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Der Pianist Piotr Anderszewski Wenn das Stück in den Körper wandert

Akustik ist ihm nicht so wichtig. Ihm geht es um die Musik. Und um die Sichtweise des Künstlers, die sich stetig ändert. Am 21. Januar spielt Piotr Anderszewski im Herkulessaal in München Klavierwerke von Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven.

Piotr Anderszewski | Bildquelle: © Simon Fowler

Bildquelle: © Simon Fowler

BR-KLASSIK: Über die Akustik von Konzertsälen wird derzeit viel gesprochen – inwieweit interessieren Sie sich für diese Diskussion?

Piotr Anderszweski: Die Saalakustik interessiert mich eigentlich nicht so sehr. Klar, man braucht einen Ort, der irgendwie geeignet ist, um dort Musik zu vermitteln. Aber was mich hauptsächlich interessiert, das ist der Gehalt der Musik oder die Vorstellung des Interpreten. Darüber zu diskutieren finde ich viel interessanter, als über den Saalklang zu streiten. Davon abgesehen ist es natürlich schon so, dass es Konzertsäle gibt, in denen ich wirklich gerne spiele. Und die Elbphilharmonie gehört sicher dazu.

BR-KLASSIK: Sie spielen am Montag im Münchner Herkulesssaal – gibt es etwas, was Sie dort besonders beachten müssen, um den Gehalt der Musik zu transportieren?

Piotr Anderszweski: Das letzte Mal habe ich dort ein Klavierkonzert von Mozart gespielt, zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Soweit ich mich erinnere, ist das ein wirklich wundervoller Saal.

Ich glaube, es ist entscheidend, die richtige Balance zu finden.
Piotr Anderszewski

Offen für Neues

BR-KLASSIK: Sie spielen dort die Diabelli-Variationen von Beethoven, die sie im Jahr 2000 das erste Mal aufgenommen haben. Ist dieses Stück wie ein gutes Buch, von dem man sich immer wieder neu überraschen lassen kann?

Piotr Anderszweski: Ja, das kann man schon so sagen. Ich glaube, es ist entscheidend, die richtige Balance zu finden. Im Lauf der Zeit entwickelt man natürlich gewisse Ansichten, fast schon Gewissheiten über ein Stück. Und trotzdem: wenn die Musik so ein Kaliber, so eine Tiefe hat, passiert es immer wieder, dass man von ihr überrascht wird. Und dann muss man abwägen: Wie weit bleibe ich bei meinen Überzeugungen und inwieweit bin ich offen für Neues? Das ist die große Herausforderung.

BR-KLASSIK: Sie sind kein "Repertoirefresser", kreisen stattdessen wie ein Adler um ihre Beute, konzentrieren sich auf ein eng begrenztes Repertoire. Was reizt Sie daran?

Piotr Anderszweski: Ich würde gar nicht sagen, dass mich das reizt oder dass ich das gerne mache. Es stört mich sogar ein bisschen. Aber so bin ich eben. Ich will damit sagen: Das ist nichts, was ich mir aussuche. Es muss so etwas geben wie ein Gefühl von Notwendigkeit, damit ich mich ernsthaft mit einem Stück befasse. Aber ob sich dieses Gefühl einstellt oder nicht – das habe ich nicht wirklich in der Hand.

Es ist wichtig, der Musik immer wieder Fragen zu stellen.
Piotr Anderszewski

Die Gefahr der Routine

BR-KLASSIK: Trotzdem Sie so lange über ihren Stücken brüten, klingt Ihr Spiel nicht ätherisch oder vergeistigt – wie würden Sie Ihren Ansatz denn beschreiben?

Der Pianist Piotr Anderszewski | Bildquelle: MG de Saint Venant Piotr Anderszewski | Bildquelle: MG de Saint Venant Piotr Anderszweski: Naja, wie ich schon sagte: Wenn man ein Stück oft spielt, dann stellen sich Gewohnheiten ein. Das Stück wandert sozusagen in den Körper. Fast so, als würde es Teil deines genetischen Codes. Und gleichzeitig muss man aufpassen, dass die Interpretation frisch bleibt.
Wie ich im Zusammenhang mit den Diabelli-Variationen angemerkt habe: Es ist wichtig, der Musik immer wieder Fragen zu stellen. So, als würde man ein Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen. Wenn das nicht passiert, dann erstarrt man in den eigenen Routinen. Das ist schon eine Gefahr – gerade dann, wenn man viele Konzerte gibt und immer wieder dasselbe spielt. In gewisser Weise ist es da ein Glück, dass wir auf wechselnden Instrumenten und ständig in anderen Sälen spielen müssen. Sie haben das Thema Akustik ja angesprochen.

Balance ist wichtig

Als Pianist muss man sich da immer wieder neu anpassen, was einerseits sehr anstrengend ist, einen aber auch zwingt, flexibel zu bleiben. Sie können nicht einfach mit einer fixen Interpretationsidee ankommen, wenn sich die Konzertsituation ständig verändert. Da muss man eine Balance finden: Wie kann ich unter den und den Umständen das sagen, was ich mit einem Stück wirklich ausdrücken möchte? Man muss die Wirklichkeit berücksichtigen. Und die verändert sich immer. So etwas wie eine unveränderliche Realität, das gibt es nicht.

Subjektive Bach-Auswahl

BR-KLASSIK: Sie spielen im Konzert auch Auszüge aus dem Wohltemperierten Klavier von Bach – wie stellen sie diese Auszüge zusammen?

Piotr Anderszweski: In diesem Fall habe ich tatsächlich etwas gemacht, was ich normalerweise eigentlich nicht mache: Ich habe mir einige Präludien und Fugen ausgesucht und sie neu zusammengestellt. Ganz so, wie es mir dramaturgisch sinnvoll schien. Ich sehe das Wohltemperierte Klavier sowieso nicht so sehr als Zyklus. Klar, die Stücke sind nach Tonarten geordnet. Aber das bedeutet nicht, dass sie auch in dieser Folge gespielt werden müssen. Also, ich gebe zu: Ich habe da eine sehr subjektive Auswahl getroffen. Mit einer ganz eigenen Dramaturgie.

Infos zum Konzert

Montag, 21. Januar 2019
München, Herkulessaal der Residenz

Klavierabend mit Piotr Anderszewski

Johann Sebastian Bach:
Präludien und Fugen aus "Das wohltemperierte Klavier", Band 2 (Auswahl)
Ludwig van Beethoven:
"Diabelli-Variationen", op. 120

Sendung: Leporello am 18. Januar 2019 ab 16:05 auf BR-KLASSIK

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