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Interview mit Regisseur Andreas Dresen "La fanciulla del West": Am sozialen Abgrund

"'La fanciulla del West' ist mir von allen Opern am besten gelungen" teilte Puccini 1910 seinem Verleger mit. Mit diesem Werk wollte er etwas Neues wagen. Für Regisseur Andreas Dresen hat die Oper mit ihrem Wechsel zwischen Sehnsucht und Gewalt etwas sehr Modernes.

Regisseur Andreas Dresen | Bildquelle: © dpa

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BR-KLASSIK: Sie schätzen es beim Film sehr, die Schauspieler improvisieren zu lassen und dadurch eine besondere Nähe zur Wirklichkeit herzustellen. In der Oper finden sie sich auf einem völlig anderen Planeten wieder, denn sie arbeiten mit Sängern, die selbstverständlich einen vorgegebenen Text mit Gesang zu transportieren haben. Wie ist es zu erklären, dass ihnen das Spaß macht?

Andreas Dresen: Es ist ja eigentlich schon ein bisschen kurios. Aber es ist vielleicht genau diese Antipode, die mich auch daran reizt – diese künstliche Welt. Man muss vielleicht auch dazu sagen: Ich komme aus einer Theaterfamilie. Ich bin am Theater groß geworden, meine Mama ist Schauspielerin und mein leiblicher Vater war Regisseur. Mein Ziehpapa ist Regisseur. Ich habe viel Zeit in meiner Kindheit in Theaterkantinen verbracht, allerdings meistens im Schauspiel und nicht so sehr in der Oper. Ich habe aber natürlich auch viel Oper gesehen und liebe Musik. So ist es irgendwie zustande gekommen. Es hat mir einen Riesenspaß gemacht und zwar genau wegen dieser scheinbaren Entfernung zur Realität. Und hier hat man natürlich die strengste aller Kunstformen. Selbst der Rhythmus ist vorgegeben. Ich muss mich an dem orientieren, was dort komponiert ist. Für mich ist es natürlich total interessant, bei einer Oper insbesondere die Musik zu studieren, weil bei klugen Komponisten die Musik sozusagen schon den Subtext transportiert.

Man ist in einer sehr boshaften Welt gefangen und träumt von etwas anderem.
Andreas Dresen über die Handlung von 'La fanciulla del West'

Fast eine Märchenfigur

BR-KLASSIK: Sie haben es hier nicht mit Donna Anna zu tun, sondern in diesem Fall mit Minnie – das ist die Heldin in dieser Puccini-Oper. Was ist das für eine Frau?

Minnie bedroht Jack Rance | Bildquelle: © W. Hösl Bildquelle: © W. Hösl Andreas Dresen: Sie ist fast eine seltsame Form von Projektionsfläche einer Männerwelt, in der sie im Prinzip neben einer Nebenfigur noch die einzige weibliche Figur ist und auf der anderen Seite auch fast eine Märchenfigur: eine Frau, die einen Barbetrieb leitet, behauptet, sie ist ungeküsst, Bibelstunden gibt in einer härtesten Männerwelt und sich dann per romantischer Liebeserklärung ausgerechnet an einen Räuber hingibt, oder Gangster, wie man heute sagen würde. Das ist schon ein bisschen kurios. Tatsächlich ist in dieser Figur ganz viel Sehnsucht da – wie bei den Männerfiguren auch. Man ist in einer sehr boshaften Welt gefangen, eine sozial sehr rauen Welt und man träumt von etwas anderem. Ich glaube, das "Ungeküsst" bei Mini meint nicht das Ungeküsstsein im wirklichen Sinne, sondern das Ungeküsstsein im Sinne einer romantischen Liebe, die sie sich immer so sehr wünscht. Ob sie die dann am Ende dieser Oper bekommt, wenn sie mit Johnson von dannen zieht, das mag man in Frage stellen, denn man kann die Welt und ihre sozialen Gegebenheiten nicht einfach hinter sich lassen.

Die drei Protagonisten sind total interessant in ihrer Zerrissenheit.
Regisseur Andreas Dresen

Die Ärmsten der Armen

BR-KLASSIK: Wenn sie den Blick werfen auf die Männerwelt, in der das spielt: Sind das hier die Exponenten einer Goldgräbergesellschaft oder wie definieren Sie die?

Bei den Goldgräbern geht es rabiat zu | Bildquelle: © W. Hösl Bildquelle: © W. Hösl Andreas Dresen: Jack Rance und Dick Johnson sind sehr zwielichtige, widersprüchliche Figuren, die sehr von ihrer Liebessehnsucht getrieben sind und sich in einem extremen Umfeld behaupten müssen, und das interessiert mich ehrlich gesagt an dieser Oper auch. Die drei Protagonisten sind natürlich total interessant in ihrer Zerrissenheit und die Männerwelt, von der sie umgeben sind, ist natürlich auch davon geprägt, dass diese Leute alle am sozialen Abgrund leben. Das sind – auch historisch betrachtet – die Ärmsten der Armen gewesen, die da in diese Goldgräber-Camps gezogen sind.

Man kann heutige Immigrationsbewegungen damit assoziieren: Leute gehen an einen anderen Ort – einen Unort, kann man sagen: damals war da wirklich nichts in Kalifornien – und da saßen in diesen Camps 98% Männer aufeinander, die tagsüber irgendwie nach dem kleinen Nugget gegraben haben und abends blieb ihnen auch nichts weiter übrig als Alkohol und Kartenspiel. Und natürlich war da die Sehnsucht nach Zuhause, die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Das fängt Puccini schon ziemlich gut ein im ersten Akt: Auf der einen Seite sind da diese Sehnsuchtsmotive und ein paar Takte später schlagen sie sich die Fresse ein und wollen jemanden aufhängen. Das schlägt auch immer so ganz rabiat und rhythmisch um in dieser Oper. Das finde ich total interessant, das hat auch etwas ganz Modernes.

Sendung: "Leporello" am 13. März 2019 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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Bayerische Staatsoper
Premiere: 16. März 2019, 18:00 Uhr

Inszenierung: Andreas Dresen
Chor der Bayerischen Staatsoper
Bayerisches Staatsorchester
Leitung: James Gaffigan

Live-Übertragung der Premiere auf BR-KLASSIK

Infos zu Terminen und Besetzung finden Sie auf der Homepage der Staatsoper.

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