationaloper gedacht war, wurde von den Nationalsozialsozialisten für ihre Zwecke vereinnahmt.

Und das ausgerechnet obwohl "Die Meistersinger von Nürnberg" Wagners einzige komische Oper ist, so der Historiker Daniel Reupke, Mitarbeiter beim DFG-Forschungsprojekt in Thurnau über Propaganda und Musiktheater in Nürnberg. Das Bild des Mittelalters und der mittelalterlichen Stadtgemeinschaft bilde eine Art "künstlerische Folie, auf der sich nationalsozialistische Ideologie gerne tummelt." Auch bestimmte musikalische Aspekte ließen sich dankbar vereinnahmen, etwa der "Wach auf-Chor" - "Denken Sie an Dietrich Eckarts 'Deutschland erwache!'", weist Reupke hin.

Wagner-Helden als Identifikationsfiguren für Hitler

Hitlers selbst liebte die Opern Richard Wagners, die er schon als junger Mann in Linz und dann ab 1906 in Wien kennengelernt hatte, bestätigt der in den USA lehrende Forscher Hans Rudolf Vaget. Hitler identifizierte sich mit Wagnerschen Figuren wie dem Volkstribun Rienzi oder dem Wotan aus der "Walküre", aber auch mit dem Heilsbringer Parsifal und dem Volksführer Hans Sachs aus den "Meistersingern".

Leiterin der Bayreuther Festspiele Winifred Wagner zusammen mit Adolf Hitler in der Pause der Aufführung 'Fliegender Holländer' in Bayreuth 1939. | Bildquelle: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo Wagner-Fan Hitler - zusammen mit Winifred Wagner in der Pause vom "Fliegenden Holländer" in Bayreuth 1939. | Bildquelle: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo Hitler habe sich selbst als Künstler gesehen, stellt Vaget fest, und dieses Selbstverständnis sei grundlegend für sein Verhältnis zu Wagner und zu Hans Sachs gewesen: "Der entscheidende Knackpunkt in dieser Beziehung ist der Jubelchor, die Begrüßung eines charismatischen Führers durch die Nürnberger Zünfte und die Meistersinger. Das ist überwältigend auf der Bühne. Und man kann leicht nachvollziehen, dass jemand, der selbst Diktator werden will und sich selbst charismatische Fähigkeiten zuschreibt, von dieser Szene gepackt und inspiriert war."

Inszenierte Massenveranstaltungen

Adolf Hitler lernte im Wagnerschen Gesamtkunstwerk, bestehend aus Handlung, Musik, Raum, Ton und Licht, auch eine ganze Menge für die Inszenierung seiner Reichsparteitage in Nürnberg. Die Massenaufmärsche und Fahnenapelle im Nürnberger Luitpoldhain oder die nächtlichen Aufmärsche im Lichtdom auf dem Zeppelinfeld, der von Albert Speer aus zahlreichen Flakscheinwerfern erzeugt wurde, waren davon inspiriert. "Von 1934 an kann man in vielfacher Hinsicht nachweisen, wie sehr die Inszenierung, die Choreographie der Reichsparteitage sich an Wagnerschen Bühneneffekten orientiert hat", stellt Forscher Rudolf Vaget fest. Als Bespiel nennt er den isolierten Auftritt des Führers, der dann jubelnd begrüßt wird: "Das gibt es im Lohengrin, und das gibt es auf der Festwiese."

Für den großen Auftritt nimmt der Führer Schauspielunterricht

Lohengrin Szenenfoto aus dem 3. Akt einer Auffuehrung der Bayreuther Festspiele aus den dreissiger Jahren. | Bildquelle: picture-alliance / akg-images Inspiration Opern-Inszenierung: Lohengrin Szenenfoto aus einer Aufführung der Bayreuther Festspiele aus den Dreißiger-Jahren. | Bildquelle: picture-alliance / akg-images So wie Wagners Opern den Zuschauer emotional überwältigen können, wollte Hitler bei seinen politischen Großveranstaltungen überwältigen, ergänzt der Stuttgarter NS-Forscher Wolfram Pyta. Ab 1932 nahm Hitler sogar Schauspiel- und Sprechunterricht, um dieses Ziel bei Massenkundgebungen zu erreichen. Die Oper, und besonders das Musiktheater Wagners, waren ihm Lehrmeister in vielfältiger Hinsicht. Pyta ist sich sicher, dass Hitler in dfer Oper zum "Aufführungsexperten" wurde: "Oper ist ja immer Handlung. Und zwar Handlung unter ästhetischen Vorgaben mit dem Ziel, das Publikum in den Bann zu ziehen. Und das ist ein Erfolgsrezept auch für politische Aufführungen. Ich muss ein Programm liefern, das es in hohem Maße versteht, die Zuhörer in Beschlag zu nehmen und aus den Zuhörern, die ja zunächst eine amorphe, heterogene Masse bilden, so etwas wie gleichgestimmte Seelen zu machen, die überwältigt werden vom Gehalt der Aufführung."

Die Ergebnisse des Nürnberger Kongresses "Hitler.Macht.Oper" fließen in eine große Ausstellung ein, die ab Juni 2018 im Nürnberger Dokumentationszentrum gezeigt werden soll.

Sendung: "Allegro" am 6. Juni 2017, 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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