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Opern-Pasticcio am Gärtnerplatz Howard Arman flirtet mit Amor

Liebe und Tod, Krieg und Lebenslust lagen in der Barockzeit nah beieinander. Nach diesem Prinzip hat der Dirigent Howard Arman für das Staatstheater am Gärtnerplatz in München ein neues Opern-"Pasticcio" zusammengestellt: "Amors Fest." Eine Reise durch die Jahreszeiten mit Barock-Musik aus allen Ecken Europas. Im Mittelpunkt: natürlich Amor. Warum er sich mit dieser Figur so gut identifizieren kann, erzählt der englische Dirigent im BR-KLASSIK-Interview.

Howard Arman (Künstlerischer Leiter, Chor des Bayerischen Rundfunks), Oktober 2017. | Bildquelle: BR/Astrid Ackermann

Bildquelle: BR/Astrid Ackermann

Interview

Howard Arman zu "Amors Fest"

BR-KLASSIK: Howard Arman, wann haben Sie eigentlich selbst zuletzt mal so ein richtiges Fest gefeiert?

Howard Arman: Für uns Musiker ist jeder Tag ein Fest. Wir werden oft gefragt: Wann machen Sie Urlaub? – Das ist das, was wir machen! Das wäre unsere erste Wahl auch in der Freizeit – für mich zumindest.

BR-KLASSIK: Und was gehört für Sie zu einem richtigen Fest dazu – musikalisch?

Howard Arman: Dazu gehört natürlich das Gefühl, dass man etwas macht, das einen Sinn hat, das fundiert ist, das etwas kommuniziert; etwas, was die Qualität des Lebens vertieft, etwas, was uns bereichert. – Das ist wie bei jedem Fest, nicht wahr?

Da ist Tragödie drin, da ist Komödie drin. Das ist das Wunderschöne am Musiktheater!
Howard Arman

BR-KLASSIK: Wie sieht es aus, wenn Amor, der Liebesgott, höchstpersönlich zum Fest einlädt? Das könnte ich mir ziemlich bunt vorstellen ...

Howard Arman: Ja. Die Figur des Amor ist in unserem Stück eine durchaus mehrschichtige Figur. Man sieht das sehr gut am zweiten Teil, wo die Liebespfeile von Amor – in eigentlich komödiantischer Art – ausgetauscht werden, und zwar mit den Pfeilen des Todes – wie auf dem Schlachtfeld. Mit dem Resultat: Der Tod erschießt die Jungen, aber Amor schießt auf die Alten. So sind es dann die 80-jährigen Menschen, die sich verlieben, und zwar leidenschaftlich! Da ist Tragödie drin, da ist Komödie drin. Und das Wunderschöne am Musiktheater ist, dass man das sehr oft nicht trennen kann: Das eine bedingt das andere.

Kompromissloses Happy End für Amor

BR-KLASSIK: Wie sind Sie denn überhaupt auf die Musik und auf die Komponisten gekommen?

Szenenbild aus dem neuen Pasticcio am Gärtnerplatz: "Amors Fest" | Bildquelle: Marie-Laure Briane / Staatstheater am Gärtnerplatz Ballett des Gärtnerplatztheaters – Regie und Choreografie stammen von Karl Alfred Schreiner | Bildquelle: Marie-Laure Briane / Staatstheater am Gärtnerplatz Howard Arman: Das ist nicht so wie in der Zeit von Händel oder Telemann, wo man ein Oper-Pasticcio gemacht hat und einfach große Arien von verschiedenen Komponisten zusammengestellt hat. Das ist viel kurzgliedriger. Die große Klammer bei uns ist die Vierteiligkeit. Wir haben vier Komponisten – mit mir eigentlich fünf Komponisten – vier Jahreszeiten – die Geschichte erstreckt sich vom Herbst bis zum Sommer – und wir haben vier Sprachen, weil die Komponisten alle aus einem anderen Land kommen, auch wenn sie musikalisch sehr verwandt sind. Und unser Stück schließt sehr lebensbejahend und sehr kompromisslos für Amor: Alle folgen am Ende Amor.

BR-KLASSIK: Und welche Rolle, welche Jahreszeit übernehmen Sie als der fünfte Komponist?

Howard Arman: In der Tradition meiner Kollegen des 17. Jahrhunderts war es mein Job, aus diesen vier Stücken ein Stück zu machen. Diese Eingriffe betreffen etwa die Orchestrierung. Vor allem im Fall von Durón [Sebastián Durón, spanischer Komponist, 1660–1716, Anm. d. Red.] habe ich noch andere Arien von ihm beigesteuert. Ich habe auch Instrumental-Tänze geschrieben, um eine zufriedenstellendere „Architektur“ zu gewährleisten.

BR-KLASSIK: Aber Sie haben schon den Stil übernommen?

Howard Arman: Absolut – es gibt darin keine zeitgenössische Musik. Ich habe Vorlagen genommen: Es gibt natürlich sehr viele Tanzarten im Instrumentalbereich, sehr viele Vorlagen, die man von Komponist zu Komponist weitergereicht hat. Ich bin nur einer in einer Ahnenfolge von sehr vielen – und ich kann dann für unsere Situation präziser werden. Ich kann sagen: „Gut, ich will was schreiben, dass diese Länge, diese Stimmung, diese Höhepunkte hat für unsere Tänze.“ Wir haben auch 20 Tänzer auf der Bühne. Das ist ein Stück mit unglaublich viel Bewegung, und einer sehr musikalischen Regie.

Inspiriert von pastellfarbenen Barock-Gemälden

BR-KLASSIK: Können Sie uns einen Vorgeschmack geben, was sich der Regisseur da so hat einfallen lassen? In welcher Zeit spielt das?

Howard Arman: Naja, ich kann keine Zeit identifizieren. Aber ich identifiziere sehr viele Inspirationen aus der Barockzeit. Es gibt ein barockes Schloss auf der Bühne. Es gibt wunderbare pastellfarbige, ölgemälde-artige Kostüme, die in einer Farben-Mischung verschmelzen, die sehr an Barock- und spätere Renaissance-Bilder erinnert. Diese sind wirklich ein organischer Teil des Gesamten. Man spürt keinen Bruch zwischen Musik und Optik.

Ich wäre gerne Amor in diesem Stück!
Howard Arman

BR-KLASSIK: Wenn sie selbst in diese barocke Götterwelt zurückblicken: Wer hat es Ihnen da am ehesten angetan?

Amors Fest | Bildquelle: Marie-Laure Briane / Staatstheater am Gärtnerplatz Die Jahreszeiten – hier der Winter – ziehen sich als roter Faden durch "Amors Fest". | Bildquelle: Marie-Laure Briane / Staatstheater am Gärtnerplatz Howard Arman: Von den Figuren: unser Amor! Der schlüpft in verschiedene Rollen, und im zweiten Teil stellt er so eine Art menschliches Instrument zusammen: eine Orgel, bestehend aus vier Stimmen. Auf diesem Instrument will er dann sein Liebeslied singen. Und er braucht von jeder Stimmgattung einen Sänger. Seine endlose Begeisterung für die Musik – wenn ich gerne jemand in der Oper wäre, wäre ich gerne dieser Mensch, der sich bewegen lässt von der Musik, von vorne bis hinten!

Sendung: "Allegro" am 13. Oktober 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Premiere: "Amors Fest" am 14. Oktober 2021 am Staatstheater am Gärtnerplatz

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