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Interview mit BMU-Präsident Ortwin Nimczik "Wir können die Musiklehrer nicht backen"

Noch bis 30. September findet in Hannover der 4. Bundeskongress Musikunterricht 2018 statt. "Am Puls der Zeit" lautet das Motto. In über 400 Veranstaltungen wird über die Themenschwerpunkte Inklusion, Integration und Digitalisierung diskutiert. Wie steht es aktuell um den Musikunterricht an den Schulen? Fragen an den Präsidenten des Bundesverbands Musikunterricht Ortwin Nimczik.

Kreidetafel mit Notenlinien | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

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BR-KLASSIK: Sie sind sehr aktiv am Arbeiten und am Diskutieren, trotzdem findet keine große Änderung statt. Wäre da nicht mal eine ganz provokante Aktion vonnöten? Zum Beispiel, dass die Musiklehrer sagen: So, ab morgen unterrichten wir nicht mehr und dann schauen wir mal, was passiert?

Ortwin Nimczik, Präsident des Bundesverbandes Musikunterricht | Bildquelle: © Ortwin Nimczik Bildquelle: © Ortwin Nimczik Ortwin Nimczik: Nein, das Bewusstsein ist ja in den Ministerien und auch in der Gesellschaft da. Die Frage ist eigentlich nur: wie kriegen wir die Musiklehrer? Wir können die nicht einfach backen und sagen: jetzt lege ich irgendeinen Hebel um und morgen sind dann ganz viele Kolleginnen und Kollegen da. Das braucht auch ein spezifisches Bewusstsein und das müssen wir pflegen. Das heißt, das muss wirklich in allen Köpfen sein - dann kann sich was verändern. Nehmen wir den Grundschulbereich: Um potenzielle Musiklehrerinnen und Musiklehrer auszubilden, müssen Sie diese Erfahrung des Singens, der Stimmbildung und so weiter selber durchlaufen. Das ist ein Prozess. Sie müssen das wollen und müssen das dann übertragen. Wir haben in den Grundschulen sehr viele musikaffine Lehrerinnen und Lehrer. Ein Ansatzpunkt ist, diese weiterzubilden und damit in einer schnelleren und besseren Form, als es bei Seiteneinsteigern der Fall ist, zu qualifizieren.

Kopf, Hand, Fuß und Herz

BR-KLASSIK: Was wäre denn, wenn kein Musikunterricht mehr stattfinden würde?

Ortwin Nimczik: Da ginge uns ganz viel verloren, auch was die Kreativität und die Möglichkeit der musikalischen Erfahrung angeht. Es gibt ein wunderschönes Bild von Paul Klee, das trägt den Titel: „Hat Kopf, Hand, Fuss und Herz“. Das sind vier Komponenten und die sind wichtig für den Musikunterricht. „Hand und Fuß“: das ist etwas Bodenständiges, das bezieht sich auf den gesamten Körper, auf die musikalische Bewegung, auf die Handlung. „Herz“ bezieht sich auf ein Zentrum, auf Emotion, auf Gefühl. Und natürlich gehört der Kopf dazu: Verstand, Rationalität, Professionalität. Und das sind eigentlich Komponenten, die Musikunterricht auszeichnen. Die Lehrerbildung, die wir jetzt haben in der letzten Zeit, die geht in diese Richtung. Aber wir brauchen noch mehr, die so ausgebildet sind und das dann umsetzen.

BR-KLASSIK: Die Musik spielt ja neben der reinen musischen Bildung auch eine ganz andere wichtige Rolle, nämlich die Rolle der Integration. Wir sprechen immer von Leitkultur, und in Leitkultur steckt das Wort Kultur drin. Wie wichtig ist Musik für Integration?

Ortwin Nimczik: Schwerpunkt unserer Arbeit im Rahmen des Kongresses ist auch gerade die Frage: Wie kann ich mit Musikunterricht Sprache fördern? Das ist etwas ganz Wesentliches für die Integration. Wir zeigen Modelle und bieten die entsprechende Fortbildung an. Da liegen ganz große Chancen im Musikunterricht und die präsentieren wir auch.

Sendung: "Leporello" am 28. September 2018 ab 16:05 auf BR-KLASSIK

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