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Igor Levit bei den Salzburger Festspielen "Dieses Programm wird zu einem großen Erlebnis führen"

Am 22. Juli 2018 ist Igor Levit zusammen mit dem Chor des BR bei den Salzburger Festspielen zu Gast. Auf dem Programm: "Via crucis - Les 14 Stations de la Croix für Solostimmen, gemischten Chor und Klavier" von Franz Liszt. Was macht diesen musikalischen Kreuzweg zu einem Ereignis?

Pianist Igor Levit | Bildquelle: Robbie Lawrence

Bildquelle: Robbie Lawrence

BR-KLASSIK: Igor Levit, Sie sind bekennender Fußballfan. Sie haben mal formuliert, Sie beneiden die Fußballer um den Mannschaftsgedanken. Jetzt haben Sie mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks eine Art Mannschaft. Wie fühlt sich das an, in Gruppenstärke Musik zu machen?

Igor Levit: Wenn die Gruppe, die aus wirklich vielen wunderbaren individuellen Musikern besteht, wirklich als Gruppe zusammenwächst, dich mit aufnimmt - und sozusagen eine Augenhöhe entsteht, dann ist das fantastisch.

BR-KLASSIK: Das war sehr diplomatisch formuliert. Sie kommen gerade aus der Probe. Hat das denn stattgefunden?

Igor Levit: Ja, das hat stattgefunden, das war eine ganz besonders schöne Probe.

Zwiegespräch mit dem Klavier

BR-KLASSIK: Passion, Leidenschaft und Ekstase - das ist im Groben so das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele. Die 14 Kreuzwegstationen von Liszt gehören definitiv in die Rubrik "Passion". Einen Kreuzweg musikalisch abzuschreiten, so wie Liszt es tut, hat es vorher nicht gegeben und ich glaube, danach eigentlich auch nicht. Empfinden Sie das tatsächlich als eine Form der Andacht?

Igor Levit: Das ist sehr interessant. Also wenn der Chor singt, wenn die Solisten singen - tatsächlich ja. Das Klavier erfüllt eine ganz bemerkenswerte Rolle. Es ist wie eine Art Zwiegespräch. Es ist, als würde Liszt im Grunde genommen reden. Oder - da Liszt nicht mehr da ist - als würde die- oder derjenige, der spielt, sprechen. Das ist eigentlich eine Anrede und kein Ansingen, was das Klavier tut. Es entsteht auch wirklich eine Härte und eine Einsamkeit und eine direkte Ansprache, das ist ziemlich einmalig.

Was auch immer typisch Liszt sein mag, ich habe es noch nicht herausbekommen.
Igor Levit

BR-KLASSIK: Ich höre in diesem Stück sehr wenig von dem typischen Liszt, den wir so als Virtuosen mit "Campanella" und allen möglichen Stücken im Ohr haben. Wie geht es Ihnen?

Igor Levit: Zu pauschalisieren bringt keinen weiter. Was auch immer typisch Liszt sein mag, ich habe es noch nicht herausbekommen.

BR-KLASSIK: Normalerweise ist dieses Stück, zumindest wenn ich es richtig verstanden habe, komponiert für die Orgel. Sie spielen es aber auf dem Klavier.

Igor Levit: Es ist beides möglich.

BR-KLASSIK: Haben Sie die Orgel als Instrument im Kopf, wenn Sie dieses Stück spielen?

Igor Levit: Ja und nein. Ich kann mir vorstellen, wie die Orgel klingen würde, aber ich versuche, nicht wie die Orgel zu klingen. Da kommen wir zu den Fragen: Was soll eigentlich Interpretation? Und wie viel von dem, was einem erzählt wird, ist tatsächlich wahr? Ich glaube, es ist eine Mischung zwischen meinem Klang und dem spezifischen Klavierklang. Und da beides möglich ist, versuche ich jetzt nicht, ein Instrument zu imitieren.

BR-KLASSIK: Im Konzert wird die Musik von Liszt kombiniert mit Galina Ustwolskaja. Passt das für Sie gut zusammen? Gibt es eine Verbindung zwischen diesen beiden Komponisten?

Igor Levit: Wenn man über Passionsmusiken redet, wenn man wirklich über höchst dramatische innere Vorgänge redet, dann ist es ungeheuer zwingend, dass es diese Verbindung gibt. Aber über diese Verbindung zu reden, führt zu gar nichts. Man muss sie hören. Ich weiß noch, als ich noch in Hannover war, da habe ich in der Marktkirche die Matthäus-Passion gehört, Straube hat dirigiert. Ich hatte die Matthäus-Passion studiert, gelesen, gespielt, in der Badewanne gesungen, von links nach rechts gedreht - dann bin ich in das Konzert gegangen. Ich hatte die Noten dabei, las mit und wusste: auf der nächsten Seite kommt dann der Barrabam-Chor, diese wahnsinnige Stelle. Ich sehe sie in den Noten und zähle 14 Takte runter, 13, 12, 11. Ich wusste, dass die Stelle kommt. Als es dann soweit war, bin ich trotzdem erschrocken. Das meine ich: Am Ende ist das ein Erleben. Auch das teuerste Programm auf dem Papier kann zu keinem Erleben führen. Aber ich glaube, unser Programm in Salzburg wird zu einem großen Erlebnis.

Sendung: "Leporello" am 20. Juli 2018 ab 16:05 Uhr in BR-KLASSIK

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