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Jahresrückblick 2021 – Teil 2 Der Dirigent Teodor Currentzis polarisiert

Man sagt ihm wahlweise magische Kräfte nach – oder man hält ihn für einen esoterischen Spinner: den griechischen Dirigenten Teodor Currentzis, der in den vergangenen Jahren mit seinem Originalklang-Orchester musicAeterna international zum musikalischen Bilderstürmer aufgestiegen ist. Er polarisiert, vor allem mit seinen Mozart-Interpretationen. Aber ist das schlimm?

Teodor Currentzis und musicAeterna auf den Salzburger Festspielen 2021 | Bildquelle: SF / Marco Borrelli

Bildquelle: SF / Marco Borrelli

Highlights 2021

Salzburger Festspiele – Der Dirigent Teodor Currentzis polarisiert

Mit der Einspielung der drei Mozart-Opern "Figaros Hochzeit", "Don Giovanni" und "Così fan tutte" hat in den Jahren 2014 und 2015 der Ruhm des Teodor Currentzis begonnen. Da machte dann auch schnell der schöne Satz die Runde: "So hat man Mozart noch nicht gehört" – so wild, so leidenschaftlich. Oder – wie es damals schon Kritiker formuliert haben – "so unerhört auf Effekt getrimmt". Bereits da schieden sich die Geister. Was dem einen Rezipienten musikalische Offenbarung war, fügte dem anderen beim Hören physischen Schmerz zu. Das darf sein, das muss die Musikwelt aushalten.

Salzburger Don Giovanni: Skandal oder Geniestreich?

Im Salzburger Festspielsommer 2021 hat die Auseinandersetzung um den Wahlrussen Currentzis einen neuen Höhepunkt erreicht. Oder soll man sagen: Tiefpunkt? Was war geschehen? Zur Ouvertüre von Mozarts "Don Giovanni" gab's nicht nur Musik im Großen Festspielhaus, sondern da plumpste mit viel Lärm aus dem Schnürboden eine zwar wohl entkernte, aber immer noch ansehnlich schwere Limousine auf die Bühne. Später ein ausgewachsener Flügel. Und eigentlich musste man bis zum Schluss der Vorstellung mit weiteren Himmelsstürzen rechnen. Eine Zumutung? Vielleicht.

Szene aus "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen 2021, Inszenierung: Romeo Castellucci | Bildquelle: SF / Ruth Walz Limousinen und Basketbälle: Umstrittene Don-Giovanni Inszenierung bei den Salzbuger Festspielen 2021 | Bildquelle: SF / Ruth Walz Aber eben auch Teil des Regiekonzepts von Romeo Castellucci, auf das sich Currentzis eingelassen hatte. Da ging eine Welt in die Brüche. Und für manche Kritiker begab sich nichts weniger als die öffentliche Ermordung Mozarts. Von einem "neuen Führerkult" um einen Dirigenten war da die Rede, von einem "ästhetischen Terroranschlag". Da fragt man sich als Opernfan, der sich grundsätzlich mit Neugier auf neue Produktionen einlässt: Geht’s eigentlich auch eine Nummer kleiner?

Dirigent Currentzis und Regisseur Castelluci: zwei Extremkünstler

Bei diesem Salzburger "Don Giovanni" ist niemand gestorben, da haben nur zwei Extremkünstler eine Welt auseinandergenommen und anders zusammengefügt. Currentzis und Castellucci machen mit ihrer Mozart-Deutung dem Publikum ein Angebot. Das kann man annehmen – oder ablehnen. Die Materialschlacht auf der Bühne. Das Spiel mit Extremen im Orchestergraben. Die irrwitzigen Tempi, die oft abrupten dynamischen Wechsel. Die manieristisch daherkommende Pose des Dirigenten. Aber das alles ist kein Grund, die "überfällige öffentliche Entzauberung von Teodor Currentzis" zu fordern, wie das in einem Teil des deutschen Feuilletons geschehen ist. Das erinnert an den Tag (vor vielen Jahren), an dem der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki öffentlich im Fernsehen den Schriftsteller Heinrich Mann aus der Weltliteratur katapultierte. Das erinnert auch an die Rezension, in der Joachim Kaiser nach einem "Fliegenden Holländer" an der Bayerischen Staatsoper die ablehnenden Publikumsreaktionen als "töricht" abgekanzelt hat. Das ist Kritiker-Hybris, die niemand braucht. Vor allem, weil in Salzburg Currentzis (dem Schlussjubel nach zu urteilen) die Zuhörerschaft mit seiner Sichtweise auf Mozart begeistert und überwältigt hat.

Spaß am Zuhören statt Kritiker-Hybris

Es ist beglückend, eine tiefsinnige und doch so federleichte Mozart-Deutung wie die von Joana Mallwitz zu erleben: "Così fan tutte", ebenfalls bei den Festspielen in Salzburg. Aber neben ihr hat auch der "Polarisierer" Teodor Currentzis seinen Platz. Und schließlich kann man das Ganze auch entspannt und mit Humor sehen – wie Regisseur Matthias Remus, der mit Currentzis in Russland zusammengearbeitet hat. Von Remus stammt der Satz: "Man kann gar nicht so schnell zuhören, wie Currentzis dirigiert."

Sendung: "Allegro" am 17. Dezember 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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