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JAHRESRÜCKBLICK 2021 – TEIL 3 Oksana Lyniv als erste Dirigentin in Bayreuth

Nach der Absage der Bayreuther Festspiele im vergangenen Jahr durften 2021 wieder Wagner-Fans zum Grünen Hügel pilgern. Corona-bedingt fehlte zwar der rote Teppich, auch die Eröffnungspremiere "Der Fliegende Holländer" des russischen Regisseurs Dmitri Tcherniakov fand die Kritik mau. Dafür sorgte sie für umso mehr Aufsehen: Oksana Lyniv, die erste Frau am Pult im Bayreuther Orchestergraben.

Dirigentin Oksana Lyniv interpretiert den "Fliegenden Holländer". | Bildquelle: Bayreuther Festspiele/Oleksandr Samilov

Bildquelle: Bayreuther Festspiele/Oleksandr Samilov

Oksana Lyniv ist eine der großen Gewinnerinnen bei der Eröffnungspremiere am Grünen Hügel. Die Kritik ist sich einig: ein fulminantes Bayreuth-Debüt. "Straff, energetisch, auf den Punkt", jubelt der BR-Klassik-Kritiker über ihre "Holländer"-Interpretation. Wie sie die Dynamik steuert, Mittelstimmen hörbar macht und schwierige Übergänge koordiniert, das sei wirklich großes Kino. (den komplette "Fligenden Holländer"-Inszenierung zum Nachhören gibt es hier.) Klar, ihr Geschlecht bleibt das zentrale Thema der Berichterstattung. Schließlich ist sie die erste Frau überhaupt, die im Bayreuther Festspielhaus dirigieren darf. So kann es sich das Feuilleton auch nicht verkneifen, Lynivs Aussehen zu thematisieren: Diese "kleine, zarte Person", das sei doch mal eine nette Abwechslung zum "Typ im fetten Frack". Maestra Lyniv hingegen konzentriert sich aufs Wesentliche: ihre "Erfahrung und Intuition". "Meine erste Probe war überraschend gut – ich habe irgendwie ziemlich schnell verstanden, was das ausmacht, dass es möglichst harmonisch klingt", so die Dirigentin über ihre Arbeit im Bayreuther Orchestergraben.

"Holländer"-Regie von Dmitri Tcherniakov: Kontrovers bis enttäuschend

Georg Zeppenfeld (Dalan) und Attilo Glaser (Der Steuermann) mit dem Chor und Statisten der Bayreuther Festspiele bei einer Probe zu "Der fliegende Holländer". Inszenierung: Dmitri Tcherniakov, Musikalische Leitung: Oksana Lyniv. | Bildquelle: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath "Der Fliegende Holländer" als Netflix-Drama: Szenenbild der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov | Bildquelle: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath Regisseur Dmitri Tcherniakov hingegen ist einer der Verlierer dieser "Holländer"-Premiere. Seine Deutung, die den Holländer auf Netflix-Rache-Drama bürstet, überzeugt nur wenige. (Den kompletten Video-Mitschnitt gibt es hier.) Vielleicht liegt es daran, dass er gegen den Text arbeitet; vielleicht daran, dass er Erwartungen enttäuscht, indem er – völlig zeitgemäß – den Opfertod einer Frau am Ende verweigert. Vielleicht hakt es aber auch einfach daran, dass sein Konzept bühnentechnisch nur schwer umzusetzen ist. Dies führt in der Endprobenphase zu einem, für erfahrene Kräfte im Haus wohl vorhersehbaren Kurzschluss an einem Bühnenmotor und damit zu einem Brand im Bühnenbild. Das Worst-Case-Szenario vor einer Premiere.

Bayreuther Festspiele 2021: Wenig Gesamtkunstwerk, viel Corona

Die Bayreuther Festspiele 2021 müssen sich corona-bedingt umstellen: Wenig Gesamtkunstwerk, viel Konzertantes. Die halbkonzertante Walküre mit Farbperformance des Aktionskünstlers Hermann Nitsch kommt nach einer kurzen Gewöhnungsphase gut an, genau wie der konzertante Parsifal, dirigiert von Christian Thielemann, und die Festkonzerte unter Andris Nelsons. Zudem setzt die von ihrer lebensbedrohlichen Lungenembolie genesene Katharina Wagner auf strenge Kontrolle.

Es gibt zwei getrennte Orchester, so dass im Fall eines positiven Tests gleich die ganze Besetzung ausgetauscht werden kann. Auch zwei Chöre gibt es: Der eine spielt auf der Bühne und öffnet stumm den Mund. Der andere wird über ein aufwendiges Raumakustiksystem auf die Bühne übertragen, aus dem Chorsaal, wo die Sängerinnen und Sänger einzeln in Plastikkabinen sitzen und singen – die "Legebatterie" für den Chor, witzelt die Belegschaft. Doch schwere Bedingungen seien besser als gar keine Vorstellung, so eine Chorsängerin: "Ich bin wirklich sehr dankbar, dass wir überhaupt hier singen dürfen. Aber auf der Bühne kommt die Seele und mir fehlt, dass ich das dieses Jahr nicht erleben kann."

Bayreuther Festspielhaus: "Team Vorsicht" in Sachen Corona

Asmik Grigorian (Senta) und der Chor der Bayreuther Festspiele bei einer Probe zu "Der fliegende Holländer".  Inszenierung: Dmitri Tcherniakov, Musikalische Leitung: Oksana Lyniv. | Bildquelle: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath Sopranistin Asmik Grigorian bei ihrem Bayreuh-Debüt als "Senta" | Bildquelle: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath Auch ansonsten gilt am Grünen Hügel: Zuschauerregistrierung, 3G-Regel, kein roter Teppich, nur 50-prozentige Auslastung, Masken im Zuschauerraum, Garderobe und Toiletten dezentral. Damit sich möglichst wenig Leute im Haus gleichzeitig aufhalten, lagern einige Abteilungen in einer Zeltstadt hinter dem Festspielhaus. Außerdem hat die Kantine hat geschlossen und alle Mitwirkenden werden täglich schnellgetestet, viele sogar per PCR-Testung mehrmals die Woche. Das zehrt an den Nerven, merkt man der Senta-Sängerin Asmik Grigorian an: "Wenn ich dadurch auftreten darf, mach ich eben meinen täglichen Test, das kostet mich nicht so viel Energie – auch wenn ich das ein bisschen übertrieben finde." Doch was im Sommer manchem übertrieben schien, wirkt heute rückblickend, während wir die vierten Corona-Welle erleben, vorausschauend. Eine Arche baut man eben, bevor die Flut kommt …

Sendung: "Allegro" am 21. Dezember 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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