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Das Buch "Hauskonzert" von Igor Levit und Florian Zinnecker Von Eminem gelernt

Der Pianist Igor Levit ist eine Ausnahmeerscheinung in der Klassikwelt. Er zählt nicht nur zu den besten Pianisten seiner Generation. Levit meldet sich auch regelmäßig politisch zu Wort. Er twittert, tritt in Talkshows auf oder klimpert an der Seite eines Deutsch-Rappers – wie jüngst im ZDF Magazin Royale von Jan Böhmermann. Spätestens seine während des ersten Corona-Lockdowns gestreamten Hauskonzerte haben Levit weit über die der Klassik-Grenzen hinaus populär gemacht. Begleitet hat ihn dabei der ZEIT-Journalist Florian Zinnecker. Jetzt liegt das Ergebnis in Buchform vor: "Hauskonzert".

Igor Levit | Bildquelle: © Felix Broede /Sony Classical

Bildquelle: © Felix Broede /Sony Classical

Eminem lebt

Das Buch "Hauskonzert" von Igor Levit und Florian Zinnecker

Eminem hat mich genau in der Phase erwischt, in der ich für mich feststellte: Ich will 'Ich' sagen dürfen.
Igor Levit in 'Hauskonzert'

Ein Rapper als Rolemodel. Nicht Richter oder Rubinstein, Arrau oder Argerich prägen das Selbstverständnis des jungen Igor Levit. Sondern Eminem. Und zwar deshalb – so erfährt die Leserin in "Hauskonzert" –, weil der Rapper sich nicht darum schert, was 'man' zu tun hat.

Nicht machen, was 'man' macht

Igor Levit | Bildquelle: Peter Meisel Will sich nicht hinter dem Künstler verstecken: der Mensch Igor Levit | Bildquelle: Peter Meisel Der junge Pianist Levit hat dagegen Erwartungen zu erfüllen: wie 'man' Beethoven spielt, wie 'man' Mozart spielt und dass 'man' gefälligst Chopin im Repertoire hat. Levit will das nicht. Nicht so. Der Kanon interessiert ihn wenig. Er will den Notentext eines Beethoven zum Leben erwecken, das ist sein Job als Pianist. Aber im Bewusstsein, dass er es ist, der spielt. Igor Levit will sich zeigen – als Mensch. Er spiele auf der Bühne keine Rolle, betont Levit an einer Stelle.

Wer bin ich? Wer oder was formt mich? Wie authentisch bin ich? Wann gehe ich unter? All das sind Fragen, die im Buch diskutiert werden. 33 Metamorphosen habe er in den letzten paar Jahren durchgemacht, heißt es an einer Stelle. "Hauskonzert" ist so etwas wie ein Ego-Trip auf 300 Seiten. Manchmal auch ein schmerzhafter 'Zum-Ego-Finden'-Trip. Abstürze gehören für den Pianisten ebenso dazu wie das Wiederaufstehen.

Trillern und Tweeten

Der Autor Florian Zinnecker protokolliert, analysiert, vernetzt und hinterfragt. Er lässt Freunde, Managerin und PR Agentin, Künstler, Kritiker und immer wieder Levit selbst in Zitaten zu Wort kommen: mal sachlich, mal emotional – und ja, auch mal banal. Die Twitterpassion des Apassionata-Verstehers ist ein zentrales Thema im Buch: Trillern und Tweeten – das gehört für Levit zusammen, gehört beides zu ihm.

Wer sagt, dass man sich von der Realität abwenden muss, um sich der Kunst zuzuwenden?
Igor Levit in 'Hauskonzert'

Levit kann nicht anders, als sich einzumischen. Als Mensch des 21. Jahrhunderts sieht er sich in der Pflicht, nicht wie ein dressierter Lipizzaner durch die Welt zu tänzeln. Sondern Augen, Hirn und Herz zu öffnen. Klimakrise, Flüchtlingspolitik, demokratische Grundrechte, Judenfeindlichkeit und geistige Freiheit gehen ihn als Künstler und als Mensch sehr wohl etwas an.

Alles gehört zusammen

Natürlich geht es im Buch "Hauskonzert" auch um Musik, um den Lockdown, nicht zuletzt um die titelgebenden Streaming-Events, die Levit letzten Frühsommer veranstaltet hat. Aber eben nur 'auch' – denn, und das lernt man beim Lesen, trennen lässt sich das sowieso nicht vom restlichen Levit. Die Frage nach der politischen Verantwortung des Künstlers gehört genauso dazu wie der Hype um die perfekte Konzertsaalakustik. Oder die Frage nach dem perfekten Instrument.

Ich freue mich über einen tollen Flügel, aber ich kann auf jeder Karotte spielen.
Igor Levit in 'Hauskonzert'

Künstler- und Zeitporträt

Der Pianist Igor Levit spielt ein "Corona-Hauskonzert". | Bildquelle: Igor Levit Hauskonzerte: Seine täglichen Twitter-Konzerte haben Igor Levit über die Klassik-Grenzen hinaus bekannt gemacht | Bildquelle: Igor Levit Zugegeben, diese Befürchtung lag nahe: ein Buch über Levit, das wird so etwas wie einer dieser Erklärbände – 'Was ist Was: Igor Levit'. Dass sich diese Befürchtung nicht einlöst, ist Florian Zinnecker zu danken. Denn der Journalist 'erklärt' uns nicht 'den Levit', macht keine Erfolgsstory daraus, sondern 'erzählt'. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Und Zinnecker tut das mit Tempo, in laxem Ton; in Absätzen, die an einen Chat erinnern, ohne Kapitel, mit Hashtags versehen.

Herausgekommen ist ein Buch über einen Künstler. Und gleichzeitig viel mehr: eine Kette von Momentaufnahmen aus Deutschland, politisch, philosophisch, kulturell. Vom Hochschulleben, über den Antisemitismus bis zum Corona-Lockdown reichen die Themen, die im Buch adressiert werden. Zusammengehalten wird das alles durch Zinneckers feines Rhythmusgefühl, seinen sprachlichen Flow. Und als Leserin versinkt man in Levits Geschichte wie in Treibsand.

"Hauskonzert" von Igor Levit und Florian Zinnecker ist im Hanser-Verlag erschienen und kostet 24 Euro.

Sendung: Allegro am 12. April 2021 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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