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Zum Tod von Joachim Kaiser "Ich tue etwas, das vielleicht bleibt"

Joachim Kaiser war nicht nur eine Münchner Institution, sondern begeisterte mit seinen enthusiastischen Kritiken und Vorträgen sein Publikum über die Grenzen Deutschlands hinaus. Jetzt ist der Kritiker im Alter von 88 Jahren gestorben.

Kulturkritiker Joachim Kaiser | Bildquelle: Jürgen Bauer/Süddeutsche Zeitung Photo

Bildquelle: Jürgen Bauer/Süddeutsche Zeitung Photo

Zum Tod von Joachim Kaiser

Eine Würdigung

Joachim Kaiser war es in all seinen Vorträgen und Aufsätzen stets wichtig, komplizierte Themen und Zusammenhänge möglichst lebensnah, pointiert und auch mit Humor zu präsentieren, ohne den ernsten Inhalt zu denunzieren oder lächerlich zu machen. Er wollte, dass man versteht, um was es geht - sinnlich und konkret. Mit seinem unnachahmlichen Ton brachte Joachim Kaiser seinem Publikum seine Hör-Erfahrungen nahe, oft in notennaher Erörterung. Die Dramaturgie des Aus- und Einatmens in seinen Vorträgen war berühmt. Er rollte das ostpreußische "R" etwas länger als nötig, er näselte, er warf das Haupt und schüttelte seine grauen Locken wie ein Maestro.

Wenn er ans Rednerpult trat, stützte er oft die Arme seitlich in die Flanken oder verschränkte sie, die Geste des Nachdenkens verstärkend, auch gerne über der Brust. Und er liebte es, mit den Händen zu reden. Dass mancher ihn als manieriert und eitel wahrnahm, störte ihn nicht. Auch wenn er den Professor gab, wirkte er stets listig und schalkhaft, denn amüsant und kundig dozieren - das tat er für sein Leben gerne.

Mit großer Sensibilität

Schüchternheit gehörte nicht zu den Eigenschaften Joachim Kaisers, wenngleich er eine große Sensibilität gegenüber allem hatte, was im Kulturleben von Bestand und überzeitlicher Wichtigkeit ist. Sonst hätte er nach dem Studium der Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main, Göttingen und Tübingen nicht diese einzigartige Karriere gemacht, die 1951 mit einem Paukenschlag begann.

Kulturkritiker Joachim Kaiser 1972 | Bildquelle: picture-alliance / KPA Copyright Joachim Kaiser (1972) | Bildquelle: picture-alliance / KPA Copyright

23-jährig rezensierte er als erster Adornos Buch die "Philosophie der Neuen Musik". Daraufhin wurde er Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Frankfurter Hefte und kurz darauf Mitglied der tonangebenden literarischen Vereinigung, der Gruppe 47 um Hans Werner Richter. 1959 übernahm Kaiser die Leitung des Kulturressorts der Süddeutschen Zeitung. Joachim Kaiser wusste um sein Glück. Er wurde in eine Zeit hinein geboren, die sein Talent begünstigte. Der Bildungshunger der Nachkriegszeit, die fetten Jahre von Rundfunk und Printmedien haben ihm eine kontinuierliche und sehr erfolgreiche Karriere beschert, wie sie nach seiner Meinung heute wohl nicht mehr möglich wäre.

Der "Klavier-Kaiser"

Verbale Kultur-Lust in konzentrierter Form kennzeichnete den Mann, der mehr als fünfzig Jahre das deutsche Feuilleton prägte und dabei populärer als viele jüngere Kollegen war. Tief beeindruckt haben ihn Begegnungen mit drei Genies des 20. Jahrhunderts: Furtwängler, Bernstein und Arthur Rubinstein. Sein Wissen speziell über Pianisten schien unbegrenzt und so erhielt er neben zahllosen offiziellen Ehrungen den Beinamen "Klavier-Kaiser". Er war kein Kritiker, der den lustvollen Verriss pflegt. Sein Ton war immer voller Respekt für das Werk und seine Interpreten. Und wenn er kritisierte, dann in der Sache gnadenlos, aber in der Form eher ermahnend, ermunternd, fast entschuldigend.

Je sanfter seine Stimme wird, desto erbarmungsloser fällt am Ende das Verdikt aus, als bitte er schon im Zustoßen um Vergebung.
Ehemaliger FAZ-Herausgeber Joachim Fest über Joachim Kaiser

Es ging ihm immer um die Haltung

Kulturkritiker Joachim Kaiser | Bildquelle: Stephan Rumpf/Süddeutsche Zeitung Photo Joachim Kaiser (2008) | Bildquelle: Stephan Rumpf/Süddeutsche Zeitung Photo

Kaiser hat die deutsche Rezeption klassischer Musik maßgeblich geprägt, doch schrieb er über Thomas Manns "Doktor Faustus" oder Shakespeares "Kaufmann von Venedig" mit ebenso phänomenaler Klarsicht und Differenziertheit wie über musikalische Themen. Als Rezensent von Literatur hielt sich Joachim Kaiser nach eigenen Einschätzungen für wesentlich moderner und progressiver denn als Musikkritiker. Sein auch für Laien verständlicher Stil prägte seine Kritiken ebenso wie seine wichtigen Bücher von den "Großen Pianisten in unserer Zeit" bis zum "Leben mit Wagner". Er war im Hörfunk präsent, gestaltete auf Bayern 4 Klassik, heute BR-KLASSIK, viele Jahre die Serie "Kaisers Corner" und selbst populäre Plattformen scheute er nicht: Jahrelang hatte er eine Kolumne in der Bunten. Noch zum Ende seiner Karriere war er in einem Video-Blog auf der Internetseite der SZ zu erleben.

Am liebsten aber schrieb Joachim Kaiser seine Gedanken nieder. Und er gab auch ehrlich zu: "Der erste Grund ist der pure Egoismus. Es macht Spaß zu schreiben, man drückt sich gerne aus, man möchte überlegen sein, man hat so das Gefühl, da tue ich etwas, das vielleicht bleibt." Und egal worüber er schrieb oder sprach - es ging ihm um die Haltung. Oder besser um die ansteckende Überzeugung, dass das, woran er gerade schrieb, die wichtigste Sache der Welt war.

Zum Tod von Joachim Kaiser - Sondersendungen auf BR-KLASSIK

12. Mai 19.05 Uhr - Wiederholung der Sendung "Meine Musik" mit Joachim Kaiser aus dem Jahr 2004
15. Mai 18.05 Uhr - Kaisers Konzertführer: Beethovens Fünfte Symphonie
16. Mai 18.05 Uhr - Kaisers Konzertführer: Schuberts Streichquintett C-Dur

Sendung: "Leporello" auf BR-KLASSIK, 11. Mai 2017, 16:05 Uhr

Kommentare (4)

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Montag, 15.Mai, 15:15 Uhr

Eggersdorfer Josef

Erinnern!

Kaisser´s Corner bitte dauernd zur Verfügung stellen

Montag, 15.Mai, 10:35 Uhr

werner schulenberg

Joachim Kaiser

München leuchtet weniger-du holde Kunst ... danke Joachim Kaiser

Donnerstag, 11.Mai, 21:48 Uhr

Kaiserfan

Kaiser's Corner

Es wäre so wunderbar, wenn seine Sendereihe "Beethoven - Werk und Wirkung" auf BR-Klassik wiederholt werden könnte!
Ich werde diese Sendungen nie vergessen.

Donnerstag, 11.Mai, 21:45 Uhr

Hermann Fuchs

Joachim Kaiser - ein wahrer Musikkritiker

Joachim Kaiser war für mich der wahre Musikkritiker. Denn ihm ging es nicht darum sich selbst zu zelebrieren, den Leser mit abstrusen pseudointelektuellen Wortschöpfungen zu quälen und die eigene Eitelkeit zu pflegen. Für ihn stand die Musik und Ihre Ausführenden an erster Stelle, er nahm die Künstler und den Komponisten und sein Werk ernst. Das zeigte sich darin, dass seine Kritiken zu 70% die Sänger, den Dirigenten, das Orchester und die musaikalische Ausführung behandelten und das mit höchsten Sachverstand und Kenntnisreichtum. Regie und alles andere war dem untergeordnet, das Mittel zum Zweck und nicht die Hauptsache, so wie ich es heute erlebe. Heute können die Künstler froh sein, wenn sich 15% einer Kritik mit Ihnen und Ihren Leistungen beschäftigt. Nach einer Kritik von Joachim Kaiser hat man gewußt wie es um die musikalische Leistung stand und deren Ausführenden. Das gibt es heute nur noch selten. Vielen Dank, Hr. Kaiser.

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