BR-KLASSIK

Inhalt

150 Jahre Wagner-Verband München Blick nach vorne – und in die Nazi-Vergangenheit

Der Richard Wagner Verband München feiert sein 150. Jubiläum. Zum diesjährigen Kongress vom 14. bis 17. Oktober treffen sich wie immer Wagner-Fans aus dem In- und Ausland. Auf dem Programm stehen Ausflüge nach Herrenchiemsee und Ettal, Vorträge, Konzerte und sogar eine Opernaufführung: Wagners Frühwerk "Das Liebesverbot". Doch es wird auch um ein neues Buch gehen: Thema sind die Verstrickungen des Wagner-Verbands in der Nazi-Zeit. Der Münchner Verbandsvorsitzende Karl Russwurm hat es in Auftrag gegeben.

Richard-Wagner-Denkmal in München | Bildquelle: Joko/imageBROKER/SZ Photo

Bildquelle: Joko/imageBROKER/SZ Photo

150 Jahre Wagner Verband München

Gespräch mit Karl Russwurm, 1. Vorsitzender

BR-KLASSIK: Herr Russwurm, ist Ihr Kongress das Treffen einer wissenschaftlichen Gesellschaft oder eines Fan-Clubs?

Karl Russwurm: Richard-Wagner-Verbände veranstalten alljährlich sogenannte Kongresse. Natürlich ist es ein gemischtes Publikum und ein Großteil der Leute, die anreisen, sind Musikfreunde, sind Opernfreunde, lieben Richard Wagner ganz besonders. Ein Teil ist auch der Wissenschaft verpflichtet. Und eine große Veranstaltung ist ein sogenanntes Symposion, da wird es bei uns in München drei Vorträge geben rund um das Thema – wie sollte es anders sein – Ludwig II. und Richard Wagner in München. Da sprechen hochrangige Wissenschaftler zu diesem Thema an einem Nachmittag im Künstlerhaus [am Lenbachplatz, Anm.d.Red.].

BR-KLASSIK: Wenn man auf die Chronik Ihres Verbandes schaut: Sie haben eine ziemlich wechselvolle Geschichte. Mir ist aufgefallen, dass zu bestimmten Zeiten nur Frauen an der Spitze standen – woran liegt das?

Karl Russwurm: Es gab Zeiten – Kriegszeiten, Krisenzeiten, Zeiten in denen wirtschaftlicher Aufbau, Gründerzeit usw. im Vordergrund standen – wo Frauen sich der Sache annahmen, weil einfach die Hinwendung zum Werk Richard Wagners ungeheuer groß war. Die Frauen fanden an der Seite durchaus großzügiger Sponsoren und reicher Ehegatten ihr Betätigungsfeld.

BR-KLASSIK: Auch in der Nazi-Zeit war es ein reiner Frauenverband ...

Karl Russwurm: In der Nazi-Zeit war es vor allem einer Person geschuldet, eine Frau Wölfel [Elisabeth Wölfel, 1. Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbands München 1933–45], die in München die Sache befördert hat. Sie hatte engste Beziehungen zu Adolf Hitler. Und sie konnte natürlich an dieser Stelle punkten: Das heißt, sie konnte Parteigrößen und wichtige Leute, die damals eben an die Macht kamen, davon überzeugen, dass es sich hier um ein großes Kulturgut handelt. Die meisten Nazis waren keine Opern- oder Wagnerfreunde. Aber wenn der "Führer" dem natürlich besonders gewogen ist, was er ja nachweislich war, dann hat man sich auch diesem Verein bereitwillig zugewendet.

BR-KLASSIK: Sie haben die Geschichte Ihres Verbandes während der Nazi-Zeit aufarbeiten lassen, indem Sie ein wissenschaftliches Buch in Auftrag gegeben haben. Die Autorin ist Mitglied in Ihrem Verband, Elisabeth Fuchshuber-Weiß, der Titel des Buchs: "Zwischen Tatkraft und Verblendung". Wie kam es zu diesem Auftrag?

Karl Russwurm: Das war eine Idee von mir ...

BR-KLASSIK: Warum so spät eigentlich? War dem Verband die eigene Geschichte peinlich, war ihm das zu heikel?

Karl Russwurm: Ich denke, viele Verantwortliche und Verbandsmitglieder sind ein wenig des Themas überdrüssig, weil man gerade in der Presse einfach verkürzte Darstellungen liest. Wenn man beide Seiten der Medaille beleuchtet, dann hat niemand irgendeinen Einwand: Richard Wagner hat kritische Dinge geschrieben, beflügelt auch von seiner zweiten Frau Cosima. Aber: Wenn man dann genauer hinschaut, hat er so viel von sich gegeben, er hat so viel theoretisches Werk hinterlassen und so viel erarbeitet, dass es uns ein wenig ungerecht erscheint – vor allem neben dem wunderbaren musikalischen Werk – einseitig dieses Thema in den Vordergrund zu stellen. Das ist eine gewisse Ermüdungserscheinung, und da wollen die Leute, wenn schon, dann etwas Fundiertes hören. Und das hat Elisabeth Fuchshuber-Weiß mit ihrem Buch getan, indem sie den Richard-Wagner-Verband München in der "Hauptstadt der Bewegung" 1933–1945 akribisch wissenschaftlich aufgearbeitet hat.

BR-KLASSIK: Erwarten Sie, dass bei dem anstehenden Kongress dieses Buch diskutiert wird?

Karl Russwurm: Davon gehe ich aus. Frau Fuchshuber-Weiß ist vertreten in einem Programmpunkt dieses Kongresses, sie ist Ansprechpartnerin, sie macht das auch gerne. Ich denke, das wird ein Thema sein.

BR-KLASSIK: Gibt es Leute in Ihrem Verband, denen das Thema ein Dorn im Auge ist?

Karl Russwurm: Mir ist nichts zu Ohren gekommen. Aber ich denke schon, dass es nicht überall auf Begeisterung stößt. Wenn man ehrlich ist: Es gibt auch Leute, die sagen: "Jetzt wollen wir nix mehr davon hören, jetzt schauen wir nach vorne!" Mir war es aber von Anfang an ein Anliegen, auch für uns, für unsere 150-jährige Geschichte dieses Thema aufs Tapet zu bringen. Wenn einzelne etwas dagegen haben, dann ist das bei rund 370 Mitgliedern normal. Aber sie haben bisher geschwiegen.

Internationaler Richard Wagner Kongress 2021 in München: 14.–17. Oktober, das ganze Programm hier

Sendung: "Leporello" am 13. Oktober 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (0)

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein. (noch Zeichen)
Bitte beachten Sie, dass Ihr Kommentar vor der Veröffentlichung erst noch redaktionell geprüft wird. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Richtlinien.

Spamschutz*

Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein:

Acht plus vier ergibt?
Zu diesem Inhalt gibt es noch keine Kommentare.

    AV-Player