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Rassismus in den USA Warum Deutschland für schwarze Künstlerinnen eine Chance war

Für afroamerikanische Künstlerinnen und Künstler war Deutschland jahrelang ein Sehnsuchtsort. Bis in die 1960er Jahre hinein kamen viele klassische Sängerinnen, um dem Rassismus in den USA zu entgehen und ihre Kunst überhaupt ausüben zu können. Die Historikerin Kira Thurman hat ein Buch darüber geschrieben: "Singing like Germans: Black Musicians in the Land of Bach, Beethoven, and Brahms".

Marian Anderson, 1955 | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

BR-KLASSIK: In ihrem Buch erzählen Sie von schwarzen afroamerikanischen Musikerinnen und Musikern, die in Deutschland aufgetreten sind oder hier ausgebildet wurden. Was hat diese Musikerinnen und Musiker überhaupt nach Deutschland geführt?

Kira Thurman: Für sie alle bot sich hier eine freiere und befreiende Atmosphäre als in den USA. In Deutschland gab es keinen solch ausgeprägten Rassismus wie in den Vereinigten Staaten. Wenn sie zum Beispiel in den 1890er Jahren nach Deutschland kamen, konnten sie in jedem Hotel übernachten und jedes Opernhaus oder jeden Konzertsaal betreten. Es gab keinerlei Beschränkungen für sie, weder im privaten noch im professionellen Bereich. Das hat alle Künstlerinnen und Künstler, die ich in diesem Buch vorstelle, besonders begeistert. Was sie überhaupt nach Deutschland geführt hat, war natürlich die Klassische Musik. Das Land von Bach, Beethoven, Brahms war für sie der beste Ort, um ihre musikalische Ausbildung zu absolvieren oder fortzusetzen.

BR-KLASSIK: Aus welchem sozialien Milieu kamen diese Musikerinnen und Musiker, und wie haben sie es aus finanzieller Sicht geschafft, nach Deutschland zu kommen?

Kira Thurman: Sie kamen aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten. Der berühmte Tenor der 1920er, 1930er Jahre, Roland Hayes, war der Sohn einer ehemaligen Sklavin. Er kam also aus wirklich armen Verhältnissen. Seine Ausbildung in Europa finanzierte er über Stipendien und Spenden. Später wurde er dafür in Europa äußerst erfolgreich. In den 1920er Jahren verdiente er umgerechnet circa 100.000 Euro im Jahr, wurde also finanziell unabhängig und vermögend.

BR-KLASSIK: Wie hat denn das Publikum reagiert in der Zeit, die sie erforscht haben?

Kira Thurman | Bildquelle: Leisa Thompson Die Historikerin Kira Thurman | Bildquelle: Leisa Thompson Kira Thurman: Es gab sehr gemischte Reaktionen auf diese Musikerinnen. Einige waren sehr offen und begeistert, wenn schwarze Musiker*innen Mendelssohn oder Wagner interpretierten. Sie hielten es für angebracht und sahen es als wichtigen Beweis für die Universalität deutscher Musik. Doch es gab auch die weit verbreitete Ansicht, daß man die ethnische Herkunft der Sängerinnen "heraushörte". So haben viele immer noch behauptet, daß sich ein Schubert Lied, gesungen von der afroamerikanischen Altistin Marian Anderson, "schwarz" anhörte. Ihre Stimme wurde als guttural, dunkel und rauchig beschrieben. Auftritte schwarzer Künstlerinnen wurde also sehr unterschiedlich aufgenommen und kritisiert. Das machte mir aber auch deutlich, wie subjektiv das Hörempfinden ist. Es wird nämlich stark von der persönlichen Einstellung beeinflußt.

BR-KLASSIK: Warum weiß man auch hierzulande so wenig über diese besonderen Musikerinnen und Musiker aus den USA?

Kira Thurman: Ich glaube, daß es mehrere Gründe dafür gibt. In den USA sind sie nicht so bekannt, weil sich ihre Karriere überwiegend in Europa abspielte. Deshalb tauchen sie in der amerikanischen Musikgeschichte nicht auf. Dazu gehören Sängerinnen wie Mattiwilda Dobbs und viele andere. In Bezug auf die deutsche Musikgeschichte könnte der Grund darin liegen, daß afroamerikanische Künstlerinnen und Künstler immer irgendwie als exotisch angesehen wurden und daher nie richtig integriert waren.

BR-KLASSIK: Wenn man heute auf Deutschland blickt, auf die kulturelle Offenheit, haben ihre Ergebnisse dann bis heute Gültigkeit?

Kira Thurman: Meine Forschungen machen deutlich, daß sich wirklich jeder Mensch für klassische Musik begeistern kann. Jede und jeder kann sie studieren und interpretieren. Wenn wir diese Erkenntnis im Hinterkopf behalten und erkennen, daß klassische Musik allen Menschen gehört, dann können wir auch lernen, sie mit anderen Ohren zu hören. Wir können klassische Musik hören, die von Menschen verschiedener Herkunft interpretiert wird, aus unterschiedlichen Gründen und Motiven.

BR-KLASSIK: Würden Sie sagen, dass in der Klassikwelt kein latenter Rassismus zu finden ist?

Kira Thurman: Nein, überhaupt nicht. Stattdessen meine ich, daß die klassische Musikwelt in Bezug auf Rassismus und Diversität auf der Bühne noch einen weiten Weg vor sich hat. Und nochmal: ein großes Problem stellt die soziale Voreingenommenheit dar, die unsere Hörgewohnheit beeinflußt. Wir müssen Stereotype überwinden, wie beispielsweise die Ansicht, daß asiatische Künstlerinnen und Künstler unterkühlt und nur auf die Technik konzentriert spielen. Wir gehen davon aus, daß schwarze Sänger*innen immer laut singen. Diese Erwartungshaltung müssen wir ablegen, wenn wir ein Konzert besuchen.

BR-KLASSIK: Gerade werden weltweit die Internationalen Wochen gegen Rassismus veranstaltet. Was halten sie denn von solchen Aktionen?

Buchcover – Kira Thurman: Singing Like Germans | Bildquelle: Cornell University Press Buchcover – Kira Thurman: Singing Like Germans | Bildquelle: Cornell University Press Kira Thurman: Das sind bestimmt sehr gute erste Schritte. Meine Forschungen zeigen allerdings, daß es natürlich nicht nur mit einer konzentrierten Aktionswoche getan sein kann. Das System der Engagements von Künstlerinnen an Opernhäusern und in Orchestern sollte unter verschiedenen Aspekten überdacht werden. Aber es ist ein Anfang. Es wäre wünschenswert, wenn Opernhäuser und Orchester nicht nur unterschiedliche Künstlerinnen engagierten, sondern Diversität auch auf administrativer und leitender Ebene umsetzten. Das sollte sich nicht nur auf besetzungstechnische Bereiche beschränken, sondern auch dramaturgische mit einbeziehen. Die Veränderungen müssten sich also bis hinauf in die Spitze auswirken.

Das Gespräche führte Julia Schölzel für BR-KLASSIK.

Sendung: "Leporello" am 17. März 2022, ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Donnerstag, 24.März, 07:59 Uhr

Mat Lorey

Verallgemeinerungen sind m. E. n. nicht sonderlich zielführend. Eine ideale Kunstwelt erträume ich mir, in der ethnische Aspekte schlichtweg egal sind. Herkunft, Hautfarbe und sexuelle Orientierung sollten weichen gegenüber Qualität und Können. Da hat eine kapriziöse, divenhafte Kathleen Battle (im übrigen so gar nicht guttural klingend) genauso ihren Platz, wie die grandiose (nicht nur) Wagner singende Jessye Norman (schmerzlich vermisst). Stereotype sollten auch dahingehend überwunden werden, dass gewisse Musik nur von gewissen Ethnien gemacht werden darf (Thema Cancel Culture), sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung.

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